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Wörterbücher für Jugendsprache: Das ist ja voll pornös

"Erzeugerfraktion" oder "Gammelfleischparty": Reden Jugendliche wirklich so? Wörterbücher der Jugendsprache haben großen Erfolg, aber Experten halten sie für wenig repräsentativ.

Mit Jugendsprache-Wörterbüchern feiern die Verlage Erfolge. Sprachwissenschaftler halten sie für wenig repräsentativ.
Mit Jugendsprache-Wörterbüchern feiern die Verlage Erfolge. Sprachwissenschaftler halten sie für wenig repräsentativ.
Foto: Langenscheidt

Stuttgart/Hannover. Wenn Jugendliche die "Erzeugerfraktion" ständig mit ihrem Slang "zuföhnen", "rallen" diese in der Regel gar nichts mehr. Oder anders gesagt: Die Sprache der Jugend stellt Erwachsene schon seit Generationen vor so manches Rätsel. Etwas ganz Tolles wird heute im jugendlichen Sprachgebrauch anerkennend als "pornös" bezeichnet, etwas Innovatives ist schlicht "obama" und eine Fete für Über-30-Jährige ist als "Gammelfleischparty" bekannt - jedenfalls, wenn man den gängigen Wörterbüchern für "Jugendsprache" Glauben schenkt.

Ganze Stapel von Übersetzungswerken für die Sprache der Unter-30-Jährigen liegen in den Buchhandlungen aus, die meisten werden jährlich auf den neuesten Stand gebracht. Aber taugen die gelben oder grünen Jugendslang-Ratgeber tatsächlich als Übersetzungshilfe für verzweifelte Eltern? Und woher bekommen die Verlage eigentlich jedes Jahr hunderte neue Jugendwörter?

Beim Stuttgarter Langenscheidt-Verlag verlässt man sich bei der Fahndung nach den Sprachtrends ganz auf das Internet. Die meisten Ausdrücke für das jüngst erschienene Buch "Hä?? Jugendsprache unplugged 2010" habe der Verlag über das eigene Online-Forum oder per E-Mail erhalten, berichtet Redakteurin Eva Betz. Aus den eingesandten Vorschlägen wähle die Redaktion dann nach Kriterien wie Häufigkeit der Nennung, Originalität oder Aktualität die Wörter für die Neuauflage aus. Das Alter der Einsender könne freilich nicht zweifelsfrei überprüft werden, gibt Betz zu. Aber ein Vierzigjähriger könne nicht so einfach ein Wort einreichen, "ohne dass es auffällt", meint sie.

Schulklassen als Quelle für Wörterbücher

Die Konkurrenz vom PONS-Verlag nutzt neben dem Internet auch Schulklassen als Quelle. Jährlich beteiligten sich etwa 1000 Deutschlehrer mit ihren Klassen an der Suche nach den neuesten Sprachtrends, sagt Verlagssprecherin Anne Pelzer: "Das ist ein klassisches Thema für die letzte Stunde vor den Ferien." Die in den Schulen gesammelten Ausdrücke machten mehr als die Hälfte der rund 1500 im hauseigenen "Wörterbuch der Jugendsprache" verzeichneten Begriffe aus.

Bei Langenscheidt hat man die Zusammenarbeit mit den Schulen dagegen laut Betz aufgegeben. Über das Internet seien die Einsendungen ungefilterter, ist sich die Redakteurin sicher. Viele Begriffe aus der Jugendsprache thematisierten naturgemäß Themen wie Sexualität oder Alkoholtrinken. Als der Verlag noch in Schulklassen auf Wortjagd gegangen sei, hätten viele Lehrer von sich aus zugegeben, dass sie einige Vorschläge ihrer Schüler lieber weggelassen hätten, weil sie ihnen zu explizit gewesen seien, berichtet Betz.

Unter Sprachforschern gelten die meisten Jugendsprache-Wörterbücher ohnehin eher als Marketing-Gag. Eine einheitliche Jugendprache gebe es überhaupt nicht, sagt Peter Schlobinski, Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Uni Hannover. Korrekter müsste man seiner Ansicht nach von "Jugendsprachen" reden. Denn die Ausdrucksweise der jüngeren Generation variiere schließlich unter anderem in unterschiedlichen Musikrichtungen wie Hip Hop oder Punk, in verschiedenen sozialen Milieus oder schlichtweg in Städten und auf dem Land. Sinnvoller ist deshalb nach Ansicht des Sprachforschers, nach Szenesprachen zu unterscheiden.

Überdies ist oft nicht klar, wo die Wörter eigentlich herkommen, wie Schlobinski kritisiert. Die Kompendien enthalten nach seiner Meinung "eine ganze Reihe erfundener Wörter, die relativ selten vorkommen". Ihr Erkenntniswert sei deshalb eher niedrig einzuschätzen, sagt der Sprachexperte.

Die Verlage erheben nach eigener Auskunft aber auch nicht den Anspruch, wissenschaftlich fundierte Werke zu veröffentlichen. Der jährlich dokumentierte Querschnitt sei nicht mehr als eine "Momentaufnahme", gibt PONS-Sprecherin Pelzer zu. Dass die Bücher tatsächlich als Kommunikationshilfe für Eltern taugten, sei eher unwahrscheinlich. Das Jugendwörterbuch sei eher "ein Produkt mit einem gewissen Augenzwinkern", sagt die Verlagssprecherin. Schließlich muss selbst der Kritiker Schlobinksi eingestehen: "Nett zu lesen" seien die Bücher ja. (ddp)

Autor:  Michael Draeke, ddp
Datum:  27 | 10 | 2009
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