Auf 700 Quadratmetern an die 700 Ausstellungsstücke von mehr als 60 Leihgebern. Die Ausstellung "Kurzer Sommer - lange Wirkung" im Frankfurter Historischen Museum ist die größte Ausstellung zu 1968 in Deutschland.
Dennoch ist sie erschreckend klein. Es wirkt einfach nur popelig, wenn man einerseits behauptet, die internationale Dimension ernst zu nehmen, dann aber Mexiko auf drei kleine Fotos reduziert sieht. Während "die Eppsteiner" auf drei großen Fotos prominent auftritt. Wahrscheinlich wäre die radikale heimatmuseale Präsentation besser gewesen als dieses hilflose Hin-und-her-Zappen zur großen weiten Welt - die dann aber auch nur präsentiert wird von den schönsten Wangenknochen von '68, denen von Vanessa Redgrave, auf einer Londoner Demo.
68er: Fotos, Leserberichte und alle Originalausgaben der FR von damals
Es sollte eine Ausstellung sein, die '68 historisch verortet. Das mag im beeindruckenden, uns noch bevorstehenden Rahmenprogramm geschehen. Die Ausstellung selbst ist eine Demonstration der Ahnungslosigkeit. Es wird an keiner Stelle auch nur die Frage aufgeworfen, wie es zu jenem eigentümlichen Zusammengehörigkeitsgefühl kam, das rebellierende Studenten - damals noch fast ausschließlich die Kinder der Besserverdienenden -, militärisch agierende Befreiungsbewegungen, Drogenabhängige, Musikfans, radikale Gesellschaftskritiker miteinander verband.
Es war ein Aufstand gegen die Welt-Nachkriegsordnung. Mancherorts und manchmal war es auch nur eine Clownerie. Aber eine ganze Generation hatte damals das Gefühl: "Es ist an der Zeit, unser Leben in die Hand zu nehmen", wie Daniel Cohn-Bendit es in einem Video der Ausstellung formuliert. Die Ausstellung selbst vermittelt dieses Lebensgefühl nicht. Sie stellt es auch nicht dar, geschweige denn, dass sie es analysierte.
Die Ausstellung ist dumm. Nicht, weil sie keine Antworten hat. Sie ist dumm, weil sie keine Fragen stellt. Weder die nach der Entstehung von '68, noch die nach dem, was daraus wurde. Stattdessen liegen einige Fundstücke in Vitrinen und hängen Fotos und Plakate an den Wänden. Es ist exakt das geworden, was die Ausstellungsmacher angeblich partout nicht wollten: eine nostalgische Veteranenveranstaltung. Der Besucher stößt auf die Musik der Flying Lesbians und denkt daran, wie er in der ansonsten schönsten Beziehung seines Lebens gelitten hat unter dieser Musik. Andere werden sich über die beiden Gedichte beugen, die klug nebeneinander gelegt wurden: Wolf Biermanns "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke" und die holprigen Verse eines Anonymus, der Dutschke nach dem Attentat schrieb, er habe sich diese Kugeln selbst zugezogen.
Dem einen oder anderen wird auch jenes Foto aus der in Frankfurt weltberühmten Wohngemeinschaft in der Eppsteiner Straße auffallen, bei der alle in eine Richtung schauen, als säßen sie vor dem Fernseher. Darunter steht aber "Diskussion in der Eppsteiner". Das macht einem klar, mit welcher Intensität damals debattiert wurde. Es sind diese scheinbar privaten Ansichten, die in der Ausstellung weiterführen. Man mache sich einmal die Mühe und zähle in ihr die Zigaretten! Ein Rauchverbot wäre '68 undenkbar gewesen.
In einem Nebenraum befindet sich eine Art Altarwand, an der Che Guevara ganz groß und rechts und links von ihm deutlich kleiner Ho Chi Minh und Mao Tsetung gefeiert werden. Schon das macht einem klar, dass es '68 gerade nicht nur um eine lebenskulturelle Erregung ging, sondern auch um das Stellen der Machtfrage. "Das Leben selbst in die Hand nehmen" heißt eben auch, andere daran zu hindern, darüber zu verfügen. "Revolution" war das Zauberwort jener Epoche. In allen Bereichen und auf allen Kontinenten. Hannah Arendt hatte es ein paar Jahre früher wieder in das intellektuelle Vokabular eingespeist. 1968 konnte keiner sein Haschpfeifchen anzünden und säuseln "I want to hold your hand", ohne den Revolutionär zu markieren. Das war in den glücklichsten Fällen nur lächerlich. Aber es war so. Nichts davon in der Ausstellung.
Hat '68 die Bundesrepublik demokratisiert, internationalisiert? Hat es dabei geholfen? Oder ist '68 - so aktivistisch sich seine Akteure gaben - nicht selbst ein winziges Stück in dem Internationalisierungs- und Demokratisierungsprozess, der, durch blutige Rückschläge hindurch, Europa und große Teile der Welt in den letzten Jahrzehnten umgekrempelt hat?
Es gab 1968 eine Auseinandersetzung darüber, ob APO - kommt der Begriff vor in der Ausstellung? - außer- oder antiparlamentarische Opposition heiße. Eine wichtige Frage. Denn sie zieht die anderen Fragen nach sich: Wie viele und wen kann eine Gesellschaft wie ausschließen, ohne dass es zur Bildung von Gegengesellschaften kommt? Wie viele Gegengesellschaften braucht eine Gesellschaft, wie viele verträgt sie, bis sie zerbricht? Das sind Fragen, die uns heute umtreiben. Auch sie wurden 1968 aufgeworfen.
Historisches Museum Frankfurt: bis 31. August.