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01. November 2012

Zugvögel: Flug in den Tod

 Von Kerstin Viering
Tanzende Kraniche: Vögel aus Finnland, Estland und Ungarn wählen auf ihrem Weg gen Süden gerne die Balkanroute über die östliche Adria .  Foto: Bruno Dittrich

Eine der wichtigsten Routen für europäische Zugvögel führt über die östliche Adria. Doch dort endet die Reise oft vor einem Gewehrlauf.

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Eine der wichtigsten Routen für europäische Zugvögel führt über die östliche Adria. Doch dort endet die Reise oft vor einem Gewehrlauf.

In der Saline des Küstenstädtchens Ulcinj zaubert der Herbst sein eigenes Farbenspiel. Blauer Himmel und weiße Wolken spiegeln sich in den zahlreichen Wasserbecken, aus denen hier, ganz im Süden Montenegros, Meersalz gewonnen wird. Die bizarre Pflanze Queller überzieht die Ufer mit dunkelroten Teppichen, zart rosa Flamingos sieben mit ihren Schnäbeln kleine Krebse aus den Fluten, leuchtend weiße Seidenreiher suchen nach Fischbeute, und auf einer Sandbank hat sich eine Gruppe silbriger Krauskopfpelikane niedergelassen. Von diesen Vögeln soll es weltweit nur noch etwa 5 000 Brutpaare geben.

Darko Saveljic ist zufrieden. „Es ist ein gutes Zeichen, dass die Tiere nicht sofort auffliegen, wenn sie uns sehen“, sagt der Chef der montenegrinischen Naturschutzorganisation CZIP. Offenbar befürchten die Vögel keine Gefahr. Doch das ist in Ulcinj keineswegs selbstverständlich. Immer wieder haben Darko Saveljic und seine Mitstreiter in den vergangenen Jahren Fälle von illegaler Vogeljagd angezeigt.

Die Zugvögel werden gejagt.
Die Zugvögel werden gejagt.
 Foto: dpa

„Die Polizisten waren schon ganz genervt“, erinnert sich der Naturschützer. Doch allmählich zeigt das Engagement Wirkung, die Schüsse bleiben aus. Und davon profitieren nicht nur die Arten der Region. Die Saline ist auch eine wichtige Raststation für Zugvögel aus Nord-, Mittel- und Osteuropa. Über die Staaten Ex-Jugoslawiens und Albanien fliegen sie nach Süditalien und über Sizilien und Malta nach Afrika.

Gäste aus Finnland und Ungarn

„Über diese Zugstrecke wusste man lange sehr wenig“, sagt Gabriel Schwaderer von der Stiftung Euronatur in Radolfzell am Bodensee. Gemeinsam mit Ornithologen vor Ort versucht seine Organisation seit einigen Jahren, das zu ändern. Mit Unterstützung der Lufthansa und der Schweizer Mava-Stiftung haben sich die Vogelexperten zum Adriatic Flyway Project zusammengeschlossen, um die Adria-Route zu erforschen und zu schützen. Regelmäßige Zählungen in den Feuchtgebieten des Balkans verraten ihnen immer mehr Details über die bevorzugten Wanderwege der Arten. Und wenn Vögel auftauchen, denen Ornithologen im Brutgebiet einen markierten Ring ums Bein gelegt haben, lässt sich sogar der genaue Abflugort feststellen.

Aus Europa gen Süden

Rund zwei Milliarden Vögel pendeln jährlich zwischen ihren Brutgebieten in Eurasien und den Winterquartieren in Afrika. Sie wählen dabei Strecken, auf denen sie nicht zu lange über das offene Meer fliegen müssen.

Die Westroute führt von Westeuropa über Gibraltar nach Afrika. Auf dieser Strecke sind Vögel aus Großbritannien und dem Wattenmeer unterwegs.

Auf der Ostroute steuern Vögel aus Osteuropa ihre afrikanischen Ziele über die Meerenge des Bosporus in der Türkei und den Nahen Osten an.

Die Balkanroute über die Adria ist noch am wenigsten erforscht.

„So wissen wir inzwischen, dass viele Kraniche aus Finnland, Estland und Ungarn die Strecke über die Adria wählen“, sagt Tibor Mikuska von der Kroatischen Gesellschaft für Vogel- und Naturschutz HDZPP. Den gleichen Weg schlagen auch die schätzungsweise 1 500 Löffler-Paare ein, die in der pannonischen Tiefebene Ungarns brüten. Auch deutsche Zugvögel können der Adria-Route etwas abgewinnen. Auf dem Balkan sind Knäkenten aus Bayern und Wiedehopfe aus Brandenburg aufgetaucht – beide Arten sind als „stark gefährdet“ eingestuft.

