Der Kulturwissenschaftler Olaf Briese im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Berliner Mauer als Bauwerk: sachlich und kitschig, erhaben und ruinös.
Die Berliner Mauer als Bauwerk umfasste ein ganzes Sperrsystem mit insgesamt zehn Elementen.
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Die Berliner Mauer als Bauwerk umfasste ein ganzes Sperrsystem mit insgesamt zehn Elementen.
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Sie arbeiten an einem Buch über die Berliner Mauer, für das Sie ungewöhnliche Aspekte untersuchen: Ästhetik und Architektur. Wollen Sie den innerdeutschen Grenzwall etwa als Kunstwerk darstellen?
Nein, ich will ihn als Bauwerk analysieren. Wie alle Bauwerke weist auch die Berliner Mauer spezifische architektonische Merkmale und eine ihr eigene Ästhetik auf - wobei der Begriff Ästhetik in der Forschung längst nicht mehr nur die Wissenschaft des Schönen bezeichnet, sondern auch des Hässlichen, des Gewaltigen und so weiter. Im politisch dominierten Mauerdiskurs sind diese Gesichtspunkte bisher vernachlässigt worden. Deshalb habe ich versucht, die Baugeschichte der Mauer aufzuarbeiten, indem ich bislang unerschlossene Bau- und Militärakten der DDR-Grenztruppen erforscht habe.
Wie war die Berliner Mauer baulich genau beschaffen?
Wenn wir über die "Mauer" reden, dann reden wir von einem ganzen Sperrsystem. Die Mauer selbst war nur ein Bestandteil von rund zehn Elementen. Zunächst gab es die Vorderlandmauer, die nach West-Berlin zeigte, und von der an der Bernauer Straße noch Überreste stehen. Dann gab es Kfz-Gräben, Stacheldrahtrollen, spanische Reiter, es gab den Kolonnenweg, Signalzäune mit schwachem Strom, Stolperdrähte und so weiter. Abgeschlossen wurde dieses System durch die Hinterlandmauer gen Ost-Berlin, die man an der East Side Gallery sehen kann. Zwischen beiden Mauern befand sich der so genannte Todesstreifen. Und: Vor der Hinterlandmauer war wiederum ein System von Sperren: die Sperrzone.
Die Mauer - Symbol der Teilung
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Die Mauer - Symbol der Teilung
Kurz zuvor, am Morgen des 13. August 1961, haben DDR-Streitkräfte im Ostteil der Stadt Straßensperren aus Stacheldraht in Richtung Westen aufgebaut.
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Der Grund für die Abriegelung: Der DDR laufen die Bürger scharenweise davon - die Mauer soll den ständig steigenden Strom von Flüchtlingen nach Westberlin aufhalten.
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Am 15. Juni 1961 fragt die Berliner Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, Annamarie Doherr, DDR-Staatschef Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz, ob er "mit allen Konsequenzen" am Brandenburger Tor eine Staatsgrenze einrichten wolle. Seine Antwort geht in die Geschichte ein: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."
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Dabei drängt Ulbricht gegenüber der Vormacht Sowjetunion schon seit 1952 auf einen Riegel mitten durch Berlin. Doch Moskau zögert, fürchtet die Reaktion der Westmächte.
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Die Entscheidung fällt offenbar erst wenige Tage vor dem 13. August 1961. Einige Historiker glauben, der Mauerbau sei Anfang August in Moskau beschlossen worden, wo die Ostblockführer zusammentrafen.
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Der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls", der unter dem Decknamen "Aktion Rose" läuft, besiegelt die Teilung Deutschlands.
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Die Mauer trennt Familien: Zwei Berliner Mädchen sprechen mit ihren Großeltern im Ostteil von Berlin.
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Mütter winken ihren Kindern und Enkelkindern in Ostberlin zu.
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In der DDR aber gibt es von Anfang an Widerstand gegen die Mauer. Stasi-Berichte verzeichnen "größeren Unmut bei Jugendlichen". Es gab Aufschriften wie "Wer Mauern baut, hat es nötig".
