Lange hat der unfreiwillige Abschied des Staatsoberhauptes gedauert. Seine Nachfolge soll schnell geregelt werden. Bei der CSU haben sie sogar schon eine Präsidiumssitzung in München anberaumt. Aber ob das so hinhaut? Wer genau hinhört in den Stunden nach Christian Wulffs Rücktritt, stellt nicht nur Gleichklang in den Regierungsparteien fest.
So versprach Angela Merkel am Vormittag im Kanzleramt, CDU, CSU und FDP wollten „sich beraten und anschließend unmittelbar auf die Sozialdemokraten und Bündnis 90/Die Grünen zu gehen“. In den Gesprächen gehe es um „einen gemeinsamen Kandidaten“. Das klang so schön und offen, dass die Angesprochenen es postwendend begrüßten. Gleich danach hat die Kanzlerin SPD-Chef Sigmar Gabriel für Sonntag eingeladen.
Unterwegs in Stuttgart drückte sich FDP-Chef Philipp Rösler etwas weniger integrativ aus. Die Koalitionsparteien würden sich „umgehend zusammen setzen, um einen geeigneten Kandidaten zu finden und danach auf die anderen Parteien zugehen“.
Mag sein, Merkel wollte auch nicht ohne Personalvorschlag in die Verhandlungen, aber dann hat sie es diplomatisch geschickter nicht verraten. Die Bitte um Erläuterung wurde aus dem Kanzleramt nicht beantwortet.
Gauck bleibt im Gespräch
Die Koalitionsspitzen haben auf jeden Fall erst Mal ihren Zeitplan beschleunigt. Zunächst hieß es: Samstag. Doch dann traf man sich schon am Freitagabend. Auch zwischen SPD und Grünen läuft die Abstimmungsmaschine. Beide Seiten sind um Freundlichkeit bemüht. Beide Seiten haben Mühe damit.
In einer telefonischen Schaltkonferenz hat sich die SPD-Spitze auf eine Gesprächsbedingung verständigt, die auch von den Grünen geteilt wird, ohne dass man extra darüber hätte reden müssen: Kein aktuell aktiver Minister soll Präsident werden.
Auch nicht wenn es eine Frau ist wie Ursula von der Leyen oder ein so netter Mensch wie Thomas de Maizière. Wobei der Verteidigungsminister nach eigenen Aussagen keine Ambitionen auf den Posten hat: "Das ist in jeder Hinsicht abwegig", sagte der CDU-Politiker über entsprechende Spekulationen.
Für die linksliberale Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gibt in der FDP einige Stimmen. Dass man einen CDU-Politiker womöglich nicht verhindern kann, darüber machen sich die Oppositionsparteien keine Illusionen – auch wenn SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles vorsichtshalber noch mal den Ex-Kandidaten Joachim Gauck als Neukandidaten ins Gespräch bringt.
Auf den ersten Blick weniger unfreundlich fällt von anderer Seite der Name Norbert Lammert. Der sei kein Minister und als Parlamentspräsident von Beruf überparteilich. Dass er Merkel, aber auch den mächtigen Unions-Fraktionschef Volker Kauder in den vergangenen Monaten vor allem im Streit um die Bundestagsbeteiligung an der Euro-Rettung mächtig gepiesackt hat, wissen sie bei SPD und Grünen natürlich auch.
In einem Punkt scheint es Merkel bitter ernst: Sie will auf jeden Fall einen gemeinsamen Kandidaten, denn eine erneute Kampfkandidatur wäre ein großes Risiko und würde ihre derzeitige Popularität demontieren. (mit dapd)
"Ich habe den Rücktritt des Bundespräsidenten mit großem Respekt und persönlichem Bedauern zur Kenntnis genommen". Wulff habe in seiner Amtszeit bezüglich der Integration wichtige Impulse gesetzt. "Tatsächlich ist es eine Stärke unseres Rechtsstaates, dass er alle gleichstellt". Wulff stelle seine Überzeugung, dass er juristisch korrekt gehandelt hat, hinter das Amt zurück, so Merkel.
Merkel will nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten einen Kandidaten vorschlagen, der auch von SPD und Grünen unterstützt wird.
„Ich respektiere die Entscheidung des Herrn Bundespräsidenten. Wulffs großes Thema war die Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen in Deutschland. Damit hat er sich nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland große Verdienste erworben."
Auf die Frage nach dem Einfluss der Wulff-Affäre auf das Deutschland-Bild im Ausland sagte Westerwelle: „Deutschland genießt eine sehr hohes Ansehen in der Welt, auch und gerade, weil wir wissen, wie man mit schwierigen Situationen umgeht.“ Die demokratischen Institutionen in Deutschland seien zuverlässig. „Das weiß man in der Welt.“
„Ich bin erleichtert über die Entscheidung von Christian Wulff. Dieser Schritt war notwendig und längst überfällig.“
„Mit diesem Schritt rückt Christian Wulff die Würde und die Bedeutung des höchsten Staatsamtes an die erste Stelle. Niemand hat sich diesen bedauerlichen Gang der Dinge gewünscht.“
„Wir sind erleichtert, dass Christian Wulff mit seinem Rücktritt das Land von quälenden Debatten erlöst hat“, erklärten die Grünen-Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin.
