Das sieht aus wie bei einem Kahlschlag im Regenwald“, sagt Gesche Jürgens. Ortstermin im Hochspessart, Forstbetrieb Rothenbuch, „im romantischen Main-Viereck“, wie es in dessen Eigenwerbung heißt. Die junge Greenpeace-Aktivistin steht vor einem mannshoch eingezäunten Berghang. Der Boden ist mit Furchen durchzogen, die von Sämaschinen stammen. Jede Menge Baumstümpfe, an den Rändern zusammengeschobenes Totholz, es sind morsche Äste von den gefällten Bäumen. Aber es findet sich noch eine Handvoll 30 Meter hohe Buchen auf dem rund 2,5 Hektar großen Gelände. Solitäre auf sonst offenem Terrain. „Damit sie sagen können: Es ist kein wirklicher Kahlschlag“, meint Jürgens. „Es steht ja noch was.“
Die Greenpeacerin nimmt kein Blatt vor den Mund. „Das ist eine zerstörte Fläche, und das viele geerntete Holz wird verramscht“, sagt sie. Der Wald gelte der bayerischen Forstverwaltung primär als Renditebringer, das 2005 privatisierte Unternehmen stelle ökonomischen Interessen klar über den Natur- und Klimaschutz. Die eingezäunte Fläche im Wald von Rothenbuch, wo die Förster mit der kritisierten Methode einen Eichenwald hochziehen wollen, sei sogar Teil eines Natura-2000-Schutzgebietes gewesen. „Dieser Einschlag war schlicht illegal“, sagt Jürgens. Es sei Raubbau an den Wäldern, „die doch uns allen gehören“.
Greenpeace im Wald? Bei der Umweltorganisation denkt man an Schornsteinbesteigungen, gekaperte Ölplattformen oder besetzte Genmais-Felder. Seit einigen Wochen aber sorgt sie im nordbayerischen Forst für einige Furore. Im unterfränkischen Spessart, unweit von Aschaffenburg, dokumentiert Greenpeace seit Anfang Februar die Bestände alter Buchen und Eichen. Bisher wurden bereits rund 1 200 Hektar kartiert. Der Grund: Bayern verweigere die Auskunft über den genauen Zustand seiner öffentlichen Wälder. Es sei nicht erkennbar, wo welche Gebiete unter Schutz stehen und wo eingeschlagen wird. Die selbst gemachten Karten sollen nun zeigen, wo im Wald sich die besonders schützenswerten Bestände befinden – die Bäume mit den dicken Stämmen, die 140 Jahre alt oder älter sind.
Von morgens neun bis abends fünf Uhr sind die 20 freiwilligen Greenpeace-Helfer im Forst unterwegs. Von ihrem Zeltcamp im Ort Heigenbrücken fahren sie in den Wald. Immer zu zweit durchstreifen sie den Forst. Mit Maßband und Kluppe, einem Forstinstrument zur Durchmesser-Bestimmung, nehmen sie die Dicke der Baumriesen auf und dokumentieren ihren Zustand. Auf dem Bildschirm von speziellen GPS-Geräten, jedes 7000 Euro teuer, markieren sie mit einem Stift den genauen Standort von schützenswerten Buchen und Eichen. Später wird per Laptop alles auf Karten des Spessart-Gebiets übertragen.
Das Ergebnis: Unzählige grüne Punkte, meist dicht an dicht, bedecken die einzelnen Waldgebiete. Das heißt: Es gibt dort viele Bäume, die nach Meinung von Greenpeace stehen bleiben sollten, weil sie nicht nur imposante Exemplare sind, sondern auch eine enorme Speicherkapazität für Kohlenstoff darstellen – eine „Kohlendioxid-Senke“. Klimaexperten haben dieses Wort geprägt. Es bedeutet: Die Bäume nehmen durch Photosynthese große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid auf und binden es in der Holzmasse. Dieses CO2 trägt nicht mehr zum Treibhauseffekt bei – solange das Holz nicht verbrannt wird oder sich am natürlichen Ende eines langen Baumlebens wieder zersetzt.
Die Umweltorganisation kämpft dafür, dass deutlich mehr von der im Staatsbesitz befindlichen Waldfläche als heute völlig sich selbst überlassen bleibt – also ohne jede Nutzung. Statt der üblichen ein bis zwei Prozent sollen es zehn Prozent sein. Damit wären rund fünf Prozent aller Wälder geschützt. „Das entspricht der Vorgabe der Bundesregierung, die dieses Ziel 2007 in ihrer nationalen Biodiversitäts-Strategie ausgegeben hat“, erläutert Greenpeace-Campaigner Martin Kaiser.
