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Fußball-WM 2014
Deutschland, die DFB-Elf und die Fußball-WM 2014 in Brasilien.

30. Mai 2014

WM-Geschichte(n): Schmach und Schande

 Von Dieter Hochgesand
Der Anfang vom Ende: Doppeltorschütze Hans Krankl trifft zum 2:1 für Österreich – Sepp Maier ist chancenlos.  Foto: imago

Die Weltmeisterschaft 1978 war für Deutschland keine gute. Sportlich blamierte sich das Team mit dem Aus gegen Österreich in Cordoba bis auf die Knochen, und auch die Funktionäre gaben ein zweifelhaftes Bild ab. Eintracht-Legende Bernd Hölzenbein erinnert sich an ein verkorkstes Turnier in Argentinien.

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In der Geschichte des Fußballs hat die WM 1978 in Argentinien in vielerlei Hinsicht einen besonderen Platz eingenommen – für den deutschen alles andere als einen ruhmreichen. Das Team, als Titelverteidiger auf die Reise geschickt, kehrte als begossener Pudel zurück. Was dem amtierenden Champion bei seiner Ankunft in Südamerika an sportlicher Wertschätzung entgegengebracht wurde und mit entsprechend hohen Erwartungen verbunden war, baute dieser bei seinen meisten Auftritten so ab, als wäre er auf einer Entglorifizierungs-Tournee.

Dafür wurde er mit einem Moment bedacht, der locker Einzug in die mit emotional hochkarätigen Ereignissen ohnehin schon gut bestückte „Hall of fame“ der deutsch-österreichischen Sportbeziehungen erhielt. Österreichs Team besiegte das deutsche 3:2 und verpasste damit dem Titelverteidiger den finalen Turnier-Knockout. Das, was seitdem von den Sportfreunden mittig der Alpen als diebischer Streich des Fußball-Davids mit nicht nachlassender Freude gefeiert wird, ging nördlich der Alpen ebenso unvergessen als „Schmach von Cordoba“ in die Annalen ein.

Zu denen, die aktiv dabei waren, als der vermeintliche Fußball-Goliath auf Realformat reduziert wurde, gehörte Bernd Hölzenbein von Eintracht Frankfurt. Die Rolle, die ihm bei der WM vor, in und nach diesem Spiel zukam, war alles andere als auf seinen Leib geschnitten. Sie war gegen sein aktuelles Können, seinen Willen und seine Mentalität. Sie war symptomatisch für den Weg in die sportliche Pleite. 1974 im Münchner WM-Finale als famoser Stürmer am 2:1-Sieg gegen die Niederländer beteiligt, war er in Argentinien noch einer von fünf aus diesem WM-Team. Und er war noch genauso heiß auf den Erfolg wie damals.


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Heute sitzt Bernd Hölzenbein (Jahrgang 1946), den der Fußball nie losgelassen hat, in den Büroräumen der Frankfurter WM-Arena, wo er als Chef-Scout und Berater der Eintracht agiert. Auf das Stichwort „Argentinien 78“ zieht er, der in Cordoba sein letztes von insgesamt 40 Länderspielen absolvierte, die hoch gewordene Stirn in Falten: „Argentinien 78. Ja, das war eine Schande. Wirklich.“

Man spricht über Argentinien. Auch über das, was außerhalb der Spiele stattfand. Zum Beispiel im Mannschaftsquartier des Deutschen Fußball-Bundes in Ascochinga, einem Feriencamp für hohe Offiziere der argentinischen Luftwaffe, in dem während der WM auch eine Gruppe akkreditierter deutscher Journalisten wohnte. Nein, davon, dass eines Tages der ehemalige, hochdekorierte Nazi-Flieger Oberst Hans-Ulrich Rudel (damals 61) im Trainingslager auftauchte und den Kontakt zur DFB-Entourage suchte, davon habe er nichts gewusst. Rudel, nach dem Zweiten Weltkrieg als militärischer Aufbauhelfer der argentinischen Luftwaffe und in der Bundesrepublik noch lange für die extreme Rechte aktiv, führte Gespräche, ließ sich vor Ort ein Abendessen schmecken und wurde dabei erkannt. Der damalige DFB-Vizepräsident und Delegationsleiter Otto Andres, vom FR- sowie vom NRZ-Redakteur auf den delikaten Besuch angesprochen, reagierte erschrocken, ging hinaus, kehrte kurz darauf zurück und erklärte: „Wir haben mit der ganzen Sache nichts zu tun. Den hat der Kommandant hier reingelassen.“ Die Berichte über den Rudel-Besuch schlugen in der Heimat ziemlich hohe Wellen und führten bis zu einer Anfrage im Bundestag.