Der FDP-Bundesvorsitzende Rösler hat den Rücktritt Wulffs mit „größtem Respekt“ zur Kenntnis genommen. Wulff ziehe damit die notwendigen Konsequenzen aus dieser „schwierigen Situation“. So könne weiterer Schaden vom höchsten Staatsamt fern gehalten werden. „Wir danken Christian Wulff für seine Arbeit als Bundespräsident“, so Rösler.
„Unabhängig vom Rücktritt muss es zur gründlichen Aufklärung der Vorwürfe kommen. Hunderttausende Beschäftigte des öffentlichen Dienstes - Beamte, Arbeitnehmer, Soldaten - sind mit schärfsten Sanktionen bedroht, falls sie beispielsweise Vorteile bei der Gewährung von Krediten zulassen, die sich auf die Ausübung ihrer Tätigkeit oder ihres Amtes zurückführen lassen.“
Die Partei- und Fraktionschefs der Linken, Gesine Lötzsch, Klaus Ernst und Gregor Gysi, sehen das Amt des Bundespräsidenten als beschädigt. "Der Rücktritt von Herrn Wulff war notwendig, aber kam spät. Aufgeklärt und unterbunden werden muss die Verquickung zwischen Wirtschaft und Politik." teilten die drei Politiker mit.
„Die Affäre Wulff hat das Land belastet. Auch im Rücktritt zeigt sich Christian Wulff wenig einsichtig. Sein Nachfolger muss jetzt das leisten, was Herr Wulff nicht mehr leisten konnte, nämlich dieses Land nach innen und nach außen demokratisch zu vertreten“.
Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Kubicki hat sich nach Wulffs Rücktritt für Joachim Gauck als neuen Bundespräsidenten stark gemacht. Schon bei der letzten Präsidentenwahl seien dem rot-grünen Kandidaten Gauck bis ins Koalitionslager hinein große Sympathien entgegen gebracht worden, sagte Kubicki am Freitag dem ZDF. Er hoffe er auf einen parteiübergreifenden Kandidaten. „Ich würde mir wünschen, dass es kein langes Gezerre gibt.“
Der Regierungschef sprach von einem „denkwürdigen Tag“ und vermied Kritik an Wulff. „Ich glaube aber, dass nach dieser Entscheidung, die sicher richtig gewesen ist, nicht der Rückblick das Wichtige ist, sondern dass man Anerkennung für das Geleistete sagen sollte.“ Nachtreten sei jetzt nicht angesagt.
Der hessische FDP-Vorsitzende Hahn hat den Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff als bedauerlich, aber dringend notwendig bezeichnet. „Es war eine tragische Entwicklung - sie hat heute das notwendige Ende genommen“ Das Krisenmanagement der vergangenen Monate habe die Glaubwürdigkeit des Bundespräsidenten beschädigt.
Berlins Regierender Bürgermeister, der stellvertretende SPD-Vorsitzende Klaus Wowereit, hat den Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff als „nach der Entwicklung der vergangenen Monate unvermeidlich“ bezeichnet. „Deutschland braucht jetzt einen Präsidenten, der sich auf ein breites Vertrauen stützen kann. Deshalb ist es wichtig, eine Konsenskandidatur zu finden."
Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff hat die CDU-Fraktion in seiner niedersächsischen Heimat vor allem die Erfolge Wulffs betont. Thümler sagte, Wulff sei ein "in der Bevölkerung sehr beliebtes und im Ausland anerkanntes Staatsoberhaupt" gewesen. "Er hat für Deutschland und vor allem für Niedersachsen viel geleistet."
"Der Rücktritt (...) war überfällig. Die zähe Debatte der letzten Wochen, das Auftauchen immer neuer Verdachtsfälle haben dem Amt des Bundespräsidenten schwer geschadet. Die Aufhebung der Immunität und staatsanwaltliche Ermittlungen sind mit der Würde des Amtes nicht zu vereinbaren." Köbler plädiert ebenfalls für eine parteiübergreifende Suche nach einem Nachfolger von Wulff. „Nur so lässt sich der am Amt entstandene Schaden beheben.“
"Man kann [leider] sagen, er ist sich treu geblieben." Friedmann spielt darauf an, dass Wulff nicht näher auf seinen Vertrauensverlust eingegangen war.
Professor Klaus Schroeder sagt auf dem Nachrichtensender N-TV: "Ich hätte mehr Einsicht erwartet". Offenbar halte Wulff weiter für selbstverständlich, wie er sich verhalten hat. Der Auftritt am Freitagvormittag sei peinlich gewesen.
Nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident ist Joachim Gauck der Konsenskandidat von CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne. Das Spezial.
Privatkredit von einem Unternehmer, überraschend günstige Konditionen bei der BW-Bank, Gratis-Urlaub bei Unternehmern, Drohungen auf der Mailbox von Bild-Chef Diekmann - die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff im Einzelnen.
Politiker reagieren verhalten. Manche fordern ein Ende der Debatte, weil sie das Amt beschädige. Sie meinen tatsächlich die Debatte, nicht das Verhalten von Wulff. Die Reaktionen - das sagen Politiker.
Fragen von Journalisten, die Antworten von Wulff - Dokumentation im durchsuchbaren pdf-Format.
In den Kommentarspalten gärt es dagegen gewaltig. Unsere Presseschau.
In Niedersachen beginnt die politische Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Bundespräsident und Ex-Ministerpräsident Wulff: