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1968: Der Strand unter dem Bürgersteig

Der griechische Staatspräsident Karolus Papoulias über seine Kölner Studentenzeit 1968 und die Wirkung der internationalen Bewegung auf das Obristen-Regime. Ein Essay.

Papoulias 1968 als Arbeiter bei den Kölner Kabelwerken Felten & Guillaume (unten links).
Papoulias 1968 als Arbeiter bei den Kölner Kabelwerken Felten & Guillaume (unten links).
Foto: privat

Er liegt nun schon 40 Jahre zurück, aber der Mai 68 will nicht vergehen. Manche glauben, er wolle uns nicht los lassen, weil seine Forderungen unerfüllt bleiben. Er hat keine Regime gestürzt, aber er hat neue Formen der Selbstbestimmung der Menschen eingeführt und mitgeholfen, ein anonymes Gemeinschaftsgefühl herzustellen: eine Solidarität, die sowohl die Organisation der Gesellschaft in der Wirtschaft, der Politik, der Erziehung, wie auch die etablierten Autoritätsbeziehungen innerhalb der Familien, zwischen den Geschlechtern und den Generationen infrage stellte.

Die sozialen Hierarchien und jede Form von Autorität zu hinterfragen und alle als gleichberechtigte Gesprächspartner zu achten: das ist das Erbe des Mai 68.

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1968

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Das Schlüsseljahr der Bewegung war auch das Jahr eines internationalen Protests. Studenten in Berkley, Paris und Berlin, Aufständische in Prag und Athen befeuerten sich abseits nationaler Motive gegenseitig in ihrem universellen Anspruch auf Menschenrechte, Pazifismus und zivilen Ungehorsam. Kriege gegen Zivilbevölkerungen wie den der USA in Vietnam, Regime wie jene in Spanien und Griechenland rückten ins bürgerliche Bewusstsein, Demokratien riskierten fortan ihr Ansehen, wenn sie Diktatoren diplomatische Ehren zuteil werden ließen.

Widerstandsgruppen in den südeuropäischen und asiatischen Diktaturen, später auch jene in Chile und Argentinien, erhielten durch die Unterstützung aus aller Welt Aufwind, der Appell an die internationale Solidarität wurde zum weltweiten Protestruf.

Die Regime der Juntas in Spanien, Portugal und Griechenland gehörten Mitte der 70er Jahre bereits der Geschichte an. Die Frage, wie unmittelbar der Einfluss der 68er in jenen Ländern war, ist heute Teil der Historisierung. Die mittelbare Wirkung ist unbestritten: Nach 1968 war die Zeit unsichtbaren Staatsterror mehr.

Die Diktatur demonstriert ihre Gewalt: Athen am 18. November 1973, am Tag nach dem Studenten-Aufstand gegen die Obristen.
Die Diktatur demonstriert ihre Gewalt: Athen am 18. November 1973, am Tag nach dem Studenten-Aufstand gegen die Obristen.
Foto: ap

Die damaligen Ereignisse erlebte ich als frischgebackener Doktorand der Rechtswissenschaften an der Universität Köln. Ein Jahr zuvor hatte die Obristenjunta die Demokratie in meiner Heimat Griechenland suspendiert. Der Mai 68 hatte deshalb für uns Griechen, die im Widerstand zur Junta standen, eine zusätzliche, außerordentliche Bedeutung: wir sahen die Chance, in dem allgemeinen Aufbegehren andere Gruppen für unseren Kampf gegen die Junta zu gewinnen. Diese Hoffnung hat sich erfüllt, auch wenn die Junta erst 1974 stürzte. Die Bewegung des Mai 68 gab der Widerstandsbewegung gegen die Obristen großen Auftrieb.

