"Generalstreik!", "Buh!", "Pfui!", "Arbeiterverräter!", das war die Reaktion auf meine Rede. Im Mai 1968 vor dem Staatstheater in Saarbrücken. Nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze. Ende 1967 aus Hessen gekommen, hatte ich die Aufgabe eines Jugendsekretärs beim DGB übernommen. Im sozialdemokratischen Milieu groß geworden, Kriegsdienstverweigerer 1959, Rock'n'Roller, Ostermarschierer, war ich mit 28 eher einer der älteren Aktivisten.
Ich war der Überzeugung, dass die Notstandsgesetze ein gefährliches Instrument in den Händen von Erzkonservativen oder reaktionären Militärs werden könnten. Ich habe Aufrufe unterschrieben, an Teach-ins teilgenommen und bin als "Vertreter der Arbeiterklasse" begrüßt worden. Im Gewerkschaftshaus war man darüber wenig begeistert. Ich war ja kein gewählter Funktionär, ein Angestellter beim DGB.
Das alte Frankfurt wird lebendig: Häuserkampf im Westend in Zeitzeugenberichten.
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Die Aufforderung, bei der Kundgebung zu reden, konnte ich nicht ablehnen, aber was sollte ich sagen? Meine Partei, mein politisches Vorbild Willy Brandt hatte den Notstandsgesetzen zugestimmt. Die Gewerkschaften, konnten sie, durften sie mit Arbeitskampf gegen ein Gesetz vorgehen, das von einer großen Mehrheit gewählter Abgeordneter verabschiedet worden war? Mit der eigenen Satzung und Programmatik unvereinbar. Diese Gedanken mit rhetorischem Gedröhne vorzutragen, da war ich als Redner nicht geübt genug. Die schärfste Formulierung "Der Kampf mit demokratischen Mitteln geht weiter!" muss der Schlusssatz gewesen sein.
Ich fühlte eisige Ablehnung, ja Hass. Die Kundgebung war noch nicht ganz zu Ende, da bin ich mit Angst, aber stocksteif aufgerichtet durch die Menge gegangen. Dann plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Kolleginnen und Kollegen standen um mich herum und meinten "Das hast Du gut gemacht." Ihre Zustimmung war mir wichtig. Es war alles okay.
Peter Pletsch, Ratingen