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Wohnen

18. August 2012

Wohn-Zukunft: Wo leben wir in zehn Jahren?

 Von Robert Kaltenbrunner
Nichts für Singles und alte Menschen: Neubausiedlung auf der grünen Wiese.  Foto: dpa

Alterung, Vereinzelung und der Zwang zu mehr Mobilität machen die Vorstädte unattraktiver. Eine Prognose

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Wenn in jüngster Vergangenheit allenthalben von der „Renaissance der Städte“ die Rede ist, dann verbindet sich damit die Hoffnung auf eine Neubewertung von Urbanität, auf die Belebung der Innenstädte und auf eine Wiedergeburt dezidiert städtischer Wohnkultur. Lebendigkeit und Dynamik urbaner Situationen erfreuen sich erneut eines gesellschaftlichen Stellenwerts. Doch wie viel davon messbare Entwicklung ist, und was eher Wunschdenken der Stadtplaner bleibt, scheint noch nicht ausgemacht. Sucht man eine Antwort auf die Frage „Wie leben wir in zehn Jahren?“, dann geht es dabei weniger um eine kohärente Prognose, als vielmehr um ein Kaleidoskop von naheliegenden Wahrscheinlichkeiten.

Es ist unvermeidlich, in diesem Zusammenhang den – so vielzitierten wie blassen – Begriff vom „Demografischen Wandel“ aufzurufen. Er beinhaltet drei zentrale Komponenten: Zum einen werden wir in Deutschland nach wie vor mit massiver Migration konfrontiert sein. Und während die anhaltende Zuwanderung die Heterogenisierung der Gesellschaft vorantreibt, erweist sich das Thema der sozial-räumlichen Integration als immer wichtiger – auch für den Städtebau. Zum Zweiten haben wir es mit einer Individualisierung der Gesellschaft zu tun. Dass die Haushalte immer kleiner werden, ist vor allem Folge von Vereinzelung und Geburtenrückgang.

Die Seniorisierung verläuft schneller als jede politische Initiative zu ihrer Bewältigung

Eine weitere Weichenstellung von zentraler Bedeutung liegt in der Alterung: Bis 2020 geht die Zahl der Jugendlichen um fast 20 Prozent zurück, wobei der ländliche Raum von der Abnahme besonders betroffen sein wird. Die Zahl älterer Menschen über 60 Jahre wird hingegen stark wachsen. Vor allem haben wir es mit einer rapiden Zunahme von Hochbetagten zu tun: Die über 75-Jährigen werden im Westen um rund 45 Prozent, im Osten sogar um rund 75 Prozent ansteigen. Wir müssen uns auf einen rasanten Zuwachs an Senioren einstellen, vor allem an pflegebedürftigen „alten Alten“ über 80 Jahre. Die Seniorisierung der Gesellschaft wird weit schneller verlaufen als jede politische Initiative zu ihrer Bewältigung.

Diese Entwicklung trifft nun auf etwas, das mit dem Terminus „Alltagsmobilität“ nicht minder sperrig beschrieben ist. Eine möglichst schnelle Raumüberwindung durch beschleunigte Verkehrsmittel gilt nach wie vor als Leitlinie moderner Verkehrspolitik. Allerdings führt die durch Motorisierung und Ausbau der Straßennetze erhöhte individuelle Beweglichkeit, wie zahlreiche Untersuchungen ergaben, kaum zur Einsparung von Reisezeit und zu größeren Freiheitsspielräumen, sondern nur zur Ausdehnung der Entfernungen zwischen den verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens. Auch muss man sehen, dass die Mobilität zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, also der klassische Berufsverkehr, der in der Regel auf den Vollzeitbeschäftigten männlichen Arbeitnehmer fokussiert ist, nicht den absehbaren Erfordernissen entspricht. Die Bedürfnisse älterer Menschen – und die der Kinder – nach Bewegungsfreiheit legt eher eine gewisse Entschleunigung nahe. Zumal die Bequemlichkeit für Reisende sich nicht über die Geschwindigkeit des Verkehrsmittels definiert, sondern über die Reisezeit „von Tür zu Tür“.