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In den drei Wochen nach dem Mauerbau werden 6000 Menschen festgenommen, 3000 bleiben inhaftiert. Das Bild zeigt amerikanische Soldaten an der alliierten Kontrollbaracke am "Checkpoint Charlie".
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17. August 1962: DDR-Grenzposten tragen den leblosen Körper des Flüchtlings Peter Fechter weg. Einem Freund, mit dem der 18-Jährige über die Mauer geklettert war, gelingt die Flucht; Fechter selbst wird auf der Mauer niedergeschossen und fällt auf die Ostberliner Seite zurück.
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Die DDR-Grenzer lassen den 18-Jährigen 50 Minuten lang hilflos liegen, bevor sie ihn bergen. Fechter verblutet. Sein Tod erregt großes Aufsehen, wird zum Symbol der Unmenschlichkeit dieser Grenze.
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Zwischen 1961 und 1989 sterben an der Grenze mehr als 900 Menschen, darunter Rudolf Urban. An ihn erinnert diese Tafel an der Bernauer Straße.
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Immer wieder wird die deutsch-deutsche Grenze in Berlin zum Schauplatz der Konfrontation: Am 28. Oktober 1961 fahren sowjetische Panzer am "Checkpoint Charlie", dem Sektorengrenzübergang für Diplomaten und Ausländer in der Friedrichstraße, auf. Tags zuvor haben amerikanische Panzer unmittelbar an der Grenzlinie Aufstellung genommen.
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26. Juni 1963: US-Präsident John F. Kennedy schaut von einer Plattform in der Friedrichstraße über die Berliner Mauer in den Ostsektor der geteilten Stadt. Hunderttausende jubeln Kennedy zu, als er vor dem Schöneberger Rathaus seine Rede mit den berühmten Worten "Ich bin ein Berliner" hält.
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Der Berlin-Berater Kennedys, Lucius D. Clay, zieht sich an der Mauer hoch, um einen Blick auf das Brandenburger Tor zu werfen.
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Das wohl berühmteste Bild einer Flucht aus der DDR gelingt dem Fotografen Peter Leibing. Er drückt auf den Auslöser, als der Volkspolizist Conrad Schumann im August 1961 während des Mauerbaus in den Westen springt.
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Der Westberliner Student Klaus-Michael von Keussler gehört zu einer Gruppe von Fluchthelfern, die einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch graben. Im Oktober 1964 gelingt 57 Menschen unterirdisch die Flucht. Rund 70 Tunnel zwischen Ost-und West-Berlin sind heute bekannt.
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Die innerdeutsche Grenze durchzieht bald das ganze Land: Blick vom Philippsthal (Osthessen) über die Grenze zur DDR und die Mauer auf das thüringische Vacha (Archivbild vom 27. April 1977).
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1989: Kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung kommt Erich Honecker zu später Einsicht, lässt die Mauer einreißen, entschuldigt sich und tritt zurück ... Ok, ganz so spektakulär wie in "Goodbye Lenin" kam es nicht daher, das Ende der DDR ...
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... sondern so: Günter Schabowski, damals Politbüromitglied, tritt am 9. November 1989 vor die Presse und verkündet wie nebenbei die Öffnung der Berliner Mauer.
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November 1989: DDR-Grenzsoldaten helfen einem Kind auf die Mauer, um ihm einen Blick auf den Westen zu ermöglichen.
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11. November 1989: Jubelnde Menschen haben sich mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer niedergelassen. Nach der Öffnung eines Teils der Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisen Millionen DDR-Bürger für einen Kurzbesuch in den Westen.
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Grenzübergang im osthessischen Philippstal am 12. November 1989.
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Grenzübergang Stubenrauchstraße am 14. November.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Der letzte sozialistische Bruderkuss - als Grafitti auf der Mauer, die Deutschland fast 30 Jahre lang trennte.
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Rückblick: Berlin im August 1961. Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten beginnen Handwerker mit dem Bau einer mannshohen Mauer an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze (hier am Potsdamer Platz).
