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04. August 2014

Zeitgeist: Als die Autoritäten bröckelten

 Von 
Zeitgeiststudie der späten 60er und der 70er Jahre: die deutsche Krimiserie „Der Kommissar“.  Foto: dpa

Der Germanist Frank Jöricke spürt dem Phänomen des Zeitgeistes nach. Er untersucht, welches Lebensgefühl und welche Moden vergangene Jahrzehnte prägten – und stellt sich auch die Frage, ob es heute noch solche verbindenden Elemente in unserer Gesellschaft gibt.

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Peter Alexander ließ es 1968 musikalisch richtig krachen: „Komm und bedien dich“, sang der Schlagerstar in der deutschen Fassung der Tom-Jones-Nummer „Help yourself“. Fröhlich, überdreht, nahezu entfesselt und auch ein bisschen anzüglich klang der damals 42 Jahre alte Österreicher in seiner Interpretation: „Ich lad dich ein, und du sagst Yes, und zum Dessert gibt’s Happiness“. Alexanders Version des Welthits machte die von Künstlern und Intellektuellen angestoßene sexuelle Befreiung für die breite Masse verdaulich, sagt Frank Jöricke.

Der studierte Germanist und Werbetexter beschäftigt sich in seinem Buch „Jäger des verlorenen Zeitgeists“ mit genau solchen Phänomenen: Er untersucht, welches Lebensgefühl und welche Moden vergangene Jahrzehnte prägten – und stellt sich auch die Frage, ob es heute noch solche verbindenden Elemente in unserer Gesellschaft gibt oder ob die Individualisierung, das Streben nach „Selbstoptimierung“ und Schnelllebigkeit diese nicht zunehmend verdrängen. Um es vorweg zu nehmen: Der Autor geht eher von letzterem aus.

Doch zurück zu 1968. Nach dem Zeitgeist dieser Jahre gefragt, würden vielen Menschen vermutlich Schlagwörter wie Studentenrevolte, Vietnamkrieg, Hippies oder Woodstock einfallen. Das ist die Sicht aus heutiger Perspektive, sagt Frank Jöricke, damals dominierte der Schlager den allgemeinen Geschmack: Auf Platz eins der Hitlisten stand wochenlang „Mama“ von Heintje. Was wir heute mit jener Zeit in Verbindung bringen, war die Avantgarde: Künstler, Musiker, Modeschöpfer, die kurze Röcke und schrille Muster entwarfen. Nach einiger Zeit indes erreichten deren Trends größere Teile der Bevölkerung: Der Mini wurde salonfähig und der deutsche Schlager frecher; siehe Peter Alexander. „Zeitgeist ist der Moment, wo der Mainstream die Avantgarde aufgreift und eine Bewegung in der Masse Widerhall findet“, erklärt Jöricke. „Wieviel davon in der Provinz ankommt, ist noch ein anderes Thema.“ Oft verstehe man ihn auch erst rückblickend, „im Abgleich mit der Gegenwart“.

In diesem aktuellen Buch versucht der 47-jährige Trierer, dem Zeitgeist häppchenweise auf die Spur zu kommen, in Form einer Reihe von Essays, nicht streng wissenschaftlich, selektiv und oft subjektiv, aber dennoch erhellend – und stets unterhaltsam. Einer dieser Aufsätze beschäftigt sich zum Beispiel mit der Krimiserie „Der Kommissar“, die von 1969 bis 1976 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. In den Augen von Frank Jöricke eine echte Studie des damaligen Zeitgeistes, in deren 91 Folgen der am Anfang stehende Mord stets als „Aufhänger“ diente, die bundesrepublikanische Gesellschaft dieser Jahre zu beleuchten. So gehörten damals zu den Klassikern Geschichten über zerrinnende Autoritäten und Konflikte zwischen den Generationen.