Keine politischen Diskussionen

Die politische Brisanz der WM vom Fußball und seinen Akteuren soweit wie möglich fernzuhalten, war für die internationale Gilde der verantwortlichen Sportfunktionäre offenbar ein wichtiges Anliegen. Kein Wunder, lösten doch die das Menschenrecht verachtenden Gewaltmaßnahmen der 1976 an die Macht geputschten Militärjunta mit ihrem Terror aus Freiheitsberaubung, Folter und Mord erhebliche Proteste gerade auch in der Bundesrepublik gegen die Durchführung der WM aus. Der DFB war schon im Vorfeld des Turniers bemüht, seine Spieler aus den politischen Diskussionen rauszuhalten.

Was die Medien aus ihrem Kreis herausholen konnten, ging so gut wie nie über die aufregende Aussage hinaus, man reise zum Fußball nach Argentinien. Politische Aspekte waren auf dem Index. Das Team des Titelverteidigers nahm mit Udo Jürgens dessen Schlager „Buenos Dias Argentina“ auf und trällerte ihn lustig mit, statt beispielsweise an einer der zahlreichen Diskussionen von „amnesty international“ („Fußball ja – Folter nein“) teilzunehmen. Die Frage, ob er seinerzeit irgendwann mal eine Einladung zur Teilnahme an einer politischen Diskussion zur WM in Argentinien erhalten habe, beantwortete Bernd Hölzenbein ebenso mit einem Nein, wie die, ob es später im Quartier in Ascochinga in seiner Anwesenheit unter den Spielern Gespräche zur politischen Situation in Argentinien gab.

Für den Frankfurter Angreifer, der vor und nach der WM zu seinen Bundesligazeiten die Eintracht mit 160 Treffern bediente, dreimal DFB-Pokalsieger wurde und einmal den Uefa-Pokal gewann, lief es in Argentinien nicht gut. In den ersten drei Spielen saß er auf der Reservebank, fühlte sich topfit und hoffte mit wachsender Ungeduld auf seinen Einsatz. Zumal er beim Zusehen dessen, was ein Großteil seiner Kollegen da auf dem Platz fabrizierten, erst ins Grübeln und dann in wachsende Wallung geriet. Einer, der seinem Unmut leicht und schnell freien Lauf lässt, war er nie. Doch nach dem 0:0 gegen Tunesien platzte es aus ihm heraus. „Ich hoffe, dass ich meinen Platz als Kapitän auf der Reservebank verteidigt habe. Viermal habe ich mich warm gemacht. Für wen, das wurde mir nicht gesagt. Es waren dafür verschiedene im Gespräch.“
Für die Ouvertüre zu seiner kommenden Katharsis wählte der Angreifer den Sarkasmus.

Kurze Hoffnung: Bernd Hölzenbein köpft das 2:2 gegen Österreich.

Sie quälten sich nicht nur durch die Spiele und das tägliche Training, sondern auch durch die Langeweile im Camp zu Ascochinga. Draußen vor den Zäunen hielten die bewaffneten Soldaten Wache, kauerten in kühlen Nächten in ihre Ponchos vermummt an Feuerstellen. Drinnen waren Flachs und die in Leistungskleingruppen sonst üblichen Streiche Mangelware. Einmal versuchte sich Bernd Hölzenbein als Initiator, als er bei einer Autogrammkarten-Aktion den Mitspielern auch eine solche Karte an Paul Breitner unterjubelte. Beinahe wäre die Post tatsächlich abgegangen. Beinahe wären die meisten „Kameraden“ dann eher stinkig als lustig gewesen. Denn wegen seiner veröffentlichten herben Kritik am Team war Breitner gerade zur „persona non grata“ geworden.

