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13. März 2012

Wald und Forst: "Die Bäume werden verramscht"

 Von Joachim Wille
Die Idylle trügt: Wald im Spessart.  Foto: Imago

Greenpeace wirft den bayerischen Staatsforsten Raubbau vor. Die CO2-Speicherfähigkeit werde noch mehr sinken.

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Greenpeace wirft den bayerischen Staatsforsten Raubbau vor. Die CO2-Speicherfähigkeit werde noch mehr sinken.

Das sieht aus wie bei einem Kahlschlag im Regenwald“, sagt Gesche Jürgens. Ortstermin im Hochspessart, Forstbetrieb Rothenbuch, „im romantischen Main-Viereck“, wie es in dessen Eigenwerbung heißt. Die junge Greenpeace-Aktivistin steht vor einem mannshoch eingezäunten Berghang. Der Boden ist mit Furchen durchzogen, die von Sämaschinen stammen. Jede Menge Baumstümpfe, an den Rändern zusammengeschobenes Totholz, es sind morsche Äste von den gefällten Bäumen. Aber es findet sich noch eine Handvoll 30 Meter hohe Buchen auf dem rund 2,5 Hektar großen Gelände. Solitäre auf sonst offenem Terrain. „Damit sie sagen können: Es ist kein wirklicher Kahlschlag“, meint Jürgens. „Es steht ja noch was.“

Die Greenpeacerin nimmt kein Blatt vor den Mund. „Das ist eine zerstörte Fläche, und das viele geerntete Holz wird verramscht“, sagt sie. Der Wald gelte der bayerischen Forstverwaltung primär als Renditebringer, das 2005 privatisierte Unternehmen stelle ökonomischen Interessen klar über den Natur- und Klimaschutz. Die eingezäunte Fläche im Wald von Rothenbuch, wo die Förster mit der kritisierten Methode einen Eichenwald hochziehen wollen, sei sogar Teil eines Natura-2000-Schutzgebietes gewesen. „Dieser Einschlag war schlicht illegal“, sagt Jürgens. Es sei Raubbau an den Wäldern, „die doch uns allen gehören“.

Bäume sollten stehen bleiben

Greenpeace im Wald? Bei der Umweltorganisation denkt man an Schornsteinbesteigungen, gekaperte Ölplattformen oder besetzte Genmais-Felder. Seit einigen Wochen aber sorgt sie im nordbayerischen Forst für einige Furore. Im unterfränkischen Spessart, unweit von Aschaffenburg, dokumentiert Greenpeace seit Anfang Februar die Bestände alter Buchen und Eichen. Bisher wurden bereits rund 1 200 Hektar kartiert. Der Grund: Bayern verweigere die Auskunft über den genauen Zustand seiner öffentlichen Wälder. Es sei nicht erkennbar, wo welche Gebiete unter Schutz stehen und wo eingeschlagen wird. Die selbst gemachten Karten sollen nun zeigen, wo im Wald sich die besonders schützenswerten Bestände befinden – die Bäume mit den dicken Stämmen, die 140 Jahre alt oder älter sind.

Von morgens neun bis abends fünf Uhr sind die 20 freiwilligen Greenpeace-Helfer im Forst unterwegs. Von ihrem Zeltcamp im Ort Heigenbrücken fahren sie in den Wald. Immer zu zweit durchstreifen sie den Forst. Mit Maßband und Kluppe, einem Forstinstrument zur Durchmesser-Bestimmung, nehmen sie die Dicke der Baumriesen auf und dokumentieren ihren Zustand. Auf dem Bildschirm von speziellen GPS-Geräten, jedes 7000 Euro teuer, markieren sie mit einem Stift den genauen Standort von schützenswerten Buchen und Eichen. Später wird per Laptop alles auf Karten des Spessart-Gebiets übertragen.

Das Ergebnis: Unzählige grüne Punkte, meist dicht an dicht, bedecken die einzelnen Waldgebiete. Das heißt: Es gibt dort viele Bäume, die nach Meinung von Greenpeace stehen bleiben sollten, weil sie nicht nur imposante Exemplare sind, sondern auch eine enorme Speicherkapazität für Kohlenstoff darstellen – eine „Kohlendioxid-Senke“. Klimaexperten haben dieses Wort geprägt. Es bedeutet: Die Bäume nehmen durch Photosynthese große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid auf und binden es in der Holzmasse. Dieses CO2 trägt nicht mehr zum Treibhauseffekt bei – solange das Holz nicht verbrannt wird oder sich am natürlichen Ende eines langen Baumlebens wieder zersetzt.

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