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Fußball-WM 2014
Deutschland, die DFB-Elf und die Fußball-WM 2014 in Brasilien.

24. Juni 2014

Italien - Uruguay : Jäger mit Biss

 Von 
Sich feiern lassen kanner auch: Luis Suarez bejubelt seinen zweiten Treffer gegen England.  Foto: REUTERS

Auf Luis Suárez, den Kannibalen und Knipser, ruhen die Hoffnungen der Uruguayer. Wenige polarisieren so sehr wie der Mann aus Salto.

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Luis Alberto Suárez Díaz aus Salto ist nicht unbedingt der beliebteste Spieler der WM. Da gibt es andere, Philipp Lahm zum Beispiel oder Iker Casillas, der den Anderen freundlicherweise ein paar Tore zum Geschenk macht. Luis Suárez macht das nicht. Er macht andere Sachen, weniger schöne, bisweilen solche, die einfach nur bizarr sind. Gegenspieler beißen etwa. Und nicht nur einmal. Zuletzt hat der ziemlich torgefährliche Stürmer aus Uruguay, der mit seinen beiden Treffern Mitte letzter Woche England aus dem Turnier, man muss schon sagen, gebombt hat, im April des vergangenen Jahres zugebissen. Im Spiel gegen den FC Chelsea packte sich der Uru plötzlich, mitten im Spiel, der Ball flog ins Aus, den Arm seines Gegenspielers Branislav Ivanovic und schlug seine Zähne hinein. Danach sieht man den Chelsea-Verteidiger völlig perplex seinen Arm haltend, er kann es gar nicht glauben. Hat der mich jetzt wirklich gebissen, fragt dieser Blick.

Und das ist Suárez, der dafür mit einer Sperre von zehn Spielen belegt wurde, nicht zum ersten Mal passiert. Vor vier Jahren, da spielte er noch bei Ajax Amsterdam, biss er im Gerangel dem armen Otman Bakkal vom PSV Eindhoven in die Schulter. Und wenn man sich die Zähne des Uruguayers anschaut, dann kann einem schon unheimlich werden, Überbiss und ziemlich starke, allerdings weiße Hauer, eine kieferorthopädische Behandlung im Kindesalter ist offensichtlich verschwitzt worden.

In diesen meist schwülheißen Tagen in Brasilien ist Luis Suárez, um im Bild zu bleiben, mal wieder in aller Munde. Der 27 Jahre alten Angreifer genießt ja nach seiner Blitzheilung und den beiden Toren gegen England Heldenstatus in seinem Heimatland, „El Pais“ nennt ihn den Mann, „der für die Wunder zuständig ist“. Und ein bisschen kommt der schwarzhaarige Angreifer schon daher wie der heilige Lazarus vom River de la Plata. Denn es ist ja tatsächlich erst knapp fünf Wochen her, da ging dieses Bild um die Welt: Luis Suárez, der beste Knipser des kleinen, nur 3,4 Millionen Einwohner zählenden Landes (zum Vergleich: Der DFB hat doppelt so viele Mitglieder), saß da im Kapuzenpulli gebrechlich im Rollstuhl, im Hintergrund ein Krankenhaus. Suárez hatte sich einer Arthroskopie am Meniskus im linken Knie unterziehen müssen, den Wettlauf mit der Zeit schien er zu verlieren. Wer kann denn bei der WM Tore schießen, der einen Monat zuvor noch scheinbar pflegebedürftig im Rollstuhl sitze.


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Schuss ins englische Herz

Es war Oscar Washington Tabarez, der mit vielen Wassern gewaschene Trainer der Celeste, der nach dem England-Spiel der Weltöffentlichkeit Details aus dem uruguayischen Gesundheitswesen verriet: „Es gibt in Uruguay ein Gesetz, das besagt, dass du das Krankenhaus in einem Rollstuhl verlassen musst, damit du dich dabei nicht verletzt.“ Soll heißen: Alles nicht so schlimm.

Suárez selbst war nach seiner märchenhaften Gala, einem sehr filigranen, von Edinson Cavani - lustigerweise ebenfalls in Salto geboren – vorbereiteten 1:0, und einem brachialen Schuss ins englische Herz, so ergriffen, dass er noch auf der Ersatzbank heiße Tränen vergaß. Da brach eine Menge aus dem Torjäger heraus, die Schinderei für sein Comeback, die vielen Spitzen aus England, der Druck, kurz vor dem WM-K.o. zu stehen. Das sei das beste Spiele, das er je gespielt habe, sagte er. Und doch erinnerte er sich in der Stunde seiner Triumphes jenes Mannes, der ihn in Rekordzeit fit bekommen hat für dieses Turnier, Physiotherapeut Walter Ferreira, 63, der selbst an einer schweren Krebserkrankung leidet. „Ohne ihn wäre das nicht möglich gewesen.“ Im ersten Spiel der Urus, gegen Costa Rica (1:3) war der „Kannibale“ noch nicht so weit gewesen, Tabarez ließ da seinen besten Stürmer (78 Länderspiele, 41 Tore) noch nicht von der Leine. Und heute Abend in Natal (18 Uhr/live ZDF) im Endspiel gegen Italien muss Suárez wieder treffen, benötigt Uruguay, der zweifache Weltmeister, zwingend einen Sieg, um nicht vorzeitig die (kurze) Heimreise antreten zu müssen.

