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1968 und der Film: Spießerhölle im Kino

1968 blühte die Filmkultur auch in Deutschland - große Kasse aber machten die Aufklärungsfilme Oswalt Kolles und die "Lümmel von der ersten Bank". Von Daniel Kothenschulte

Aufklärungsbedarf: Auf Helga, den Kassenhit der Saison 1967/68, folgte Helga und Michael mit Ruth Gassmann und Felix Franchy.
Aufklärungsbedarf: Auf "Helga", den Kassenhit der Saison 1967/68, folgte "Helga und Michael" mit Ruth Gassmann und Felix Franchy.
Foto: cinetext

Mai 1968 an der Croisette. Das Festival von Cannes feiert wie jedes Jahr die Filmkunst, diesmal mit besonderem Augenmerk auf den Prager Frühling. Ein unbekannter junger Tscheche namens Milos Forman hat gute Chancen zu gewinnen mit seiner Satire "Der Feuerwehrball", doch daraus wird nichts. Die Jurymitglieder Roman Polanski und Louis Malle mögen während der Pariser Studentenproteste überhaupt nicht im Kino sitzen. Gemeinsam mit ihren Kollegen Claude Berri, Claude Lelouch, Jean-Gabriel Albicocco und Jean-Luc Godard erklären sie das Festival für beendet. François Truffaut und Godard halten in seltener Eintracht auf der Bühne den Vorhang zu. Am 19. Mai wird das Festival tatsächlich abgebrochen, Preise werden nicht vergeben.

Wer in Frankreich das Kino liebt, verbindet den Mai '68 auch mit dem Kino. Bernardo Bertolucci zeigte 2003 in "The Dreamers" das historische Datum aus cinephiler Sicht, kein Pariser Filmfreund wird seiner These widersprechen: Es war ein Kino, in dem die Revolte begann, noch dazu das bedeutendste der Stadt, die Cinématèque française. Kulturminister André Malraux hatte den Gründer Henri Langlois des eigenen Hauses verwiesen. Vor dem Rollgitter des Filmmuseums am Palais de Tokyo formierte sich ein kleiner Schneeball des Protestes, der - wer will es ausschließen? - den ganz großen erst geformt hat.

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Zur Sache, Schätzchen mit Werner Enke und Uschi Glas.
"Zur Sache, Schätzchen" mit Werner Enke und Uschi Glas.
Foto: dpa

Wer an das Kinojahr 1968 denkt, der schwärmt von Musikfilmen wie "Yellow Submarine" und "Monterey Pop". Vielleicht denkt man aber auch an Ingmar Bergman, der den finstersten Film seiner Karriere, den psychologischen Horrorfilm "Die Stunde des Wolfs", ausgerechnet im "Sommer der Liebe" drehte. Man denkt an Godards überbordende Kreativität. Sein im Jahr zuvor gedrehter Politfilm "Die Chinesin" erreichte am 18. Januar 1968 die deutschen Kinos: Eine kleine Gruppe von Studenten huldigt darin Mao und debattiert über die Möglichkeiten, dessen Ideale notfalls mit Terror durchzusetzen. Noch heute bestechen die Natürlichkeit des Gesprächstons und Godards Blick auf die Schwächen seiner Protagonisten. Im Vorübergehen schuf Godard ein vorausschauendes Zeitbild bis hin zu einer latenten Frauenfeindlichkeit, die er den Möchtegern-Rebellen in die Schuhe schob. So ist Jean-Pierre Léaud nur in der Lage, seiner Freundin zuzuhören, wenn die richtige Musik dabei läuft.

Wer sich diese bewegten Jahre zwischen zwei Filme klemmen möchte, der platziere auf der anderen Seite Jean Eustaches pessimistisches Meisterwerk "Die Mama und die Hure" von 1973. Léaud spielt immer noch die Hauptrolle, stellvertretend für seine Generation. Immer noch legt er Schallplatten auf, doch zu sagen hat er - in einer der stärksten Szene, der vierminütigen Aufnahme eines Plattentellers - gar nichts mehr.

Juli 1968

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Für die Hippie-Bewegung, die bereits 1967 zu einem weltweiten Phänomen geworden war, hatte sich eine spezifische Filmästhetik längst definiert. Etwa durch Michelangelo Antonionis "Blow-Up", der 1967 in Cannes gewonnen hatte und bereits im Mai nach Deutschland kam. Oder durch Andy Warhols Zeitgemälde "Chelsea Girls" (1966), das in einzelnen Event-Vorführungen auch in Deutschland große Filmpaläste gefüllt hatte. Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" kam im September 1968 nach Deutschland - und floppte: Ebenso wenig wie in den USA schaffte es der Film in die Liste der zehn erfolgreichsten Kinostarts. Erst in den Siebzigern festigte sich sein Ruf als stilbildender Film seiner Zeit.

Aber was hatte denn tatsächlich Erfolg an deutschen Kassen? In der Aufstellung der erfolgreichsten deutschen Kinostarts des Filmhistorikers Joseph Garncarz vermittelt sich ein gänzlich anderes Bild. In der Saison 1967/68 findet sich - abgesehen vom politisch gefärbten Science-Fiction-Hit "Planet der Affen" - kein Film, dem man subversive oder avantgardistische Eigenschaften nachsagen könnte. Dafür lockte die Lust am sexuellen Tabubruch die breite bürgerliche Kino-Öffentlichkeit. Kassenhit des Jahres wurde der biedere Aufklärungsfilm "Helga", und auf Platz vier bahnt sich mit Franz Antels "Die Wirtin von der Lahn" die Sexklamotte ihren Weg, die bis in die späten siebziger Jahre das kommerziell erfolgreichste Produkt deutschen Filmschaffens bleiben wird. Weitere Anwärter: "Engelchen oder Die Jungfrau von Bamberg" (Platz 5) mit Gila von Weitershausen in der Rolle einer 19-jährigen Landpomeranze, die in die Stadt reist, um sich entjungfern zu lassen (und mit diesem Ansinnen zahllose Männer aus unerklärten Gründen in die Flucht treibt). Sowie das etwas feinsinnigere schwedische Exploitation Movie in ähnlicher Absicht, "Ich bin neugierig". Jugendfreies gab es auf Platz 2: "Die Lümmel von der ersten Bank". Für kritisch gestimmte Studenten wäre auch Platz 3, "James Bond - Man lebt nur zweimal" keine echte Alternative gewesen. Für sie kamen unter den Kinohits der Saison eigentlich nur die Italo-Western "Django, der Rächer" (Platz 8) und "Die unerbittlichen Fünf" (Platz 10) in Betracht. Der vermeintliche "Kulturimperialismus" Hollywoods fand auf dem damaligen deutschen Kinomarkt praktisch nicht statt.

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Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  11 | 7 | 2008
Seiten:  1 2
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