Das blieb den Diktatoren in Athen nicht verborgen. Sie versuchten uns, die wir im Exil lebten, einzuschüchtern. Ich erhielt in jener Zeit ernst zu nehmende Morddrohungen. Meinem Doktorvater, Professor Gerhard Kegel, erzählte ich von den Drohungen und sagte ihm, ich müsse für einige Zeit untertauchen. Ohne zu zögern gab er mir den Schlüssel seines Wochenendhauses in der Eifel. Ich denke an diese Geste der Solidarität und des Vertrauens mit großer Dankbarkeit zurück - wie auch an die Hilfe Willy Brandts, der von meiner Gefährdung hörte und dafür sorgte, dass ich Schutz bekam.

Der Mai 68 in Deutschland unterschied sich von den Entwicklungen in anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich. In Deutschland war die Situation komplizierter. Die Last der Nazi-Vergangenheit verschärfte den Konflikt zwischen den Generationen. Überdies litt das Land an den Folgen der Teilung, und das Besatzungsregime der Alliierten war im Grunde noch nicht zu Ende. Zugleich führte die Bildung der Großen Koalition 1966 zu einer scharfen politischen Polarisierung und zur Entstehung der Außerparlamentarischen Opposition, der APO.

In studentischen Kreisen, in denen der SDS wachsenden Einfluss gewann, gab es damals die berechtigte Sorge, das Nachkriegsdeutschland könne sich vom Glauben an die demokratischen Werte abwenden und, gefangen in der Ideologie des Kalten Krieges, in Zustände zurückfallen, die denen des Nationalsozialismus glichen. Vor diesem Hintergrund musste ein Ereignis wie der Besuch des Schahs von Persien 1967, des Repräsentanten eines diktatorischen Regimes, das breite Unterstützung des Auslands genoss, einen Sturm des Protests auslösen. Insbesondere weil der Besuch vom Tod Benno Ohnesorgs begleitet wurde, der durch die Kugel eines Polizisten starb.

Anti-Nazistische Reflexe löste auch die Diskussion um die Notstandsgesetze aus, die von den Alliierten gefordert wurden, als Voraussetzung für die formale Beendigung des Besatzungsstatus und die Anerkennung der vollen Souveränität der Bundesrepublik. Diese Debatte provozierte Assoziationen zu den 30er Jahren und löste in ganz Europa die Sorge aus, die Bürgerrechte und die persönlichen Freiheiten könnten in Gefahr geraten.

Parallel zu den Forderungen, die die Studenten, die Arbeiter, aber auch breitere Schichten der deutschen Gesellschaft bewegten, bereitete die Frankfurter Schule den Boden für eine ideologische und theoretische Diskussion. Dabei ging es um die Entfremdung des modernen Menschen durch die kapitalistischen Institutionen, aber auch um die Analyse des Verhältnisses von Vernunft und Macht. So hatte bereits 1964 Herbert Marcuse in seinem Buch "Der eindimensionale Mensch" das Thema der Entfremdung in den Wohlstandsgesellschaften des Spätkapitalismus aufgeworfen.

Im Rahmen dieser Syllogistik sollte dann Jürgen Habermas in den 70er Jahren eine Kommunikationstheorie erarbeiten, in der das ungehinderte Funktionieren einer öffentlichen Sphäre als Voraussetzung für die Vervollkommnung der unvollendeten Aufklärung gesehen wird. Dem Mai 68 verdanken wir die Herstellung eines solchen, wenn auch kurzlebigen und zerbrechlichen demokratischen Raums, in dem Themen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter, die hierarchische Ordnung der Gesellschaft, die Machtverhältnisse und die Rechte ethnischer Minderheiten diskutiert wurden - Themen, die damals Eingang ins Vokabular der politischen Parteien fanden. Das gehört zu den entscheiden Beiträgen des Mai 68 zu den politischen Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte.

Die Ereignisse vom Mai 68 können nicht als Revolution im landläufigen Sinne gelten. Es wurden keine Regime gestürzt, keine neuen politischen Kräfte kamen an die Macht. Auf den ersten Blick könnte man sogar sagen: es geschah das Gegenteil, nämlich die Stärkung der etablierten Kräfte, wie zum Beispiel der Wahlsieg de Gaulles im Juni 1968 in Frankreich zeigte.

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Datum:  31 | 5 | 2008
Seiten:  1 2
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