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Welternährungstag: Eine zweite grüne Revolution

Wie werden neun Milliarden Menschen satt? Die Anbauflächen sind begrenzt. Der Klimawandel führt zu Trockenheit und Bodenerosion. Weltweit verdirbt ein Großteil der Lebensmittel.

        

Reis ist in großen Teilen der Welt Nahrungsgrundlage.
Reis ist in großen Teilen der Welt Nahrungsgrundlage.
Foto: Uni Hohenheim

Gab es jemals so viele Bücher über ethisch vertretbares Essen wie in diesem Jahr? Und wie kommt es, dass ein Film über die Wegwerfgesellschaft wie „Taste the waste“ ein Publikumserfolg wird? Die Bilder vom Überfluss hier erinnern automatisch an den Mangel anderswo. Das schlechte Gewissen pocht.

„Hunger ist auf dem Vormarsch“, bilanziert Josette Sheeran, die Direktorin des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen FAO. „Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind gigantischer als je zuvor.“ Es gebe größere Schwankungen bei den Preisen und im Nahrungsmittelangebot als früher üblich. Etwa achtzig Prozent der Menschen in armen Ländern seien plötzlichen Verknappungen schutzlos ausgeliefert, viele von ihnen hätten weniger zu essen als früher. Folgerichtig heißt das Motto des Welternährungstags am Sonntag „Food prices – from crises to stability“.

Dass es eine Krise gibt, ist unstrittig. Sie besteht schon lange und die schwankenden Preise verschärfen sie zusätzlich. Heute hungern mehr als eine Milliarde Menschen bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden. Im Jahr 2050 werden voraussichtlich neun Milliarden auf der Erde leben. Um alle zu sättigen – und dafür sind durchschnittlich 2400 Kilokalorien pro Kopf nötig – werden gut 50 Prozent mehr Nahrungsmittel gebraucht.

Aber wie kann dieses Ziel erreicht werden, angesichts so vieler widriger Umstände: Die Anbauflächen sind begrenzt und werden zunehmend auch für Energiepflanzen und Futtermittel genutzt, der Klimawandel führt zu Trockenheit und Bodenerosion und weltweit verdirbt ein Großteil der Lebensmittel, wird von Schädlingen gefressen oder landet im Müll.

Der Schlüssel ist eine bessere Politik

„Hunger hat aber auch mit Konflikten zu tun“, sagte der ruandische Biochemiker Anastase Kimonyo kürzlich auf einer Tagung der baden-württembergischen Sektion der Deutschen Gesellschaft für Ernährung an der Universität Hohenheim. Die demokratische Republik Kongo sei früher der größte Nahrungsmittelproduzent Afrikas gewesen, heute, nach Bürgerkriegen und Misswirtschaft, jedoch ein Armenhaus. Dabei habe Afrika durchaus das Potenzial, sich selbst zu versorgen und sogar noch Überschüsse zu exportieren. Der Schlüssel dazu sei eine bessere Politik, die für eine gerechte Verteilung der Güter sorgt und die Armut zurückdrängt, denn das sei die tiefere Ursache des Hungers. Er sei jedoch hoffnungsvoll, sagte der Wissenschaftler: „Es gibt eine neue Generation von Präsidenten, die sich um ihr Land kümmern.“

Sie haben eine gewaltige Aufgabe vor sich. Denn es geht nicht nur um größere Mengen an Lebensmitteln, sondern auch um bessere Qualität. Beides muss Hand in Hand gehen, wie der Arzt Johannes Schäfer von der Tübinger Tropenklinik anschaulich belegte. Untergewicht sei lebensgefährlicher als Übergewicht, sagte Schäfer, der viele Jahre in Afrika gearbeitet hat. Wenn der Körpermassewert (BMI; er errechnet sich aus dem Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße) unter 18 liegt, ist das Sterberisiko gegenüber einem normalen BMI (je nach Alter zwischen 19 und 29) demnach deutlich erhöht.

Es reiche jedoch nicht, den Magen bloß mit Maisbrei zu füllen, betonte der Tropenarzt. Die Nahrung müsse auch alle wichtigen Nährstoffe enthalten. Sonst komme es zum versteckten, heimlichen Hunger, der vielerlei Krankheiten begünstige (s. Interview).

Die besten Ackerböden reservieren

Welche Fragen nun auf die Agrarforschung zukommen, skizzierte Steffen Abele vom Hohenheimer Food Security Center. Ein Schwerpunkt sei die Entwicklung besserer Sorten. „Bohnen, die besonders reich an Eisen sind, Hirse mit einem erhöhten Zinkgehalt“ – um solche Ziele gehe es. Erreicht werden können sie mit klassischen Züchtungsmethoden, aber auch durch das Einbringen der gewünschten Erbanlagen im Labor. „Gentechnik geht viel schneller, aber die Zulassung gentechnisch modifizierter Organismen ist auch in armen Ländern sehr langwierig.“ Viele Forscher entschieden sich für ein Kompromissverfahren, die Marker-assoziierte Selektion. Dabei werden die gewünschten Eigenschaften im Genom dingfest gemacht, anschließend züchte man nur noch diese Sorten weiter.

Um die Welt von morgen zu ernähren, ist eine zweite grüne Revolution nötig. In den Siebzigerjahren, bei der ersten Agrarrevolution, ging es um eine Erhöhung der Produktion. Die Neuauflage muss umfassender sein.

Einen Weg weist jetzt eine Studie, die ein internationales Forscherteam im Fachblatt Nature vorstellt. Es ist möglich, den Hunger der wachsenden Weltbevölkerung zu stillen, Energiepflanzen und Futtermittel zu ernten und gleichzeitig den bedrohten Planeten zu schützen, schreiben die Autoren um Jonathan Foley von der University of Minnesota.

Dafür müsse, erstens, die Ausbreitung landwirtschaftlicher Flächen, vor allem in den Tropen, gestoppt werden. Durch bessere Sorten und Anbaumethoden lasse sich, zweitens, die globale Nahrungsmittelproduktion um 60 Prozent steigern. Drittens: Nur dort düngen und wässern, wo es sich wirklich lohnt. Viertens: Die besten Ackerböden für Grundnahrungsmittel reservieren, den Rest für die Treibstoff- und Futtermittelproduktion. Und, fünftens, sei ein effizienterer Umgang mit Lebensmittel erforderlich. Das verkleinert den Müllberg und hilft gegen schlechtes Gewissen.

Autor:  Lilo Berg
Datum:  15 | 10 | 2011
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