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Ästhetik der Berliner Mauer: Die Banalität des Bauwerks

Sie behaupten pointiert, dass die Mauer schon lange vor 1989 fiel.

Im ersten Winter, mit dem ersten Frost. Am 11. Januar 1962 stürzten die ersten 20 Meter Mauer in der Mitte Berlins ein, später auch an anderen Stellen. Kein Wunder: ohne Fundament, ohne Dach, ohne Abdichtung - Pfusch am Bau. Vor allem anfangs gab es solche Pannen, als die Mauer noch ein zusammengestückeltes Provisorium war. Aber auch in späteren baulichen Phasen, die bereits geordnet und ästhetisiert waren, standen an den Rändern Berlins noch Bauten älterer Generationen. Hinzu kam der Verfall durch Witterung und Vegetation.

Weshalb wurde die Mauer an ihren Rändern nicht so stark gepflegt?

Da musste sie nicht so repräsentativ sein, und da wurde sie auch nicht so stark zur Flucht genutzt. Außerdem, das haben die Akten ergeben, hatten die Grenztruppen Schwierigkeiten, den Bau den Plänen gemäß zu bauen und instand zu halten. Es gab Fachkräftemangel. Die Fluktuation der Offiziere war groß. Hinzu kamen Geldmangel und schlechte Zulieferqualität aus den Betonwerken. Es gab also auch eine Ästhetik des Ruinösen. Alle Merkmale der sozialistischen Mangelwirtschaft zeigten sich, je weiter man sich vom Stadtzentrum wegbewegte, auch an der Mauer.

Wie kommt es, dass dieser Aspekt bisher kaum thematisiert wurde?

Der Pfusch am Bau passte nicht in die gängigen Dämonisierungen: Mächtige Mauer, hässliche Mauer, gewalttätige Mauer. Er passte auch nicht in die Heroisierung von der Ostseite her: Toller Bau, Kommandoaktion, starke Arbeiterhände. Natürlich gab es zu den Mauer-Einstürzen in der Springerpresse auch Häme und Fotos. Später aber wollte keiner mehr an diese mickrigen Anfänge erinnern.

Standen die Grenztruppen hinter dem Mauerbau?

Anfangs nicht, und das ist neu. Aktenkundig hatten die militärisch Verantwortlichen für Berlin Vorbehalte, als 1964 der Befehl kam, ein supereffizientes Mauersystem aus Beton aufzubauen. Das waren keine politischen Vorbehalte, aber sie wollten sich der Verantwortung für einen technisch so ausgefeilten Bau entziehen. Auch, weil sie als Pioniertruppen damit überfordert waren. Deshalb haben sie anfangs versucht, Aufgaben abzuwälzen. Es gab also Interessenskonflikte zwischen den Institutionen, was bedeutet, dass die DDR institutionell ausdifferenzierter war, als bisher angenommen.

Sie sprechen von "orgiastischem Abrisseifer" nach dem Mauerfall. Wie sah die Abschlusskarriere der Berliner Mauer aus?

Baufirmen haben sie größtenteils aufgekauft und weiterverarbeitet: zu Bauschutt, zu Schotter oder zu Sand. Die Mauer wurde zerrieben und zermahlen, kam auf Bahngleise, auf Parkplätze und in den Straßenbau. Sie hat ein profanes und friedliches Ende gefunden. Was ja gut zu heißen ist - wäre nur nicht alles abgerissen worden.

Das hört sich an, als würden Sie der Mauer nachtrauern.

Keinesfalls. Aber nicht nur ich bedauere, dass kein vollständig erhaltener Mauerstreifen mehr vorhanden ist. Nicht ohne Grund haben sich gerade die Opferverbände dafür eingesetzt, dass etwas stehen gelassen wird. Das wäre für eine denkmaldidaktische Präsentation wichtig gewesen - als Monstrum, Monument und Mahnmal.

Interview: Andreja Andrisevic

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Datum:  2 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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