Der ältesten deutschen Privatuni droht das Aus? Nein, die Wirklichkeit sieht tatsächlich besser aus, als es die Schreckensnachricht vom Mittwoch vermuten lässt. "Wir sind in einem fruchtbaren Gespräch mit selbstlosen Gebern, etwa der Darmstädter Software AG Stiftung", verrät Uni-Sprecher Ralf Hermersdorfer der FR. Zunächst aber seien bis Jahresende 4, 5 Millionen Euro nötig, um nicht zahlungsunfähig zu werden. Im Übrigen liefen Sondierungsgespräche mit dem Heidelberger SRH-Konzern, einem bundesweit tätigen Bildungs- und Gesundheitsunternehmen. SRH wollte schon im vorigen Jahr als Hauptgesellschafter bei der Uni einsteigen, war aber an der Abneigung der Lehrenden und Lernenden gescheitert.
Mangelhafte Wirtschaftsführung
Die Hochschule mit 1100 Studierenden der Medizin, der Wirtschafts- und Kulturwissenschaften ist in eine Finanzkrise geraten, weil Landeswissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) wegen angeblich mangelhafter Wirtschaftsführung die Subventionen für 2008 stoppte und zusätzlich Rückzahlungen für das Vorjahr verlangt, insgesamt 7, 5 Millionen Euro. Die Unileitung selbst war noch von einer Sonderzuweisung in Höhe einer knappen Million Euro ausgegangen. Seit Mitte der 90er Jahre hatte das Land rund 15 Prozent der laufenden Kosten übernommen. Diesen Vorzug genoss keine andere der 23 Privathochschulen an Rhein und Ruhr.
Sein Kündigungsschreiben verband Minister Pinkwart jetzt mit dem dringenden Rat einer "dauerhaften strategischen Partnerschaft" mit SRH. Der empfohlene Partner betreibt neben Schulen sieben Fachhochschulen und sieben Kliniken bundesweit. Das Unternehmen arbeitet gemeinnützig, ist also keine "Heuschrecke" im Bereich Bildung und Soziales.
Vorstand Klaus Hekking erklärt im Gespräch mit der FR, dass die Uni fachlich und unternehmerisch sehr gut in sein Unternehmensportfolio passe. Er steht bereit, um Witten-Herdecke zu retten und zu einer Hochschule zu entwickeln, "die sich auch finanziell selbst tragen kann". Er denkt dabei vor allem an die Medizinische Fakultät. Schon vor rund einem Monat habe das Uni-Präsidium in der Sache bei ihm angeklopft und vorgesprochen.
Sanierer Hekking hat klare Vorstellungen: Die Studentenzahl müsse deutlich erhöht werden, auch die Studiengebühr von derzeit zwischen 400 und 700 Euro im Monat. Einzelne Studiengänge und Fächer, zum Beispiel Musiktherapie, seien nicht überlebensfähig. Das Gesamtpersonal von sechshundert Mitarbeitern erscheine im Augenblick zu groß. Demgegenüber appelliert die Hochschulleitung in der Öffentlichkeit ausdrücklich, man möge doch 600 Arbeitsplätze retten.
Über Details lässt Hekking mit sich reden, grundsätzlich bleibt er aber hart: "Die Mäzenatenuni ist tot." Anfang der Achtziger war die Privatuni gerade mit Unterstützung philanthropischer Gönner entstanden: Dazu zählten Namen wie Bethhold Beitz (Krupp), Alfred Herrhausen (Deutsche Bank), Reinhold Mohn (Bertelsmann).
Ende der sozialen Uni
Das sei damals "die" Uni gewesen, die unabhängig, freiheitlich und sozial sein wollte - mit dem Geld anderer Leute, erläutert Hekking. Diese Zeiten seien vorbei. Gleichwohl bittet die Hochschulleitung gerade jetzt um Verständnis: "Die Finanzmarktkrise macht auch vor uns und unseren Spendern nicht halt." Hekking kommentiert das mitleidlos so: Unsichere Einnahmen seien eben keine Finanzierungsgrundlage. Der langjährige Unipräsident Konrad Schily hatte das stets lockerer gesehen: "Kein Geld hatten wir schon immer."
In der unternehmerisch geführten Hochschule à la Hekking müssen nicht zuletzt die Entscheidungsstrukturen justiert werden. Nicht zuletzt im Hinblick auf die studentische Mitbestimmung stellt der Bildungsunternehmer klar: "Wer entscheidet, ist verantwortlich und haftet auch" - auch finanziell, mit den Gebühren.
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