Bis es soweit ist, müsse es einen generellen Einschlagstopp für Buchen gebe, die älter als 140 Jahre sind. Dabei geht es Kaiser nicht nur um den Artenschutz. Dem Klimaexperten war aufgefallen, dass die deutschen Wälder nach den von der Bundesregierung an das UN-Klimasekretariat in Bonn gemeldeten Zahlen anders als früher keine CO2-Senke mehr sind. Seine Befürchtung: „Wenn es mit dem Raubbau so weiter geht, könnten sie sogar zur Quelle werden.“
Tatsächlich ist die CO2-Absorption in Bäumen nach den UN-Zahlen von im Schnitt 65 Millionen Tonnen pro Jahr in den 90er-Jahren auf fast Null anno 2009, 2010 und 2011 gesunken (siehe Grafik). Laut den Erläuterungen zu dem Bericht ist das auf zwei Faktoren zurückzuführen: Einmal kämen viele im 20. Jahrhundert neu gepflanzte Nadelwälder jetzt, also nach 80, 100 Jahren, in die „Erntereife“. Doch es wirkten auch entsprechende „Marktkräfte“, wie es etwas verklausuliert in dem Report heißt. Das ist Wasser auf die Greenpeace-Mühlen. Kaiser übersetzt: „Die Forstverwaltungen müssen Bäume zu Geld machen.“
Die Bayerischen Staatsforsten, die sich selbst übrigens „Unternehmen Wald“ nennen, liefern seit der Privatisierung 2005 regelmäßig Geld bei der Landeskasse ab. 2011 waren es 62 Millionen Euro. Allerdings: Das ist auch das einzige, was sie an der Greenpeace-Argumentation gelten lassen. Sie keilen ähnlich heftig zurück.
Die Vorwürfe, man treibe Raubbau, nennt das Unternehmen haltlos. „Wir nutzen nicht mehr Holz als nachwächst“, heißt es bei der Staatsforsten-Zentrale in Regensburg, bei der Buche schlage man mit 560.000 Festmetern sogar nur rund die Hälfte des jährlichen Zuwachses ein. Unternehmensvorstand Reinhard Neft: „Der Vorrat an alten starken Buchen ist gegenüber 1999 um mehr als eine Million Festmeter angestiegen.“ Der Wald werde keineswegs ausgebeutet, man halte sich an den „gesetzlichen Auftrag, naturnahe Forstwirtschaft zu betreiben“. Die bayerischen Forstbetriebe arbeiteten an einem „Waldumbau“, der stabile Mischwälder fördert, den Anteil von Laubholz steigert und auf mehr Naturverjüngung“ setzt.
Bei den von Greenpeace monierten „Fast-Kahlschlägen“ handele es sich um „normale waldbauliche Maßnahmen“, kommentiert der Sprecher der Staatsforsten, Philipp Bahnmüller. Ziel dabei sei es, die im Spessart typischen Eichen, eine „Lichtbaumart“, zu fördern. Dafür müsse man den Wald „stark auflichten“, sonst würden die Eichen von den Buchen verdrängt. Das Ganze passiere aber nur auf „minimalen Flächen“. Und Waldwirtschaft heiße halt immer auch, „Bäume umzuschneiden.
Bayern verfolge das Konzept „Nutzung und Schutz auf gleicher Fläche“, erläutern die obersten Staatsförster. Zehn Prozent der Fläche sich selbst zu überlassen, sei nicht drin. Und: Greenpeace gehe es wohl „weniger um das Wohl der öffentlichen Waldes als um das Wohl ihrer Kampagne“.
Greenpeace-Expertin Jürgens und die Baum-Vermesser lassen sich davon nicht beirren. Jürgens meint, man habe da „wohl in ein Wespennest gestochen“. Denn dass es wirklich naturnahe Konzepte mit geringer Eingriffstiefe und trotzdem guter Holzangebot gibt, hätten fortschrittliche Forstverwaltungen wie die in Lübeck längst erwiesen. Am Ende führt die junge Frau auf der Spessart-Exkursion noch durch ein kleines Naturschutzgebiet, den „Rohrberg“ bei Rohrbrunn, in dem seit 1928 keine Bäume mehr gefällt werden dürfen.
Hier stehen mächtige, 40 Meter hohe Buchen und Eichen, die bis zu 300 Jahre alt sind. Manche Stämme sind umgekippt, es gibt viel Totholz, Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Biotopbäume mit Spechthöhlen. Das ist etwas ganz anderes, als die „Stangenwälder“, an denen man sonst vorbeikommt.
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