Die Wechselstimmung in Nordrhein-Westfalen hat nun auch 500 Grundschulleiter erfasst: Sie fordern in diesen Tagen ein längeres Lernen an ihren Schulen. "Vier Jahre sind zu kurz, um jedem Kind dieselben Chancen zu geben", heißt es in dem Aufruf an die Düsseldorfer Landesregierung (siehe FR vom 9.2.).
In drei Monaten wird im größten Bundesland gewählt und mehr als jemals zuvor wird an Rhein und Ruhr die Schule der Zukunft verhandelt. Ein wunder Punkt von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU): Vertritt er sonst den linken Flügel seiner Partei, ist er in der Schulfrage doch stockkonservativ. Die CDU jedenfalls hält in Nordrhein-Westfalen stramm am gegliederten Schulsystem fest.
Dabei spricht die CDU längst nicht mehr mit einer Stimme. Ausgerechnet in den konservativen Gemeinden Horstmar und Schöppingen im Münsterland haben CDU-Bürgermeister eine sogenannte "Profilschule" gegründet, bei der Schüler von Real-, Gesamt- und Hauptschulen unter einem Dach lernen. In den beiden Kleinstädten gab es schlicht zu wenig Anmeldungen für Haupt- und Realschule. Nur zähneknirschend stimmte NRW-Bildungsministerin Barbara Sommer (CDU) dem Antrag ihrer Parteigenossen zu.
Für die schwarz-gelbe Koalition ist die Frage der Schulstruktur dabei überlebenswichtig: Sie hat in ihrem Koalitionsvertrag das dreigliedrige System festgeschrieben. Sommer fordert immer wieder, "die Hauptschule zu stärken". Die Bildung könnte in NRW nun zu einem vergleichbar umstrittenen Objekt werden wie in Hamburg. Denn die Opposition will statt der vielen kleinen schwarz-gelben Reformen der vergangenen Jahre den großen Umschwung: SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft (SPD) fordert einen radikalen Umbau der Bildungsstätten zu einer Gemeinschaftsschule für alle Schüler bis zur zehnten Klasse. In den 1970er-Jahren war die SPD mit dieser Idee noch an der Wahlurne gescheitert - nun glaubt sie eine Mehrheit hinter sich zu haben. "Ministerpräsident Rüttgers ist in seiner eigenen Partei längst zum ideologischen Dinosaurier der Schulpolitik geworden", so Kraft.
Studien für die Wählergunst
Bei einem Wahlsieg wollen die Sozialdemokraten viele schulpolitische Beschlüsse von CDU und FDP wie die umstrittenen Kopfnoten und die verbindlichen Grundschulempfehlungen wieder einkassieren. Schüler sollen das Abitur sowohl nach zwölf als auch nach 13 Jahren ablegen können. Die Klassengröße soll auf maximal 25 Kinder begrenzt werden.
Unabhängig von den Düsseldorfer Querelen votieren Eltern in NRW schon seit Langem für die Gesamtschulen: Deren Anmeldezahlen steigen rasant. "Die Eltern stimmen mit den Füßen ab", sagt Berthold Paschert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Er glaubt, die Bereitschaft zu einer grundlegenden Veränderung im Land sei hoch. "Der frühe Selektionsdruck ist doch unerträglich", so Paschert. Passend: Auch die Grünen und die Linke wollen eine Schule für alle.
Zurzeit sieht es in den Umfragen nach einem sehr knappen Rennen aus, dass sich schwarz-gelb und rot-rot-grün in NRW liefern. Entsprechend betreiben auch die unterschiedlichen Interessengruppen von Lehrern, Eltern und Schülern ihren eigenen Wahlkampf. Der mächtige Philologenverband etwa, Stimme der Gymnasiallehrer, hat sich an die Spitze des "Aktionsbündnisses Schule" gesetzt. Die Bewegung will die einzelnen Schultypen weiterhin trennen. "Die Vielfalt der Schulen muss erhalten bleiben", so der oberste Landesphilologe, Peter Silbernagel.
Und die GEW? Sie will kurz vor der Landeswahl ein Memorandum des Bildungsforschers Klaus Klemm vorstellen, das für die nordrhein-westfälische Schulpolitik wohl miserabel ausfallen wird. Klemm hat in den vergangenen fünf Jahren mitunter die Aufstiegschancen von Kindern aus bildungsfernen Familien und die Abbrecherquote von Schülern untersucht. Schon die erste Zwischenbilanz 2007 bescheinigte dem NRW-Schulsystem arge Probleme.
Doch auch die Christdemokraten geben verschiedene Umfragen in Auftrag, nach denen Eltern zum Beispiel die Realschule erhalten wollen. CDU-Generalsekretär Hendrik Wüst wird nicht müde, ein "rot-rot-grünes Chaos an den Schulen" zu prophezeien, sollte die eigene Regierung im Mai abgelöst werden.
Schon als die SPD ihr Konzept zur Gemeinschaftsschule auf einem Landesparteitag mit großer Mehrheit verabschiedete, stand die CDU an den darauf folgenden Tagen mit Plakaten vor den Gymnasien des Landes: "Die SPD will diese Schule schließen", prangte darauf in großen Lettern. Zumindest im Münsterland, aber auch in anderen Kommunen müssen die Transparente künftig wohl im Keller bleiben. Etliche CDU-Städte haben beim Bildungsministerium bereits weitere "Profilschulen" beantragt.
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