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01. Dezember 2011

Welt-Aids-Tag: Sichtbare Erfolge

 Von Anne Brüning
Das Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken: Die roten Schleifen.  Foto: Markus Wächter

Der Kampf gegen die Epidemie macht große Fortschritte, doch noch immer bekommt die Hälfte der Infizierten keine Medikamente. Behandlungs- und Vorsorgeprogramme sind durch die Finanzkrise gefährdet.

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Der Kampf gegen die Epidemie macht große Fortschritte, doch noch immer bekommt die Hälfte der Infizierten keine Medikamente. Behandlungs- und Vorsorgeprogramme sind durch die Finanzkrise gefährdet.

Michel Sidibé hat eine frohe Botschaft: „Erstmals können wir mit Überzeugung sagen, dass das Ende von Aids in Sicht ist“, verkündete der Direktor von UNAIDS anlässlich des heutigen Weltaidstages. Seine Organisation, das HIV/Aidsprogramm der Vereinten Nationen, hat ambitionierte Ziele: keine neuen HIV-Infektionen mehr, keine Aidstoten, keine Diskriminierung. So stellt sich UNAIDS die Zukunft vor.

Tatsächlich war die Lage noch nie so ermutigend. In den meisten Ländern sind die Neuinfektionen rückläufig oder stabil. Vor allem im südlichen Afrika trägt die HIV-Prävention Früchte – der Kontinent ist aber nach wie vor am stärksten betroffen. Zunehmend stärker um sich greift das tückische Virus in Osteuropa, Zentralasien, Ozeanien, dem Mittleren Osten und Nordafrika.

Neuinfektionen sinken

Dem aktuellen Bericht von UNAIDS nach leben derzeit weltweit 34 Millionen Menschen mit HIV – das sind 17 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Das liegt nicht nur an Neuinfektionen, sondern auch an verhinderten Todesfällen. 2010 starben 1,8 Millionen Menschen an Aids, fünf Jahre zuvor waren es noch 2,2 Millionen.

Neue Kampagne

Zübeyde ist 43 Jahre alt. Die Mutter einer zehnjährigen Tochter (Foto) weiß seit fünf Jahren, dass sie HIV-positiv ist. Sie und drei weitere Aidsinfizierte haben der Kampagne zum Welt-Aids-Tag 2011 „Positiv zusammen leben. Aber sicher!“ im wahrsten Sinne ein Gesicht gegeben. Seit Ende Oktober waren Zübeyde, Ernst, Marcel und Thomas auf Hunderten Plakaten, in TV- und Kinospots in Porträts zu sehen. Acht weitere HIV-Infizierte beteiligten sich in Internetforen und auf Podiumsdiskussionen bundesweit. Sie warben für mehr Solidarität, Verständnis und klärten auf.

Jeder der zwölf Teilnehmer der Kampagne stand für einen besonderen Aspekt des Lebens mit dem HI-Virus – und sie waren bereit aus ihrem Leben zu erzählen. „Diese Menschen zeigten viel Mut, den man nicht unterschätzen darf“, sagt Marita Völker- Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), einer der Träger der Kampagne. Die Betroffenen erzählten öffentlich über ihre Familien und Freunde, über ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt. Mancher wurde nach Bekanntwerden der Krankheit gekündigt, andere von Kollegen unterstützt. Trotz gesundheitlicher Probleme wirken die Protagonisten optimistisch. Die guten Therapiemöglichkeiten geben ihnen eine Perspektive.

In den Internetportalen StudiVZ und SchülerVZ war die Resonanz auf die Kampagne besonders stark. „Rund 400.000 Jugendliche ließen sich registrieren und äußerten ihre Meinungen zu den Lebensberichten“, sagt Albert-Völker. Trotz sinkender Infektionszahlen in Deutschland hält sie solche Kampagnen auch künftig für unverzichtbar. „Denn 2004 waren die Gelder für Prävention gekürzt worden und die Zahl der Neuinfektionen nahm zu. Seit wieder mehr Geld dafür ausgegeben wird, sinkt diese Zahl.“

Insgesamt sinkt die Zahl der Neuinfektionen. 2010 waren es 2,7 Millionen weltweit und damit 21 Prozent weniger als in der schlimmsten Phase 1997. Inzwischen bekommen fast fünfzig Prozent der Therapiebedürftigen antiretrovirale Mittel. Bis 2020 will UNAIDS mindestens 12,2 Millionen Neuinfektionen und 7,4 Millionen Todesfälle verhindern.

