Als der erste Weltgesundheitsgipfel vor drei Jahren in Berlin eröffnet wurde, demonstrierten draußen auf der Straße mehrere Hilfsorganisationen gegen die Veranstaltung. Es gehe beim World Health Summit zu sehr um die Interessen der reichen Welt, kritisierten sie, die Probleme der Entwicklungsländer kämen nicht genügend zur Sprache.
Protestaktionen gab es beim vierten Gesundheitsgipfel, der am Mittwoch in Berlin endete, nicht mehr und sie waren auch nicht mehr nötig. Denn in den Vorträgen und Diskussionsrunden stand die Gesundheit in armen Weltgegenden oft im Mittelpunkt. Ausführlich diskutiert wurde etwa die Migration medizinischer Fachkräfte aus dem armen Süden in den reichen Norden.
So verlassen immer mehr afrikanische Ärzte, Schwestern und Hebammen ihre Heimat, um in den USA oder auch in Skandinavien zu arbeiten. Sie klagen über die schlechte Bezahlung und unattraktive Arbeits- und Lebensbedingungen zu Hause und sind auf der Suche nach einem besseren Leben. Der Brain Drain, also die Abwanderung von Fachwissen, verschärft die ohnehin katastrophale Versorgungssituation in den Heimatländern: Während in Deutschland auf einen Arzt im Durchschnitt 200 Patienten kommen, liegt die Relation in manchen afrikanischen Ländern bei 1 zu 50.000. In solchen Verhältnissen seien nicht einmal grundlegende Gesundheitsleistungen möglich, warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie weist darauf hin, dass die medizinische Migration inzwischen die Versorgung in 57 Ländern rund um den Globus bedroht.
Einfache Lösungen gibt es für dieses Problem nicht, wie auf dem Berliner Gesundheitsgipfel deutlich wurde. Zwar haben 193 Staaten, darunter auch Deutschland, einen Kodex der Weltgesundheitsversammlung unterzeichnet, der es Regierungen untersagt, im Ausland aktiv medizinisches Personal anzuwerben. Aber das hält die Unzufriedenen nicht ihrer Heimat. Die EU-Kommission schlägt eine Migration vor, bei der Ärzte eine Zeit lang Erfahrungen im Ausland sammeln, um dann wieder zurückzugehen. Langfristig helfen werden aber wohl nur wirtschaftliches Wachstum und eine flächendeckende Gesundheitsversorgung, wie sie die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, anmahnt.
Bei den Krankheiten weicht die Trennlinie zwischen erster und dritter Welt zunehmend auf. Die chronischen Leiden des reichen Nordens breiten sich immer stärker auch im Süden aus. Mit wachsendem Wohlstand und zunehmender Alterung kommt das Übergewicht, und fast nahtlos schließen sich zahlreiche Folgekrankheiten an, zum Beispiel Diabetes vom Typ 2. In Afrika erwartet die International Diabetes Federation eine regelrechte Epidemie: Die Zahl der Zuckerkranken wird dort bis 2030 wohl um 90 Prozent zunehmen.
Die Berliner Charité war vom 21. bis 24. Oktoberer Gastgeberin des Weltgesundheitsgipfels World Health Summit. Etwa tausend Teilnehmer aus achtzig Ländern nahmen daran teil, darunter viele Ärzte, Forscher, Politiker, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Pharma- und Medizintechnikfirmen. In Analogie zum Weltwirtschaftsgipfel wird das Treffen, das erst zum vierten Mal stattfand, bereits als Davos der Medizin bezeichnet.
Auf dem Weltgesundheitsgipfel rief die US-Wissenschaftlerin Shiriki Kumanyika dazu auf, global mit aller Kraft gegen ein Grundübel, nämlich Übergewicht und Fettsucht, vorzugehen. Der fatale Trend, immer mehr zu essen, müsse gestoppt werden. Sie sagte, dass Hamburger in den USA heute dreimal so groß seien wie in den 50er-Jahren und ein Standardgetränk unserer Tage, ein siruphaltiger Café Latte, sechs Mal so viele Kalorien enthalte wie die gute alte Tasse Kaffee. Der Durchschnittsamerikaner bringe heute 11 Kilogramm mehr auf die Waage als noch im Jahr 1980. In dieser Situation seien Initiativen wie in New York, wo ab März XXL-Becher für Softdrinks verboten sind, sehr zu begrüßen.
Eine Gefahr für die globale Gesundheit ist auch die zunehmende Urbanisierung. Heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, im Jahr 2070 werden es bereits 70 Prozent der Menschheit sein. Im Vergleich zu Landmenschen gilt für Stadtbewohner überall auf der Welt: Sie sind sportlich weniger aktiv, sie rauchen mehr, konsumieren mehr Alkohol und ernähren sich ungesünder. All das sind unbestrittene Risikofaktoren für Herzleiden, Schlaganfälle und Krebs. Bei solchen Volkskrankheiten erwarten die Experten eine starke Zunahme, auch weil die Menschen weltweit immer älter werden.
Für die Gesundheitsversorgung steht künftig aber voraussichtlich weniger Geld zur Verfügung. Das kündigte der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der inzwischen für die Zürich-Versicherungsgruppe arbeitet, als Folge der Wirtschaftskrise an. Und Agis Tsouros von der Weltgesundheitsorganisation sieht bereits erste Indizien dafür, dass die Sparmaßnahmen zu spürbaren medizinischen Problemen führen – in Europa und darüber hinaus.
Von den gesundheitspolitischen Fehlern Europas, aber auch von guten hiesigen Ideen will man in Asien lernen. Dort lebt bereits die Hälfte der Weltbevölkerung – Tendenz zunehmend. „Es wäre ein Vergehen, wenn wir in Asien ein Gesundheitssystem nach dem Muster des 20. Jahrhunderts aufbauen würden“, sagte John Wong von der National University of Singapore. Stattdessen wolle man zum Beispiel die Chancen, die die Informationstechnologie bietet, von Anfang an beherzt aufgreifen.
Details werden Wong und seine Kollegen sicher im kommenden April verraten. Dann findet in Singapur die erste Regionalkonferenz des World Health Summit statt. Die jährliche Hauptkonferenz aber bleibt in Berlin. Politik und Wirtschaft der Stadt haben sich in diesem Jahr zum World Health Summit bekannt; der nächste Termin ist vom 20. bis 23. Oktober 2013.
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