Die Mammutstudie sollte nach zehn Jahren Forschung in 13 Staaten endlich Klarheit schaffen: Erhöht Mobilfunk-Strahlung das Krebsrisiko? Gestern erschienen die Ergebnisse im International Journal of Epidemiology - und enttäuschten die Erwartung.
Zwar gibt die Mobilfunk-Branche aufgrund der Studie Entwarnung. Doch beteiligte Forscher schließen nicht aus, dass langes Handy-Telefonieren das Hirntumorrisiko fördert. Umweltschützer und Mediziner kritisieren sogar, die Studie rede das Krebsrisiko bewusst klein und ignoriere Zweifel an ihrem Endergebnis, wonach es keine Anzeichen für Krebsrisiken gebe.
Die neue WHO-Studie sieht kein Krebsrisiko durch Handys. Sie räumt aber ein, Kinder und Jugendliche nicht untersucht zu haben und teils von überholten Gewohnheiten ausgegangen zu sein.
Skeptiker raten deshalb zur Vorsicht:
1. Für lange Gespräche Freisprechanlage oder Headset (mit Kabel!) verwenden.
2. Handy nicht nah am Körper tragen.
3. Nicht lange in Zug, Auto oder fern von Basisstationen sprechen. Unterwegs eher abschalten und später zurückrufen.
4. Apparate mit Schnur stets vorziehen.
5. In Gebäuden, v.a. mit Stahlträgern, nicht dauerhaft per Handy telefonieren.
6. Kein Handy auf dem Nachttisch oder unterm Kissen von Kindern.
7. Kinder unter 18 sollten nicht ständig, sondern nur bei Bedarf Handys nutzen.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz fordert von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und dem Bundesamt für Strahlenschutz, den in der Studie angedeuteten Risiken nachzugehen. "Der Gebrauch von Handys durch Kinder muss jetzt eingeschränkt werden", sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger der FR. Der Staat müsse industrieunabhängige Informationen zur Strahlung vorlegen und vor möglichen Folgen warnen.
Die im Oktober 2000 begonnene und von der Weltgesundheitsorganisation WHO koordinierte "Interphone"-Studie basiert auf Interviews mit insgesamt 2708 Menschen mit Gliomen sowie 2409 Menschen mit Meningiomen, den häufigsten Hirntumoren. Sie ist damit die größte Studie ihrer Art. Jahrelang vertröstete vor allem die Mobilfunkbranche Bedenkenträger auf die Ergebnisse. Statistisch zeigten diese nun keinen Zusammenhang zwischen Tumorerkrankungen und Handy-Nutzung, heißt es im Fazit. Nur für "extrem langes" Telefonieren sei weitere Forschung nötig.
Die Industrie sieht sich dadurch bestätigt. Michael Milligan, Chef des Mobile Manufacturers Forums, sprach von einer "klaren Bestätigung der Sicherheit von Mobiltelefonen". Die Analyse stimme mit früheren Ergebnissen überein, die keine Gefahr durch Mobiltelefone entdeckten.
Das bezweifeln externe Experten. "Die Studie ist wie viele Vorgänger bereits so angelegt, dass sie keine stichhaltigen Ergebnisse bringt", sagt der Ingenieur Bernd Rainer Müller, der das Thema für den BUND seit 15 Jahren bearbeitet. So definiert sie als "regelmäßige Nutzer" alle, die einmal pro Woche mobil telefonieren. Sogar die Interphone-Forscher geben zu, dass heute eher eine Nutzung von einer Stunde pro Tag üblich ist. Deshalb bemängelt der BUND, dass unter 18-Jährige gar nicht berücksichtigt wurden. Dabei legten Studien für diese Gruppe eine höhere Anfälligkeit für Schäden durch Strahlung nahe.
Auch unter den beteiligten Forscher gab es Streit. In der Endfassung erklärt man nun den Fakt, dass bei den zehn Prozent der Befragten mit der intensivsten Nutzung das Auftreten von Gliomen um 40 Prozent stieg, mit Verzerrungen. Erkrankte überschätzten ihren Konsum nachträglich.
Das halten Kritiker für fragwürdig. Insgesamt elf schwere Mängel im Studienaufbau listet eine unabhängige Gruppe aus 43 Biophysikern, Medizinern und Umweltrechtlern auf. So seien in der Kontrollgruppe zu wenige Nicht-Mobilfunknutzer gewesen und verstorbene oder zu kranke Krebspatienten wurden nicht einbezogen. Auch wurden nur Handy-Nutzer im Alter von 30 bis 59 Jahren befragt - obwohl Studien ein deutlich erhöhtes Tumorrisiko bei 20- bis 29-Jährigen zeigten. Zudem gehe die Medizin heute von einer Krebs-Latenzzeit von etwa 30 Jahren aus, Schlüsse nach zehn Jahren seien verfrüht.
Schließlich sei das Ergebnis wegen der Finanzierung durch die Handy-Branche verfälscht: Unter den 30 Prozent aller Interphone-Untersuchungen, wo Industriegeld floss, fanden nur 8,3 Prozent einen Effekt. Unter den unabhängigen lag die Quote bei 47,5 Prozent.
Die Experten forderten die Politik zu neuen Gesetzen auf - etwa Handys nur noch mit Kopfhörer zu erlauben. So weit geht das Bundesamt für Strahlenschutz zwar nicht. Aber der Entwarnung durch die Industrie widersprach es gestern ausdrücklich: "Zu Auswirkungen intensiver Handy-Nutzung sowie der Wirkung auf Kinder sind weitere Untersuchungen dringend erforderlich."
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