Für Architektur und Städtebau bedeutet das, sich in stärkerem Maße an sich verändernde Situationen anzupassen, als das in den letzten Jahrzehnten der Fall war. Das heißt aber umgekehrt nun nicht, dass etwa die Wohnung neu erfunden werden muss. Die nicht determinierten Räume von Gründerzeitwohnungen mit ihren mehrfachen Erschließungen bieten hier fraglos mehr als die – auf die vermeintlichen Gebrauchsmuster der Kleinfamilie abzielenden – Grundrisse des modernen Wohnungsbaus. Auch die Popularität, der sich Lofts bei einem bestimmten, meist freiberuflichen Klientel erfreuen, spricht diesbezüglich Bände. Insgesamt aber muss man eine Diskrepanz zwischen den Haushalts- und Lebensformen einerseits und dem tatsächlichen Wohnungsangebot andererseits konstatieren.

Und diese Lücke muss man schließen. Es braucht Alternativen zur Standardwohnung wie auch zum Altenheim, wie sie zum Beispiel schon in generationen- und sozialgruppenübergreifenden Wohnformen bestehen. Das dazu passende Wohnumfeld benötigt ein vielfältiges Angebot an nutzbaren, in ihrer Funktion nicht festgelegten Freiflächen: für nachbarschaftliche Begegnungen, für spontane Aktivitäten, zum Verweilen und zur Muße.

Es gibt viele gesellschaftliche Gründe, die es nahelegen, die Flächeninanspruchnahme für Siedlungszwecke deutlich zurückzuschrauben. So befördert das „Ende des Hausfrauenmodells“, wie der unlängst verstorbene Soziologe Hartmut Häussermann schrieb, eine neue Anziehungskraft der Stadt als Wohnort. Wenn es für die Frauen heute vermehrt heißt, Beruf, Familie und Haushalt zu vereinbaren, dann sind die überkommenen Gründerzeitquartiere besser tauglich als die Vorortsiedlung. Im Eigenheim auf der grünen Wiese vor Anker zu gehen, kann zu einem Mobilitätshemmschuh werden. Und zwar im doppelten Sinne: Zum einen, weil die für den Arbeitsmarkt notwendige Flexibilität nicht gewährleistet wird. Zum anderen, weil eine eigene Automobilität vonnöten ist, die wiederum durch Spritpreise, Pflegebedürftigkeit, Demenz usw. eingeschränkt werden wird.

Das legt für die nähere Zukunft verdichtetere, städtische Wohnformen nahe, schon weil nur bei ausreichender Bevölkerungsdichte ein effektiver öffentlicher Nahverkehr angeboten werden kann. Um diese Wohnformen aber bedarfsgerecht auszugestalten, müssen architektonisch und stadträumlich gewisse Qualitäten gesichert werden. So ist eine die Sinne ansprechende Durchgrünung unabdingbar. Gänzlich neu ist all das nicht – weshalb es auch unnötig wäre, die Stadt völlig neu denken zu wollen.

Die meisten Menschen haben kein Bedürfnis nach Peripherie oder Suburbia an sich

In den einschlägigen Statistiken lässt sich ein Rückgang der Wanderungsverluste der Kernstädte erkennen. Offen aber ist, ob diese Entwicklung eine echte Trendwende bedeutet – also eine neue Lust auf die Stadt widerspiegelt –, oder ob sie nur ein Effekt des gesellschaftlichen Alterungsprozesses ist. Wie auch immer, die meisten Menschen haben keineswegs das Bedürfnis nach Peripherie oder Suburbia an sich. Vielmehr sind sie auf der Suche nach bestimmten Lebensqualitäten – Wohnraumgröße, unmittelbarer Gartenbezug, Spielmöglichkeiten in sicherer Nähe –, die in den Vorstädten wesentlich kostengünstiger zu bekommen sind, beziehungsweise für die es im urbanen Kontext bislang zu wenig Angebote gibt. Damit sind einige Zukunftsaufgaben für Architektur und Städtebau angedeutet, die eine neue Urbanität nicht bloß in Retro-Stildebatten oder ausgeprägter Event-Fixierung zu finden glauben, sondern die Diskussion auf den Menschen konzentrieren, der die Bauten braucht und in ihnen wohnen will.

Robert Kaltenbrunner ist Stadtplaner und lebt in Berlin.

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