„Machbar ist das“, sagt Oliver Moldenhauer, der bei der deutschen Sektion der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die Medikamentenkampagne leitet. Zurzeit sehe es jedoch düster aus. Denn die Finanzierung vieler Therapie- und Präventionsprojekte bricht weg.

Der 2002 gegründete Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria hat finanzielle Probleme. Mit Verweis auf die globale Finanzkrise halten viele Geberländer ihre Zusagen nicht ein. Die Organisation sah sich jetzt gezwungen, die nächste Projektfinanzierungsrunde zu streichen.

„Wichtige bestehende Programme werden noch fortgeführt, die Ausschreibungen für neue Projekte sind nun aber bis 2014 auf Eis gelegt“, berichtet Moldenhauer. Der Globale Fonds hatte für die Zeit von 2011 bis 2014 einen Bedarf von 20 Milliarden US-Dollar gesehen. Zugesagt waren 12 Milliarden US-Dollar. Davon fließt nun nur ein Teil.

„Die Finanzkrise trifft jetzt die Aidskranken“, sagt Moldenhauer. Zwar sei der Globale Fonds nicht der einzige Geldgeber für HIV-Therapie- und Präventionsprojekte, aber er spielt eine wichtige Rolle. Etwa ein Viertel der Fördergelder kommen aus diesem Topf.

Bedauerlich ist die Finanznot vor allem deshalb, weil es erstmals in der Geschichte von HIV und Aids eine reelle Chance gibt, die Epidemie zu besiegen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass die antiretrovirale Therapie (ART) häufiger eingesetzt wird. Die Zahl der Behandelten hat sich weltweit auf 6,6 Millionen gesteigert. In ärmeren Ländern waren es vor zehn Jahren nur 300 000.

Zu verdanken ist das Indien. Dort werden die meisten der in ärmeren Ländern verwendeten antiretroviralen Mittel produziert und zu einem vergleichsweise niedrigen Preis verkauft. Das ist möglich, weil Medikamentenwirkstoffe in Indien erst seit 2005 einer Patentpflicht unterliegen. Arzneien, die aus der Zeit vor 1995 stammen, dem Jahr der Gründung der Welthandelsorganisation WTO, sind nicht patentgeschützt und können als preiswerte Generika verkauft werden. Und so kostet die einfachste Variante der ART-Therapie pro Patient nur gut 60 US-Dollar im Jahr anstatt etwa 20 000 US-Dollar mit modernen, patentgeschützten Mitteln.

Botswana etwa profitiert davon enorm. Vor zehn Jahren erhielten dort weniger als fünf Prozent der Infizierten ART, seit 2009 sind es 80 Prozent. Jährlich infizieren sich in dem afrikanischen Land nun zwei Drittel weniger Menschen mit HIV.

Denn ART macht sich doppelt bezahlt. Sie drosselt die Virusmenge im Körper der Infizierten, was die Gesundheit der Betroffenen verbessert. Zugleich sind ihre Sexpartner weniger bedroht. „Studien haben gezeigt, dass sich das Ansteckungsrisiko um mehr als 90 Prozent reduziert“, sagt Moldenhauer.

Die Strategien, die Epidemie zum Erliegen zu bringen, sind also vorhanden. Bereits jetzt das Ende von Aids vorauszusagen, findet Moldenhauer aber zu optimistisch. „Es gibt zwar Riesenerfolge, aber wir müssen auch feststellen, dass die Hälfte der Infizierten, die eine Therapie brauchen, noch immer ohne medikamentöse Behandlung lebt“, sagt Moldenhauer. In der Bekämpfung von HIV und Aids bleibe man weit hinter den Möglichkeiten zurück.

In Deutschland dagegen werden HIV- und Aidspatienten aufwendig und modern behandelt. Nach Schätzungen des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) leben hierzulande rund 73 000 Menschen mit HIV. Seit 2006 gehen die Neuinfektionen zurück. Damals waren es 3 400, dieses Jahr werden es etwa 2 700 sein. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) warnt bereits davor, das Thema Aids zu bagatellisieren: „Aids ist immer noch eine Bedrohung.“

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