Wir wüssten sehr gern noch mehr über die genauen Reisewege der einzelnen Arten“, sagt Tibor Mikuska. Unklar ist etwa, ob sich die Adria-Route unterwegs verzweigt. Einer ihrer Äste könnte über Italien, der andere über Kreta nach Afrika führen. Fest steht, dass die Vögel auf keiner dieser möglichen Strecken ohne funktionierende Raststätten an der Adria auskommen. Wer Hunderte von Kilometern unterwegs ist, muss zwischendurch ausruhen und mit üppigen Mahlzeiten seine Energiereserven wieder auffüllen. Ungünstigerweise haben etliche beliebte Vogel-Tankstellen in den letzten Jahrzehnten ihren Betrieb eingestellt. „Drei Viertel der Feuchtgebiete, in denen die Tiere früher reichlich Nahrung fanden, sind inzwischen trockengelegt“, schätzt Schwaderer. Wenn in diesen Tagen mehr und mehr gefiederte Gäste aus dem Norden an der Adria ankommen, wird es in den verbliebenen Vogel-Dorados daher richtig voll. So wie in der Saline von Ulcinj.

Dort pumpen die Betreiber jedes Jahr ab Ende April Meerwasser in ein System von miteinander verbundenen Becken. Im Zeitlupentempo fließt es von einem Bassin zum nächsten. Dabei verdunstet es in der Mittelmeersonne, und das Salz reichert sich an. Die flachen Gewässer enthalten auch reichlich Fische und anderes Meeresgetier. Für zahlreiche Wasservögel ist die 15 Quadratkilometer große Saline ein echtes Paradies. Die Arbeiter dort haben es weniger gut. Wie vor Jahrzehnten schaufeln sie das Salz per Hand in die Waggons eines Transportbähnchens – eine mühsame Plackerei unter sengender Sonne. „Die Investoren, denen die Saline gehört, wollten dieses attraktive Gebiet eigentlich für den Tourismus entwickeln“ , berichtet Saveljic.

Diesen Plänen hat das montenegrinische Parlament im Juli allerdings einen Riegel vorgeschoben. Nach massiven Protesten von Euronatur und den lokalen Naturschützern hat es den Nutzungsplan geändert und die Saline zumindest bis zum Jahr 2020 vorläufig unter Naturschutz gestellt. Darko Saveljic und seine Kollegen hoffen, dass ein Beschluss des Stadtparlaments von Ulcinj das Gebiet dauerhaft sichern wird. Und sie denken gar nicht daran, sich diesen greifbaren Erfolg durch die Flinten unbelehrbarer Vogeljäger zunichtemachen zu lassen. Also werden sie weiter mit freiwilligen Helfern auf Patrouille gehen und der Polizei auf die Nerven fallen. Falls mal wieder jemand vergessen haben sollte, dass in der Saline jeder Schuss verboten ist.

„In der Saline Ulcinj sehen wir, dass man die illegale Vogeljagd durchaus in den Griff bekommen kann“, sagt Schwaderer. Sonderlich dicht gesät sind solche positiven Beispiele an der Adria allerdings nicht. Sobald die von der Reise erschöpften Zugvögel die wenigen verbliebenen Tankstellen erreichen, geraten sie vielerorts in ein regelrechtes Sperrfeuer. „Die Jagdgesetze sind in vielen Ländern auf dem Balkan ohnehin zu lax und dann werden sie auch noch ständig unterlaufen“, kritisiert der Euronatur-Mitarbeiter. Der eine schießt sich einen Entenbraten für den eigenen Kochtopf, der andere verkauft die Beute an örtliche Restaurants. Auch wohlhabende Jagdtouristen aus Italien sind auf dem Balkan unterwegs, um auf gefiederte Opfer anzulegen.

Nach einer Hochrechnung werden entlang der Adria-Route jedes Jahr mehr als zwei Millionen Zugvögel getötet – darunter auch bedrohte Arten. Schwaderer hält es für möglich, dass der starke Rückgang der Knäkenten in Deutschland mit dem massiven Beschuss auf der Adria-Route zusammenhängt.

Sperrfeuer im Schilf

„Viele eigentlich gut geeignete Raststätten auf dem Balkan können die Zugvögel wegen der allgegenwärtigen Jäger gar nicht richtig nutzen“, sagt der Naturschützer und lässt den Blick über den Svitava-See mitten im bosnischen Naturpark Hutovo Blato schweifen. Kaum ein Wasservogel lässt sich dort blicken. Bald wird klar, woran das liegt. Kaum ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden, tuckert das erste Boot über den See. An Bord zwei dunkle Silhouetten mit Gewehren. Im Dämmerlicht suchen sie das Schilf nach Vögeln ab. Und dann knallen die ersten Schüsse. Gleich an mehreren Stellen wird das Feuer eröffnet. Salven knattern aus halbautomatischen Waffen. Es wäre wieder mal ein Fall für die Polizei. Doch die hat an diesem Sonntagabend offenbar Besseres zu tun.

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