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1968: Nächtens alles machbar

Im Historischen Museum diskutieren Museumskuratorin Beate Schappach, Bürgermeisterin Jutta Ebeling, Schriftstellerin Anne Chaplet, FR-Feuilleton-Chef Arno Widmann über 1968, Dylan und Käsewürfel.

Bob Dylan: Quetschkommode oder Genie?
Bob Dylan: Quetschkommode oder Genie?
Foto: ap

Die Fragen des Abends stellt mal wieder Robert Gernhardt, und da er leider tot ist, tut er das mittels eines Plakats, das im Innenhof des Historischen Museums hängt: "Was wohl der Hund zur Nacht denkt? Worüber er wohl nachdenkt? Darüber, daß er Wacht hält? Was, wenn ihn das nicht wach hält? Schluckt ihn des Traumes Schacht dann? Sagt er dem Alltag Schach an? Macht das den Wunsch nach Macht wahr? Ist nächtens alles machbar?"

Quicklebendig hingegen sind die Kombattanten, die auf der Bühne im Innenhof sitzen, um sich auf eine Zeitreise ins Jahr 1968 zu begeben: die Museumskuratorin Beate Schappach, die Bürgermeisterin Jutta Ebeling, die Schriftstellerin Anne Chaplet, der Musikjournalist Volker Rebell, der Cellist Frank Wolff, der Jazzer Heinz Sauer, der FR-Feuilleton-Chef Arno Widmann. Es moderiert Daniella Baumeister vom HR.

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Erlesene Scheußlichkeiten

Das Oktett sitzt auf geschmacklosen 70er-Jahre- Sesseln, der Tisch biegt sich unter der Last von Bluna- und Afri-Cola-Flaschen sowie einer halbierten Melone, deren zwei Halbkugeln mit einer unfassbaren Menge an Käse-Weintrauben-Spießen gespickt sind. "Erlesene Scheußlichkeiten aus unserem Fundus" nennt Baumeister das zu Recht, und Ebeling beteuert, dass eben jene Käse-Trauben-Monster, die im spießigen Partykeller der Eltern hausten, einer der Hauptauslöser der damaligen Jugendrevolte waren.

Nach einem freundlichen Begrüßungspalaver folgt das erste Musikstück des Abends, Bob Dylans "The times they are a-changin'". Anschließend sorgt Widmann für den ersten Kracher des Abends. "Diese Musik ist wohl das Ekligste, was diese Zeit hervorgebracht hat", sagt er. Dann heißt er Dylan eine "Quetschkommode". Volker Rebell guckt wie der Papst, dem man soeben eine Luther-Bibel über die Rübe gezogen hat, und hebt zu einer wilden Gegenrede an. Aus dem Publikum gellen schrille Schrei der Empörung: "Was haben Sie denn damals gehört?" Die Frage bleibt unbeantwortet. Dylan schmähen? Das soll er am Kreuze bereuen!

Schnell flüchtet sich Widmann in die Adorno-Lesungen, die er weiland besucht und größtenteils auch verstanden hatte - "wenn man alles versteht, ist's langweilig". Chaplet springt ihm zur Seite: "Ich habe weder Dylan noch Adorno verstanden", was vielleicht dadurch zu erklären ist, dass sie nach eigenen Angaben "antiautoritär bis zu einer gewissen Verblödung" eingestellt war.

Käse gegen negative Dialektik

Es folgt das nächste Musikstück: Jimi Hendrix' "All along the watchtower", die Coverversion eines Dylan-Stücks. In seiner Verzweiflung versucht Widmann, sich einen Käsewürfel zu pflücken, aber dem Monstrum ist mit negativer Dialektik nicht beizukommen.

Man erfährt noch viel Wissenswertes an dem Abend. Etwa, dass Jutta Ebeling in ihrer 68-er-WG in ständiger Angst lebte, ein Mitbewohner könne ihre spießigen Klassik-Platten aus dem Fenster werfen. Oder dass Frank Wolff sich damals nicht traute, sein spießiges Cello coram publico zu spielen. Sauer wundert sich indessen, warum er eigentlich hier sitzt, er sei nämlich gar kein 68er: "Damals fand ich das scheiße." Als es anfängt zu nieseln, fordert Chaplet das Publikum auf, die Bühne zu stürmen, aber niemand gehorcht.

Später am Abend spielt Wolff dann auf seinem Cello eine atemberaubende "Hommage an Jimi und Janis" und präsentiert dabei eine deutsche Nationalhymne, wie man sie noch nie zuvor gehört hat. Dann packt Sauer sein Saxophon aus und die beiden jammen, dass es eine Art hat.

Widmann hat sich des Sponti-Slogans "Macht kaputt was euch kaputtmacht" entsonnen, zieht mit dem Käsemonster durch die Gästeschar und verteilt die Würfelchen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum sich einig: Die fünf Euro Eintritt haben sich locker rentiert und ja, nächtens ist alles machbar. Oder, um mit Eva Herman zu sprechen: Es war nicht alles schlecht damals.

Arno Widmann hörte damals übrigens John Cage und Karlheinz Stockhausen, also den ernsthaften Kram.

Autor:  STEFAN BEHR
Datum:  25 | 8 | 2008
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