"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“: Das sagte Anfang der 80-er Jahre der Bundeskanzler Helmut Schmidt. Über diesen Spruch schimpft der Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Rolf Kreibich, noch heute: „Wir brauchen doch Visionen!“ Kreibich sieht sich zwar als Wissenschaftler. Doch ohne Phantasie und Kreativität komme auch die Forschung nicht aus, sagt er.
Visionen finden sich zuhauf in dem 1910 veröffentlichten Sammelband „Die Welt in 100 Jahren“. Die Prophezeiungen sind allerdings noch nicht wissenschaftlich fundiert, sondern beruhten vor allem auf Wunschdenken. So verwundert es nicht, dass Bertha von Suttner, die ihr Leben dem Pazifismus verschrieben hatte, einen Frieden beschrieb, der mehr sei als „nur die Pause zwischen zwei Kriegen“.
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Alexander von Gleichen-Rußwurm, ein Urenkel Friedrich Schillers, schreibt in dem Buch: Zukunft sei für ihn ein „Spiegel, in dem nichts anderes erscheint, als die Erfüllung der eigenen Wünsche“.
Andreas Mayer vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ist deswegen erstaunt, wie grundverschieden die Visionen sind: Die naturwissenschaftlich-technischen Passagen hätten „einen Überschuss an Optimismus“, so dass die Bedeutung jeder Entdeckung „grenzenlos überschätzt“ werde. Die Prognosen über die Künste hingegen seien keine Phantastereien, sondern zurückgewandt und „skeptisch-konservativ“.
Kein Platz für Utopien
Moderne Zukunftsforschung sieht anders aus. Die Disziplin entstand in den 30-er Jahren, zunächst besonders in den USA. Mittlerweile ist sie eine Wissenschaft wie Biologie oder Germanistik, samt eigenen Fachjournalen. Im europäischen Raum hat sich auch eine exakte Definition etabliert: „Zukunftsforschung ist die wissenschaftliche Befassung mit möglichen, wünschbaren und wahrscheinlichen Zukunftsentwicklungen und Gestaltungsoptionen sowie deren Voraussetzungen in Vergangenheit und Gegenwart.“
Für Trendforscher ist da kein Platz. „Und Utopien kommen überhaupt nicht in Frage“, sagt Kreibich resolut. Wissenschaftlich fundiert müsse es zugehen. Es reiche nicht, Tatsachen und Daten einfach zu extrapolieren. Deswegen sind die Ergebnisse von Zukunftsstudien Prognosen mit „wenn-dann“-Aussagen oder Zukunftsbilder mit einer Bandbreite aus mehreren Optionen, je nachdem, an welchen Parametern gedreht wurde. Die verschiedenen Klima-Szenarien des Weltklimarats IPCC sind ein gutes Beispiel.
Ergeben sich aus der Zukunftsforschung Katastrophen-Szenarien, dann ist das kein Todesurteil, sondern ein Frühwarnsystem: Die Szenarien schrecken auf – und können so Menschen, Unternehmen, Regierungen zusammenbringen und diese animieren, das Eintreffen zu verhindern.
So hatte beispielsweise die 1972 publizierte Studie „Die Grenzen des Wachstums“ so eindringlich auf die bevorstehende Ressourcenknappheit hingewiesen, dass man sich erstmals mit Nachhaltigkeit befasste. 20 Jahre später erschien die Folge-Studie „Die neuen Grenzen des Wachstums“. Ohne sie wäre 1992 die Rio-Konferenz nicht so erfolgreich gewesen.
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