Der Bundespräsident ohne Sakko. Er hat es eilig. Der Kommandant des Luftwaffenairbus im Anflug auf Rom hat schon die Rückkehr zu den Plätzen angeordnet. Aber Christian Wulff will noch vor der Ankunft mit den ihn begleitenden Journalisten reden, wenigstens kurz. Es ist ein Angebot.
Es soll seine Kooperationsbereitschaft zeigen, seine professionelle Art, ungeachtet all der seit Wochen gegen ihn laufenden Angriffe der Medien. Er findet das alles furchtbar ungerecht. Aber er will nicht nachtragend sein.
„Die Italiener erwarten uns“, sagt Wulff. Fast die ganze Welt schaue derzeit auf Deutschland, wie es durch die Krise gekommen sei, wie es Europa führe. Er sieht sich als Teil dieser Führung. Auf Augenhöhe mit Kanzlerin Angela Merkel im Inland, auf gleicher Höhe mit Staatsmännern wie dem italienischen Kollegen Giorgio Napolitano.
Ausgerechnet Napolitano, das ehrliche Gesicht des politischen Italiens während der Berlusconi-Ära mit all ihren unglaublichen Skandalen. Er komme nach Rom, um die Italiener zu ermutigen, ihnen zu sagen: „Wir glauben an Eure Kraft.“ Der Bundespräsident ist fertig. Er knetet seine Hände, schweigt.
„Gibt es Fragen?“
Wulffs Sprecherin Petra Diroll schaut in die Runde der eng in der Besprechungskabine zusammenhockenden Journalisten, es sind vielleicht ein Dutzend. Einen Moment herrscht betretenes Schweigen. Jeder weiß, dass eigentlich ganz andere Fragen als solche zu Italien zu stellen wären. Schließlich fasst einer Mut: „Uns interessiert nicht so sehr, was Sie über Italien denken. Sondern ob Sie endlich die Dimension Ihrer Affäre erkennen.“
Wulff bleibt ruhig. „Mir ist völlig klar, dass Ihnen völlig egal ist, wohin wir reisen“, sagt er eisig. Aber er halte sich an den Grundsatz: Keine Innenpolitik im Ausland. Das ist seine Lösung, im Moment. Auch Nachfragen nach den vielleicht drohenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft lässt er so abprallen: „Das ist kein Thema für Italien.“
Alles habe seinen Platz und seinen Ort. Und dann gilt es wirklich, an die Plätze zu gehen und sich anzuschnallen. „Sonst heißt es noch, wir hätten Sie zu Schaden kommen lassen“, sagt Wulff. Es soll ein Scherz sein, der Versuch, die Stimmung doch noch zu lockern. Aber der Eindruck bleibt gespenstisch.
Es ist dies die erste Auslandsreise des Bundespräsidenten, seit im Dezember die Welle der Vorwürfe gegen sein Gebaren als Ministerpräsident von Niedersachsen losbrach. Hat es je eine so lang anhaltende politische Affäre in Deutschland gegeben? Die Schwarzgeldaffäre der CDU, die Amigo-Affäre der CSU, die haben sich auch über Wochen und Monate erstreckt, und die letztere hatte mit Helmut Kohl immerhin einen ehemaligen Bundeskanzler im Zentrum.
Aber ein Bundespräsident, ein amtierendes Staatsoberhaupt, das sich über so lange Zeit mit immer neuen Vorwürfen auseinandersetzen muss, die doch immer das gleiche Bild des nicht ganz aufrichtigen Schnäppchenjägers bedienen – das ist einmalig. Und bedrückend.
Seite 2: Wulff bekennt sich zum demokratischen Europa
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Fragen von Journalisten, die Antworten von Wulff - Dokumentation im durchsuchbaren pdf-Format.
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