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Fußball-WM 2014
Deutschland, die DFB-Elf und die Fußball-WM 2014 in Brasilien.

01. Mai 2014

Leitartikel: Fußball heilt keine Wunden

 Von 
Demonstranten und Polizisten stoßen in Sao Paulo zusammen. Die Demonstranten protestieren gegen die Weltmeisterschaft und verlangen, dass das Geld stattdessen in Bildung, Gesundheit und öffentliche Verkehrsmittel investiert wird.  Foto: REUTERS

Anderthalb Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft ist klar: Den Nutzen, den die Politik versprach, wird sie den meisten Brasilianern nicht bringen. Die Stimmung ist entsprechend.

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Nur noch anderthalb Monate bis zum Anpfiff! Jubelnde Fans, die die Fahnen der Teilnehmer-Länder schwenken, landestypische Tänze, fröhlich defilierende Schulklassen, und der Präsident gibt ein Riesen-Fest – so war das in Südafrika 50 Tage vor der Fußball-Weltmeisterschaft. Und jetzt in Brasilien? Nach der historischen Niederlage bei der WM 1950 im Maracanã-Stadion von Rio, als Uruguay in den letzten Minuten des Finales die Brasilianer besiegte, müsste eigentlich die ganze Nation der zweiten WM auf ihrem Boden entgegenfiebern. Aber nichts dergleichen. Im Land des Fußballs mag keine Vorfreude aufkommen. Die Stimmung schwankt zwischen mau und mies.

Das bange Gefühl, eine riesige Chance verpasst zu haben, ist allgegenwärtig: Wo bleibt die Modernisierung des Landes, die als Kollateraleffekt des Mega-Sport-Festes versprochen wurde? Was haben die Brasilianer von der WM außer den überteuerten Luxusstadien, die peinlicherweise nicht einmal rechtzeitig fertig werden? Und die Schüsse und Straßenschlachten letzte Woche in Copacabana haben offengelegt, wie prekär die Sicherheitslage selbst da ist, wo sich Brasilien wie auf der Ansichtskarte präsentiert. Von der „Copa der Copas“, also von der WM der Superlative, hat Präsidentin Dilma Rousseff großmäulig gesprochen. Heute fragt man sich, ob Brasilien die WM überhaupt mit Anstand hinbekommt.

Sportliche Mega-Events kombinieren Geschäft und Unterhaltung auf globalem Niveau. Das ist grundsätzlich nicht unmoralisch, aber in der Praxis immer mehr oder weniger verlogen. Es liegt im Wesen des Mega-Events, dass ständig neue Stadien und Spielorte, neue Städte und Länder, neue Völker und Kulturen als Kulissen des globalisierten Events gebraucht werden, aber hinter diese Kulissen soll lieber niemand gucken – auf diese Bedingung lassen sich Veranstalter, Teilnehmer und Zuschauer ja auch bereitwillig ein.

Wer in Peking den Kampf um Medaillen verfolgt, denkt nicht an Dissidenten. Autoritäres Potentatentum ist beim Slalom in Sotschi kein Thema, und wenn in Kapstadt oder Polokwane Tore fallen, vergisst man die Armut der Townships. Sicher, die Verlogenheit geht nahtlos in den Zynismus über. Aber so ist die Geschäftsgrundlage. Das Olympische Komitee ist kein Menschenrechtsverein, die Fifa kein Wohlfahrtsverband. Wen das anwidert, der muss abschalten.

Die Weltmeisterschaft jetzt und die Olympischen Spiele von Rio in zwei Jahren gehorchen keinen anderen Gesetzen. Auch wenn die Regierung die Sport-Feste innenpolitisch als Modernisierungschance verkauft hat, war stets klar, dass die sozialen Probleme nicht angepackt oder gar gelöst, sondern nur so weit in den Hintergrund gedrängt werden sollen, dass sie den Zuschauern, egal ob den leibhaftigen oder den fernsehenden, nicht allzu sehr in die Augen stechen. Und nach der gleichen, allein auf die Events bezogenen Logik war die Sicherheitsstrategie in Rio de Janeiro erdacht: Um die Touristen-Tummelplätze sollte ein Cordon Sanitaire gelegt werden, eine Art Pufferzone aus befriedeten Favelas rings um die bürgerlichen Viertel. Was jenseits dieser Barriere liegt, sind die altbekannten Zustände: Gewalt und Drogenkrieg, ein wenig präsenter und schon gar kein fürsorglicher Staat, der die sozialen Probleme wirklich in Angriff nimmt.

Anderthalb Monate vor der WM sieht es so aus, als würden sogar diese Minimal-Ziele verfehlt. Die Befriedung der Favelas, die sich zunächst ganz erfolgreich anließ, steht seit ein paar Monaten in Frage. Nachdem die Polizei immer wieder wie eine Besatzungstruppe auftrat, ist von Entspannung kaum noch die Rede. Dass die Drogenmafia dies ausnutzt und wieder Terrain zu gewinnen sucht, ist sicher wahr. Aber damit war zu rechnen; es ist keine Entschuldigung für die Fehler von Politik und Polizei. Und solange beispielsweise einer 92-Jährigen in einem staatlichen Krankenhaus donnerstags gesagt wird, sie solle am Dienstag wiederkommen, weil vorher kein Arzt für sie da sei, so lange werden die piekfeinen Fifa-Stadien das Salz in den tiefen sozialen Wunden Brasiliens sein.

Im Sommer 2013, als die Welt wegen des Confederations Cups nach Brasilien schaute, gingen Millionen wütender Bürger auf die Straße – eine Protestwelle, wie sie Brasilien seit der Rückkehr zur Demokratie in den Achtzigern nicht mehr gesehen hatte. Die Regierung versprach damals Reformen, aber gehalten hat sie davon so gut wie nichts. Die Demonstrationen sind abgeklungen; selbst die Gewalttäter, die die Proteste in den Augen vieler Brasilianer diskreditiert haben, rühren sich zurzeit nicht. Ob sich die Bewegung wieder neu formiert, wenn die Weltmeisterschaft beginnt? Zurzeit deutet nichts darauf hin, und wenn die brasilianische Nationalmannschaft siegt, dann dürfte der kollektive Freudentaumel sowieso jeden sozialen Aufschrei übertönen.

Das wird die Fifa und ihre Sponsoren genauso freuen wie die Regierung. Wie gesagt: Eine gewisse Verlogenheit gehört zur Geschäftsgrundlage.

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