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09. Februar 2012

Wostok-See: Durchbruch in der Antarktis

 Von Silvia von der Weiden
Die Wostok-Station muss bis Dezember eine Pause einlegen, weil am Südpol bald die eiskalten Nächte beginnen.  Foto: REUTERS/Alexey Ekaikin

Forscher bohren einen seit Millionen Jahren unberührten See unter dem ewigen Eis an, um die Geheimnisse der dunklen Welt zu lüften. Durch die extremen Wetterbedingungen in der Arktis können die Forscher nur wenige Wochen im Jahr arbeiten.

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Eisiges Archiv

Der heutige Kontinent Antarktis entstand, als vor rund 180 Millionen Jahren der Großkontinent Gondwana – er bestand zudem aus den heutigen Kontinenten Südamerika, Afrika, Indien und Australien – zerbrach. Während seine übrigen Teile, angetrieben durch Kräfte aus dem Erdinnern über den Globus zu ihren heutigen Positionen wanderten, blieb die Antarktis isoliert.
Vor etwa 30 Millionen Jahren begann die Antarktis zu vereisen, wie Bohrungen anzeigen. So kühlte der Kontinent immer weiter aus. Seit 15 Millionen Jahren liegt er unter einer geschlossenen Eisdecke begraben. Die heute bis zu vier Kilometer dicke Eisschicht bedeckt rund 400 Gewässer, Seen und Flüsse, die durch Radarsatelliten entdeckt wurden.

Seit Millionen Jahren schlummert einer der größten Süßwasserseen der Erde unter einem knapp vier Kilometer mächtigen Eispanzer in der Ostantarktis. Möglicherweise dort lebende Mikroorganismen wären seit Äonen von der Außenwelt abgeschnitten und könnten sich zu exotischen Lebensformen entwickelt haben. Der Wostok-See ist mit seinen Ausmaßen von 250 mal 50 Kilometern ähnlich groß ist wie der Ontario-See in Nordamerika. Es ist eine unberührte, dunkle Welt, deren Geheimnisse Forscher seit Jahrzehnten zu lüften versuchen.

Immer wieder wurden deshalb Bohrungen zum See abgeteuft – und blieben im ewigen Eis stecken. Russische, britische und US-amerikanische Forschungsteams wetteiferten darum, die Ersten zu sein, die zu der unbekannten Welt vorstoßen. Die US-Weltraumbehörde Nasa plante gar die Erkundung mit einem ferngesteuerten U-Boot. Inzwischen verfolgt jede Nation ihr eigenes Projekt.

Nun endlich ist der Durchbruch geschafft. Die von russischen Wissenschaftlern niedergebrachte Bohrung hat am vergangenen Sonntag die Oberfläche des Wostok-Sees erreicht, teilte das Ministerium für Naturressourcen am Mittwoch nach Angaben der Agentur Itar-Tass in Moskau mit. Demnach wurde die seit Jahren vorangetriebene und immer wieder unterbrochene Bohrung in 3768 Metern Tiefe fündig.

Wie Walery Lukin, Leiter des russischen Antarktis-Programms, zuvor dem britischen Wissenschaftsmagazin Nature sagte, warte er noch auf die Auswertung von Sensordaten aus der Bohrung. „Wenn alles nach Plan verläuft, werden wir das Loch im kommenden Dezember erneut anbohren und dann die gefrorene Probe gewinnen, ohne das Seewasser zu verunreinigen.“

Extreme Wetterbedingungen

Schon vor einem Jahr hatten die Forscher die Marke von 3729 Metern erreicht. Da die extremen Wetterbedingungen in der Antarktis nur wenige Wochen Bohrbetrieb im Jahr erlauben, konnten erst im Januar dieses Jahres, während des antarktischen Sommers, die Arbeiten wieder aufgenommen werden. Während dieser Zeit wurden die restlichen knapp 40 Meter bis zur Oberfläche des Wostok-Sees niedergebracht.

Weitergearbeitet wird an der Bohrstelle vorerst aber nicht. In der Antarktis beginnt nun der Herbst. Die russischen Wissenschaftler bereiten sich auf ihren Abzug von der Wostok-Forschungsstation vor, die direkt über dem verborgenen See liegt. In Kürze halten die Polarnächte Einzug. Dann können die Temperaturen auf beinahe minus 90 Grad Celsius fallen und Stürme mit Geschwindigkeiten von 200 Kilometern pro Stunde jagen über das Eis. Proben sollen erst im Dezember dieses Jahres genommen werden, wenn in der Antarktis wieder der Sommer beginnt.

Zweifel und Befürchtungen

Etliche Wissenschaftler zweifeln, ob der seit vielleicht 15 Millionen Jahren vom Eis abgeriegelte See überhaupt Leben beherbergt. Andere fürchten die Verunreinigung durch Keime. Skeptisch äußerte sich auch der russische Molekularbiologe Sergey Bulat vom Petersburg Nuclear Physics Institute: „Ich glaube nicht, dass die oberen Schichten des Sees, die wahrscheinlich aus geschmolzenem Gletscherwasser bestehen, irgendwelches Leben beherbergen.“

Der kalte Wasserkörper des Wostok-Sees steht durch die auflastenden Eismassen unter gewaltigem Druck und bleibt deshalb auch bei Minustemperaturen flüssig. Wie in der Tiefsee herrscht völlige Dunkelheit. In bisher gezogenen Eisbohrkernen, die aus der rund 200 Meter dicken Schicht aus mutmaßlich unter dem Permaeis angefrorenem Seewasser stammen, fanden sich verschiedenartige Mikroben. Darunter waren jedoch keine Organismen, die auf der Erde völlig unbekannt sind. Die Proben enthielten Mengen von einzelnen bis mehreren Millionen Bakterien, von denen jedoch nicht alle im Labor kultiviert und bestimmt werden konnten. Auch höhere Mikroorganismen wie Algen und Pilze wurden gefunden.

Suche nach Leben

Die letzten Meter Eis wurden jetzt mit Hilfe eines dünnen Heizstabes steril erbohrt. Beim ersten Kontakt mit flüssigem Wasser wird das Gerät im Bohrschacht zurückgezogen. Das unter hohem Druck stehende Seewasser steigt in dem unteren, dünnen Loch mehrere zehn Meter hoch und friert dann fest. Aus dieser Seeeisplombe sollen dann voraussichtlich im Dezember dieses Jahres die ersten Proben ans Tageslicht befördert werden. Russland will auch Labors in anderen Ländern beteiligen, um eine unabhängige Bestätigung zu erhalten. Dann soll die Frage beantwortet werden: Gibt es Leben im urzeitlichen See?

Die Frage treibt auch ein britisches Bohrprojekt an. Viele tausend Kilometer vom Wostok-See entfernt in der West-Antarktis bereiten sich derzeit Wissenschaftler auf einen Vorstoß zum Lake Ellsworth vor.

Wie der Forschungsleiter des Projektes, Martin Siegert von der University of Edinburgh, betont, sehe man sich aber nicht als Konkurrenz zu den Russen: „Wir freuen uns über den Erfolg unserer Kollegen.“

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