Bundesweit ist Berlin bei der Wertevermittlung ein Sonderfall. Religion ist kein reguläres Schulfach, sondern wird nach Unterrichtsschluss in der Regie der Religionsgemeinschaften angeboten. Ermöglicht wird das durch die sogenannte Bremer Klausel im Grundgesetz, laut der Religion nicht überall ein ordentliches Lehrfach zu sein hat. Außer in Berlin wird die Klausel in Bremen und Brandenburg angewandt. Den Kirchen ist der Verzicht auf Religion als ordentliches Lehrfach seit jeher ein Dorn im Auge.
Für eine Gleichstellung von Religions- und Ethikunterricht macht seit Monaten ein Bündnis aus aktiven Christen und einigen Christdemokraten mobil. Vor Kirchen und Moscheen, auf Plätzen und Straßen, und auch in Schulen sammelt der Verein "Pro Reli" Unterschriften für ein Volksbegehren. Die Chancen stehen nicht schlecht: 135 000 Stimmen seien gezählt, erklärte Pro-Reli-Sprecherin Julia Sebastian am Montag, "wir gehen davon aus, dass viele Listen noch in den Gemeinden liegen. Auch über Weihnachten erwarten wir noch einen Schub."
Mit vereinten Kräften will die Initiative sich vor den Feiertags- Gottesdiensten positionieren und für ihr Anliegen werben. Kommen bis zum 21. Januar 170 000 Unterschriften zusammen, werden alle Berliner im Juni 2009 aufgerufen, über die Einführung eines Wahlpflichtbereiches zu entscheiden. Dann wäre es jedem Schüler, beziehungsweise seinen Eltern, überlassen, ob er Ethik oder Religion lernt. Nach dem Wunsch von Pro Reli würden beide Fächer zudem bereits von der ersten Klasse an angeboten. Der Pflicht-Ethik-Unterricht, den der rot-rote Senat 2006 einführe, startet in Klasse sieben. 700 000 Stimmen werden benötigt, um den Senat zu zwingen, das Schulgesetz zu ändern.
An prominenter Unterstützung mangelt es der Initiative nicht. Dass Bischof Wolfgang Huber und Georg Kardinal Sterzinsky für sie werben, kann kaum überraschen. Aber auch Fernsehmoderator Günter Jauch und Fußballer Arne Friedrich unterstützen öffentlich Pro Reli; außerdem Politiker, von Wolfgang Thierse bis Wolfgang Schäuble.
Im Vordergrund der Kampagne steht das Argument der Wahlfreiheit. "Freie Wahl" prangt auf den Schildern, mit denen Pro Reli wirbt - eine Forderung, der sich mutmaßlich auch viele anschließen, die mit Religion nicht viel zu tun haben. Das - in der Hauptstadt fehlende - Grundrecht auf Religion als ordentliches Lehrfach steht erst an zweiter Stelle.
Pro Reli eint viele, aber nicht alle Christen. Die Initiative "Christen pro Ethik" stellt sich hinter den Ethikunterricht für alle. In einer Stadt, in der 43 Prozent der Unter-15-Jährigen aus Zuwandererfamilien stammten, sei ein Dialog zwischen den Kulturen und Religionen unerlässlich, betont ihr Sprecher Gerhard Weil: "Setzt Pro Reli sich durch, kommt es zur Spaltung: Christliche Kinder diskutieren in der einen, Nicht-Christen, also überwiegend junge Muslime, in der anderen Klasse."
Der Aufruf von "Christen pro Ethik" für den Erhalt des bestehenden Modells wurde von mehr als 20 Theologen und Pastoren unterzeichnet. Zu ihnen gehören der prominente Kirchen-Kritiker Eugen Drewermann, die ehemalige brandenburgische Ausländerbeauftragte, Almuth Berger, und der Ex-Generalsekretär von Pax Christi, Joachim Garstecki. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft setzt sich für den Erhalt des Ethik-Unterrichts ein.
Der GEW-Bundesausschuss für Multikulturelle Angelegenheiten untermauerte die Forderung mit Zahlen. In einer repräsentativen Umfrage Anfang Dezember sprachen sich 58 Prozent der befragten Berliner für einen gemeinsamen Ethikunterricht als Pflichtfach mit Religionsunterricht als freiwilligem Zusatzfach aus. 40 Prozent befürworteten getrennten Unterricht. Noch im Juni hatten lediglich 41 Prozent für ein Pflichtfach Ethik und 57 Prozent für einen Wahlpflichtbereich gestimmt.
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