Drin: Luis Suarez überwindet den englischen Torwart Joe Hart.  Foto: AFP

Aber wenn sich einer mit kniffligen Situationen auskennt, dann ist das Suárez. Bei der letzten WM in Südafrika schien Uruguay ebenfalls schon so gut wie ausgeschieden, Viertelfinale, kurz vor Ende der Verlängerung gegen Ghana, war es, als Suárez einen Schuss, auf der Torlinie stehend, mit beiden Händen abwehrte. Elfmeter und Platzverweis waren die Folgen, Suárez stand noch im Spielertunnel, als der an sich sichere Schütze Asamoah Gyan anlief – und verschoss. Suárez hüpfte vor Freude wie ein Schulbub umher. Das anschließende Elfmeterschießen entschied Uruguay für sich, erst im Halbfinale gegen die Niederlande war dann Endstation, im undankbaren Spiel um Platz Drei gewann dann Deutschland mit 3:2. Auch mit diesem Handspiel machte sich der zweifache Familienvater außerhalb Uruguays keine großen Freunde. Er selbst feierte sich: „Ich habe die Parade des Turniers gezeigt. Die Hand Gottes gehört jetzt mir.“

Außergewöhnliche Bilanz

Doch seine Bilanz, seine Torquote ist außergewöhnlich. In der angelaufenen Saison hat Suárez 31 Tore für den FC Liverpool geschossen, so viel, wie in dieser Runde keiner. Er hat den Rekord in der Premier League knapp verpasst, der lag bei 34 Treffer, Andy Cole und Alan Shearer haben ihn aufgestellt. Der Uru hat für seine Tore aber nur 33 Spiele benötigt, in den ersten fünf fehlte er wegen der Sperre wegen Beißens. In vier Jahren bei Ajax Amsterdam schoss er in 139 Spielen beeindruckende 91 Tore. In seiner ganzen Karriere, die ihn von Nacional Montevideo als 19-Jähriger 2006 zum FC Groningen führte, hat er in insgesamt 320 Pflichtspielen 204 Tore erzielt, dazu kommen die 41 Tore in 78 Länderspielen.

Kein Wunder, dass ihn zum Beispiel Steven Gerrard, Kapitän beim FC Liverpool, voller Respekt „ein Genie“ nannte, Ersatz-Mannschaftskapitän Diego Godin bezeichnet ihn als „Monster“, „El Pistolero“ nennen ihn die Fans, weil er nach seinen Toren mit beiden hochgestreckten Zeigefingern im Trommelwirbel jubelt. In England, wo er dem Vernehmen nach mit etwa 200.000 Pfund in der Woche entlohnt wird, ist er gerade von Journalisten und Spielern zum Fußballer des Jahres gewählt worden. Seine Leistung in den Strafräumen ist überragend. Als sicher gilt, dass der Knipser nicht in Liverpool bleiben wird. Um Luis Suarez ist mittlerweile ein fast schon absurder Bieterstreit ausgebrochen, Real Madrid und der FC Barcelona treiben den Preis in schwindelerregende, fast schon irre Dimensionen, 90 Millionen Euro waren beiden zuletzt der Torinstinkt des Mannes aus Salto wert.

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Die erstaunliche Bilanz des Luis S. wäre sogar vermutlich noch weit besser ausgefallen, hätte er nicht so oft wegen Spielsperren zusehen müssen. Neben seinen Beißattacken ist Suárez auch schon mit rassistischen Äußerungen negativ aufgefallen. Den Franzosen Patrice Evra von Manchester United hat Suárez mal als „Negro“ bezeichnete. Suárez gab diese Aussage später sogar zu, sah darin aber im Kern keine Beleidigung, weil sie in seiner Heimat angeblich eine gängige Bezeichnung für farbige Menschen sei. Beim Wiedersehen mit Evra verweigerte er diesem den Handschlag – er hatte sich durch die Strafe, acht Spiele Pause, ungerecht behandelt gefühlt. Später entschuldigte er sich bei Evra.

Immerhin weiß Suárez, dass er auf dem Platz ziemlich polarisiert. „Meine Frau sagt immer: Wenn ich so zu Hause wäre, wie ich spiele, dann wäre sie nicht mehr meine Frau.“

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