Die Stimmung blieb banal. Der Unterhaltungsbeauftragte Franz Lampert konnte die mit seiner allgegenwärtigen Orgelmusik längst grassierende Erkenntnis, hier für ein erfolgreiches Abschneiden nicht gut genug zu sein, keineswegs auch nur annähernd kompensieren. Dissonanzen machten sich auf den Weg, Kritik am Training kam auf. Zu lasch, sei es, streuten einige als etwas Würze in die dünne Leistungssuppe. Einer wie Bernd Hölzenbein spielte Tischtennis und wartete darauf, dass er mit dem Gemeinschaftstelefon Kontakt zu seiner Frau aufnehmen konnte, die kurz vor der Geburt ihres Sohnes stand. Ansonsten grübelte er weiter: „Oftmals saßen die auf der Tribüne, die fit waren und auf dem Platz waren welche, die angeschlagen waren und spielen mussten, weil sie WM-Bücher schreiben“, erinnert er sich und beanstandet, dass niemand, weder Trainer Helmut Schön („Er war doch schon in Abschiedsstimmung“) noch dessen immer treuer Teamkapitän Berti Vogts oder sonst jemand in der Lage war, eine Strukturverbesserung zu bewirken.

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Dann durfte Hölzenbein doch noch spielen. Erst gegen Italien beim 0:0. Und dann beim 2:2 gegen die Niederlande. Nach dem Schlusspfiff ärgerte sich der Frankfurter extrem über das Ausgleichstor der Niederländer: „Ich machte mir unheimliche Vorwürfe, dass ich den Ball, der dann zum 2:2 führte, statt ins Aus zu Erich Beer spielte, der ihn dann irgendwie verlor. Ich lag nach dem Tor am Boden und war völlig fertig.“ Er glaubte, dass er es war, der damit die Chance zum Einzug ins Finale zerstört hatte. So war es nicht. Es war ein ganz anderes Tor, ein vom ihm erzieltes, dass ihn dann erst wirklich aus der Fassung brachte.

Nach Cordoba, der Universitätsstadt, von Ascochinga eine gute Autostunde entfernt, kamen Hölzenbein und seine Teamkollegen nur bei ihren Spielen und dann nur ins Stadion. Hier konnten sie den bösen Geist der Diktatur und seine verbrecherischen Taten, zu dieser Zeit noch immer allgegenwärtig, nicht finden. Obwohl die Schergen der Militärjunta schon lange vor der WM die Stadt rigoros und brutal „gesäubert“ hatten, diejenigen, die ihnen suspekt waren, nach Nirgendwo abtransportierten und dort einem ungewissen schlimmen Schicksal aussetzten, gab es die Opposition noch. Wer wollte, der fand sie als akkreditierter Auslandsjournalist auch. Meist in Wohnungen, in denen sich noch ein paar Studenten versteckt halten konnten. Und die erzählten dann von dem, was geschehen war, von den Kommilitonen, Gewerkschaftlern, Künstlern und allen anderen, die gefangen wurden und verschwanden, und von denen seit Jahr und Tagen keine Spur mehr zu finden war.

Wer dann, nach solchen Gesprächen, durch die nächtlichen Straßen ging, dem konnte es passieren, dass ein Militärfahrzeug neben ihm stoppte, mehrere vermummte Soldaten vom Wagen sprangen und mit Maschinenpistolen auf ihn und seine Begleitung zukamen, sie an die Wand drückten, die Arme nach oben befahlen und mit der Leibesvisitation begannen. Ein bedrückendes Gefühl voller heißer Angst, die Begleitung neben sich wie Espenlaub zitternd nach dem Ausweis suchen zu sehen. Was für eine Erleichterung, dann selbst seine WM-Akkreditierung zeigen zu können, von den Vermummten den Ausruf „Oh Futbol“ zu hören, sie ihre Maschinenpistolen senken, auf den Wagen springen und in der nebligen Dunkelheit verschwinden zu sehen. Die erlösende Umarmung mit der Begleitung stellte alles andere bei dieser WM in den Schatten.

