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04. Juli 2014

Kolumbien: Der auferstandene Magier

 Von 
In Kolumbien ein Held: der Argentinier José Pekerman.  Foto: AFP

2006 als Sündenbock aus Argentinien verjagt, wird José Pekerman nun in Kolumbien verehrt und gefeiert.

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Es hat damals an diesem flirrend heißen letzten Junitag 2006 lange gedauert, bis José Néstor Pekerman zum Verhör erschien. In einem Unterschlupf des Berliner Olympiastadions zürnten die argentinischen Journalisten, während die deutsche Gefolgschaft noch die Gedanken ordnete, ob nun das Elfmeterschießen oder die folgende Keilerei auf dem Rasen den Kern der Berichterstattung vom WM-Viertelfinale einnehmen sollte. Dann erschien der Schuldige. So wie man sich einen Verlierer vorstellt: Die Stirn faltig, das Gesicht blass, die Hände zittrig.

Der Nationaltrainer tat das, was die Meute erwartete. Lud die Verantwortung auf seine Schultern und erklärte seinen sofortigen Rücktritt. Hatte er nicht zuvor ausgerufen: „Wir kommen, um zu gewinnen.“ Nun hatte Argentinien verloren. Weil er erst seinen Spielmacher ausgewechselt hatte, Juan Riquelme, dann noch seinen Angreifer, Hernan Crespo, dafür aber, und das schien am Schlimmsten, Supertalent Lionel Messi nicht einwechselte, ihn auf der Bank schmoren ließ? Da saß der Sündenbock, dessen Haar grau schimmerte. Pekerman sollte bald 57 Jahre alt werden. Kaum vorstellbar, dass so einer noch einmal auf dieser Bühne auftaucht. Dachte jeder vor acht Jahren, der dabei war.

Tatsächlich nahm sich der in Holt Ibucy 80 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Fußballlehrer eine Auszeit von mehr als einem Jahr. Ging nach Mexiko, machte erneut eine Pause, versuchte es ein zweites Mal bei einem mexikanischen Erstligisten, wurde wieder entlassen. Jetzt war er schon über 60.

Doch dann fühlte Anfang 2012 ein kolumbianischer Verbandsfunktionär vor, ob er sich vielleicht vorstellen könne, die „Cafeteros“ zu übernehmen. Man habe drei WM-Turniere nacheinander verfehlt, er aber, Pekerman, wisse doch, wie man sich qualifiziere. Der Gentleman, dessen Großeltern einst aus der Ukraine eingewandert waren, überlegte.

Er hatte zwar Mitte der 70er-Jahre bei Deportivo Independiente Medellin gespielt, aber das war lange her. Sollte er es wirklich wagen? Seine ältere Tochter Vanessa, die 1975 in Medellin geboren wurde, gab ihm den entscheidenden Anstoß: „Papa, mach’ das!“ So ging er an die Arbeit, obwohl die Liste der veröffentlichten Vorwürfe sich nur mit Siegen widerlegen ließ. Pekerman? Zu alt und zu teuer, zu leise und zu verschlossen, hieß es.

In Brasilien ist er der "Supermann"

Von wegen. Der Neue hauchte einer maroden Mannschaft sofort Leben ein. Er verfolgte eine Strategie und suchte dafür die Spieler aus. Kolumbien nahm die Qualifikationshürde, der Argentinier wurde „Südamerikas Trainer des Jahres“. Und wird jetzt in Brasilien nur „Superman“ genannt, weil seine Auswahl in der Vorrunde ein Trendsetter war. Der Volksheld Carlos Valderrama stellte fest: „Pekerman hat die Identität des kolumbianischen Fußballs wiederhergestellt.“

Als der Coach nach dem Achtelfinale gegen Uruguay (2:0) einen Handkuss auf die Tribüne zu seiner Ehefrau Matilde warf, stand in den Gazetten, die Geste zeige sein großes Herz. Er verbreite „pure Magie“. Und: „Pekerman muss scheinbar nur mit den Fingern schnippen und dabei kommen Tore, Triumphe, Huldigungen, Beifallsstürme, Jubel und Emotionen heraus.“

Der Überschwang erklärt sich durch ein nationales Ereignis: Kolumbien fordert heute Brasilien im Viertelfinale von Fortaleza heraus. Es gibt nicht wenige, die Pekermans unerschrockener Truppe mit dem dreisten James Rodriguez im Brutofen des Estadio Castelao alles zutrauen. Erst recht die Sensation. Aber der 64-Jährige hält den Ball flach. „Wir werden Brasilien immer respektieren, weil es ein großartiges Team ist. Wir gehen zwar durch eine gute Phase, aber sie haben die Fähigkeit, uns Sorgen zu bereiten.“ Dabei bangen viele Fans der Gastgeber, dass es genau umgekehrt sein könnte.

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Was ist das Geheimnis dieses Mannes, der so schön zurückhaltend bleiben kann? „Ihm ist es gelungen, die Gemeinschaft über den Einzelnen zu stellen“, sagt Ersatzkeeper Camilo Vargas. Nach Fortaleza, wo es selbst abends noch 25 Grad warm ist, sind die Kolumbianer einen Tag früher aufgebrochen, um sich besser zu akklimatisieren. Ihre Botschaften aber klingen weder hitzig noch übermütig, geschweige denn reißerisch. Auch das ist ein Verdienst Pekermans, den Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos persönlich bittet, die Staatsbürgerschaft seiner Wahlheimat anzunehmen.

Erstaunlich ist noch etwas: Heute drücken ihm sogar viele seiner argentinischen Landsleute die Daumen. Die Seleção raus, die „Albiceleste“ dagegen eine Runde weiter – das wäre doch eine herrliche Konstellation. Aber warum sollte für die Südamerikaner im Halbfinale schon Schluss sein? Man könnte sich am 13. Juli in Rio de Janeiro zum Finale treffen. Pekerman würde dann dort noch einmal Auge in Auge mit denjenigen in einer Pressekonferenz sitzen, die ihn einst in Berlin zum Teufel gewünscht haben.

Eine erneute argentinische Niederlage würde er sicher nicht bedauern. Auch wenn es wieder seine Schuld wäre.

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