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9. November 1989: Mauerfall? Nicht vorgesehen

Ausgerechnet der Deutschlandfunk hat die Maueröffnung verschlafen - er sendete stur weiter klassische Musik.

11. November 1989 in Berlin.
11. November 1989 in Berlin.
Foto: dpa

"Den 9. November 1989 haben wir verschlafen." Dettmar Cramer schaut nicht gern auf das Jubiläum des Mauerfalls zurück. Denn das ist für den damaligen Programmdirektor des in Köln ansässigen Deutschlandfunks eine besonders peinliche Erinnerung. Der 1960 gegründete Deutschlandfunk hatte zwar damals eine Satzung, die ihm als "ausschließliche Aufgabe" zuwies, Radiosendungen "für Deutschland und das europäische Ausland zu veranstalten". Cramer erläutert den Auftrag als Gebot, auf die deutsche Einheit hinzuwirken. Doch als es soweit war, verpasste der Sender das historische Ereignis.

Cramer war in der "Nacht der Nächte" mit Kanzler Helmut Kohl in Warschau. Am späten Abend rief ihn ein polnischer Diplomat an. Über Satellit sah er dank des Hinweises die aufregenden Bilder aus Berlin und flog am Morgen nach Köln zurück. Besser wäre gewesen, er hätte in der Nacht in Köln angerufen. "Ich kam in Warschau nicht auf die Idee, ausgerechnet bei diesem Jahrhundertereignis könnte etwas schief laufen."

Was schief lief? Während alle Radio- und Fernsehsender - selbst die der DDR - die Nacht durch vom Fall der Mauer, von der Grenze, die ihren tödlichen Schrecken verloren hatte, von freudetrunkenen Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor berichteten, schwieg sich der Deutschlandfunk aus und sendete klassische Musik. Cramer hat später untersucht, was wirklich geschah. Kaum hatte SED-Politbüromitglied Günter Schabowski in Ost-Berlin gegen 19 Uhr verkündet, jeder könne "unverzüglich, ab sofort" Privatreisen mit einem gültigen Visum in den Westen antreten, machten sich die Redakteure in (West-)Berlin an die Arbeit. "Vor Ort in Berlin hat alles geklappt," blickt Cramer zurück. Anders in der Kölner Zentrale. Die Diensthabenden blieben zwar, wie es sich gehört, im Sender; Redakteur Henning von Löwies kam zur Unterstützung ins Funkhaus; aber andere wichtige Leute gingen nach Hause oder waren, wie Cramer, an diesem Abend nicht greifbar. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Zuerst lief alles bestens. In Ost-Berlin geschah ja am Abend wenig. In der Spätsendung "Das war der Tag" berichteten die Berliner Redakteure noch einmal über Schabowskis Ankündigung und über Ost-Berliner, die in den Westen der Stadt kamen. So recht ging der Tanz auf den Strassen der bis dahin geteilten Stadt gegen Mitternacht los. Also verlangte die Berliner DLF-Dependance, das Programm, wie es in der Journalistensprache heißt, "zu öffnen", nicht wie vorgesehen zu senden, sondern aktuell von den Ereignissen in der Stadt.

"Sie konnten zwar um 1.05 Uhr noch den Seewetter-Bericht kippen, aber dann war unwiderruflich Schluss", erinnert Cramer. Die Kölner Redakteure Peter Tartler und Löwies waren machtlos, denn der zuständige Chef vom Dienst war strikt dagegen, das Programm zu öffnen. Er berief sich auf klare schriftliche Vorgaben: "Beim Sturz des Kanzlers, beim Tod des Kanzlers, beim Tod des Papstes, beim Tod des US-Präsidenten." Der Fall der Mauer war nicht vorgesehen. So sendete der Deutschlandfunk wie in jeder Nacht bis 5 Uhr klassische Musik. Nur die Nachrichten zu jeder vollen Stunde meldeten trocken die Öffnung der Mauer. Die DLF-Hörer in der DDR warteten vergeblich auf aktuelle Berichte ihres Haussenders. Der Knopf, der die DDR-Sender in die Wohnung gebracht hätte, so hatten sie jahrelang gespottet, war mangels Gebrauch "verrostet".

Datum:  10 | 6 | 2009
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