Frank Jöricke hat Germanistik, Anglistik und Politologie studiert.  Foto: Privat

Ließen sich in den 1970ern die gewonnene sexuelle Freiheit auskosten und der gestiegene Wohlstand genießen, so sind die 1980er Jahre nach Ansicht Jörickes geprägt vom „Verlust der Unschuld“: Gleich, ob es um den Umgang mit Rohstoffen oder um die Partnerwahl im Zeichen der ersten Aidstoten ging – „Fehlverhalten“ konnte schlimme Konsequenzen haben. Das aufkommende Bewusstsein für die Umwelt, getragen vor allem durch die noch junge Partei der Grünen, prägte die damaligen Jahre – entgegengesetzt dazu aber auch die „Simulation“, findet der Autor. Letzteres macht er unter anderem fest an der Musik von Bands wie „Modern Talking“ oder – geradezu beispielhaft – „Milli Vanilli“, deren Sänger nur die Lippen bewegten, während im Hintergrund andere die Töne lieferten. Zudem sei es kein Zufall, dass die erfolgreichsten Filme wie „Angel Heart“ oder „Eine verhängnisvolle Affäre“ von Werbefilmern stammten.

Die 1990er wiederum hätten zunächst wie eine Verheißung des „goldenen Zeitalters“ gewirkt: Die Berliner Mauer fiel, der Kalte Krieg schien zu Ende. Doch stattdessen folgten andere Kriege, im Irak oder im ehemaligen Jugoslawien etwa; auch in der zerfallenden Sowjetunion rumorte es. Die 1990er Jahre stellen für Jöricke ein Jahrzehnt zerfallender alter Gewissheiten dar, nicht allein in der großen Politik, sondern auch in der Musik, wo Underground zum Mainstream wurde, oder in den Geschlechterrollen; kein Zufall, dass damals der androgyne Look aufkam und das Modell Macho allmählich ausdiente. Das Motto lautete: Anything goes, alles ist möglich – nicht die schlechteste Zeit, wie Jöricke bewertet.

Harscher fällt sein Urteil über die folgenden Jahrzehnte aus. Als typisch für die bis heute andauernde Phase ab etwa 2000 erscheinen dem Geisteswissenschaftler die dominierende Rolle von Optik und Image, eine zunehmende Oberflächlichkeit sowie der Verlust von Gemeinschaftsgefühl und Intimität gleichermaßen. Deshalb gebe es heute auch keine echten Stars mehr wie noch in den 1950er und 60er Jahren. Die damalige „Mythenbildung“ um Filmschauspieler und große Musiker sei heute nicht mehr gefragt, vielmehr werde alles Private an die Öffentlichkeit gezerrt, Abstürze seien interessanter als glamouröser Erfolg.

Besonders hart geht der Autor mit Foren wie Facebook ins Gericht. Sie „pervertierten“ zwischenmenschliche Begriffe, „auf deren Bedeutung sich Generationen verständigen konnten“ und deuteten diese „komplett“ um. So sei „Freundschaft“ dort „nur noch eine formlose elektronische Anfrage, die keine emotionalen Verpflichtungen nach sich zieht und jederzeit per Mausklick aufgekündigt werden kann“. Jöricke geht so weit, zu behaupten, auf diese Weise förderten soziale Netzwerke „asoziales Verhalten“.

Das „Ich“ stehe im Vordergrund, der persönliche Erfolg, Individualität ist Trumpf – auch wenn paradoxerweise so viele Menschen den gleichen Idealen von jugendlicher Schönheit und schnellem Erfolg hinterher hecheln. Gefühle der Zugehörigkeit zu einer Gruppe wie sie etwa die Studentenbewegung oder schlicht die Opposition gegen die Elterngeneration in den 1960er Jahren boten oder das Engagement für Frieden und Umwelt in den 80er, gebe es kaum noch, so die These von Frank Jöricke.

Das sei der Preis für die in den 1990er Jahren aufgekommende „Alles ist möglich“-Mentalität gewesen, schreibt der Autor. Manchmal allerdings keime dann doch der Wunsch nach dem Gemeinschaftsgefühl, dem „Wir“ auf. Wie sich dieser dann Raum verschafft, war erst vor kurzem zu beobachten: als bei der Fußballweltmeisterschaft wieder Zehntausende auf öffentlichen Plätzen der Nationalmannschaft zujubelten.

Frank Jöricke. Jäger des verlorenen Zeitgeists. 217 Seiten. Solibro. 12,80 Euro. ISBN 978-3-932-92755-3.

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