Bernd Hölzenbein gelang am 21. Juni in Cordoba gegen Österreich in der 72. Minute per Kopf der Treffer zum 2:2. Er blickte zur Trainerbank und brüllte: „Reicht das für Buenos Aires?“ Er meinte zum Spiel um Platz drei. Da wollte er unbedingt noch hin und seine Nationalmannschafts-Karriere beenden. Es hätte gereicht…so aber traf zwei Minuten vor Abpfiff ein Mann namens Krankl noch zum 3:2 für Österreich ins Ziel und ließ deren Radio-Dino Edi Finger nebenan auf der Pressetribüne immer wieder schmerzhaft laut und berauscht “I werd narrisch. I werd narrisch!“ schreien.

Totale Kontrolle: Das argentinische Militär ist allgegenwärtig.

Bernd Hölzenbein kam nach geraumer Zeit aus den Katakomben des Stadions und ließ seiner Frustrations-Eruption freien Lauf. Er habe in der Kabine einen Schuh an die Wand geknallt und dann seiner Wut und Enttäuschung auch verbal freien Lauf gelassen, sagte er und gab preis, was dafür der Auslöser war. „Als wir in dieser Situation da in der Kabine hockten, fix und fertig, und dann von den Herren darüber informiert wurden, welche Hemden, Hosen, Schuhe, Krawatten, Anzüge, sogar welche Socken wir auf dem Heimflug anzuziehen haben, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Da bin ich ausgerastet.“ Dem Vernehmen nach soll Jupp Derwall, Helmut Schöns Nachfolger als Bundestrainer, noch in der Kabine den Eintrachtler aufgefordert haben, nicht noch mehr für Wirbel zu sorgen.

Doch im Gemüt des Frankfurters rumorte es noch lange weiter. „Das war die größte Enttäuschung in meiner sportlichen Laufbahn. Die ganze WM war verkorkst. Wir waren nie eine richtige Mannschaft. Es gab zu viel Hektik und unterschwellige Streiterei. Wir alle haben Fehler gemacht. Auch die Trainer. Wir hatten noch die Chance Dritter zu werden, aber keiner wollte noch in Argentinien bleiben. Alle wollten nur noch heim. Das habe ich kritisiert und wurde dann fast wie ein Aussätziger behandelt. Auf der ganzen Rückreise hat kaum einer mit mir gesprochen. Erst zwei Jahre später habe ich mich mit Helmut Schön wieder ausgesöhnt.“

Die Argentinier feierten den Titelgewinn ihrer Mannschaft enthusiastisch. Er half ihnen, den Alltag und seine bitteren Realitäten eine Weile aus dem Vordergrund schieben zu können. Doch Traurigkeit und Angst ließen für viele nicht lange auf sich warten. Sie wussten, die Fesseln waren während der WM nur etwas gelockert worden. Jetzt, da die Gäste wieder gehen, würde man sie wieder anziehen. Und so war es.

Hermann Neuberger, damals DFB-Präsident, Fifa-Vizepräsident und als Organisationschef der WM 78 ihr Macher, hatte bei einem Besuch in Ascochinga den Sturz der Peron-Regierung im Jahr 1976 und die Machtübernahme durch die Militärjunta mit General Vidal an der Spitze, als letzte Gelegenheit gewertet, „die WM ordnungsgemäß durchziehen zu können.“

Cesar Luis Menotti, Nationaltrainer der argentinischen Mannschaft, die 1978 den Titel gewann, verweigerte als erklärter Gegner der Junta ihrem Führer General Vidal bei der Siegerehrung in aller Öffentlichkeit demonstrativ den Handschlag. Wenig später kommentierte er den Erfolg seines Teams mit den Worten: „Meine klugen und talentierten Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt.“

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