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Linkspartei in der Krise
Fotostrecken Politik
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Was Sie beschreiben, ist die "Grenzmauer 75", die seit 1976 erbaut wurde?
Das ist die Mauer, die sich dem kulturellen Gedächtnis eingeprägt hat: Weiß, glatt, verfugt. Betonästhetik. Zu der Zeit wurde, anders als bei der zusammengestoppelten Rumpelmauer der Anfangszeit, industriell gebaut, mit Betonplatten, die senkrecht standen. Die hatten schon durch ihre Ordnungshaftigkeit eine Ästhetik von Geometrie, von Normung, von Serialität. Ich nenne das Ästhetik des Einheitlichen und des Sachlichen. Die Bauweise ist schnörkellos, und das ist eine moderne architektonische Idee. Bauhausästhetik, kann man sagen.
Wurde von den Erbauern auf eine Ästhetisierung wert gelegt?
Sie war nicht das vorrangige Ziel, auch wenn in den Akten ein "ansehnliches und niveauvolles" Aussehen immer mehr angemahnt wurde. Aber das ging Hand in Hand mit ökonomischen und ordnungspolitischen Kriterien. Ein Militär denkt ja erst mal pragmatisch. Der braucht freie Sicht, freies Schussfeld, Helle, um Flüchtende zu sehen. Deswegen gab es das Interesse, die Mauer möglichst einheitlich zu gestalten.
Einheitlichkeit zugunsten einer Herrschaftsarchitektur?
Ja, die Mauer war ebenso Herrschaftsarchitektur wie Todesarchitektur. Sie diente auch dem Ausdruck von Macht, weshalb ich in Anlehnung an Kant von einer Ästhetik des Erhabenen spreche: Eine Machtarchitektur, die anziehend und abstoßend gleichermaßen ist. Sie löst einen bestimmten Sogeffekt aus, weil sie mit dem Wechsel von Kleinheit und Größe operiert: Große Architektur, kleiner Betrachter, machtvolle Architektur, machtloser Betrachter. Und wie es im politischen eine Unterwerfungslust gibt, gibt es in der Ästhetik auch die Lust, sich solch machtvoller Architektur ästhetisch zu unterwerfen. Gleichzeitig motiviert sie zu Widerstand. Allerdings drücken die bisher genannten ästhetischen Merkmale nur die Wirkung der Mauer Richtung Westen aus.
Wie war die ästhetische Wirkung gen Osten?
Da war die Mauer ästhetisch gewissermaßen nicht existent. Der Trick war, sie möglichst einzusenken hinter Sperrzonen. Diese waren außerhalb des Stadtzentrums oft bis zu einem Kilometer breit oder noch breiter, da konnte man die Mauer überhaupt nicht sehen. Natürlich waren die Sperrzonen auch Fluchtpuffer, aber der weitere Grund war: Das Bild des Grenzwalls sollte nicht präsent sein. Aus Scham. Deshalb gab es keinen öffentlichen Diskurs über die Berliner Mauer, sondern eine Ästhetik der Absenz.
Aber im Zentrum Berlins konnte man die Mauer doch sehen?
Ja, weil die Sperrzonen hier relativ klein gehalten werden mussten: 100 Meter, 50 Meter. Die Hinterlandmauer konnte man sehen. Vom Fernsehturm aus konnte man auch mal das Ganze überblicken. Trotzdem war die Mauer im Osten als Gegenstand tabuisiert. Sie wurde auch anders genannt: antifaschistischer Schutzwall. Abgesehen davon, dass der 13. August gefeiert wurde, als der Tag, an dem den imperialistischen Machthabern das Handwerk gelegt wurde, war das Thema nicht existent. Bis auf Fotos von diesem Tag, die lediglich eine männliche Menschenmauer zeigen, wurden auch keine Bilder der Mauer publiziert.
Es gab doch dieses eine Bild vom Brandenburger Tor...
...mit Blumenkästen und Gartenzäunen davor, hergestellt in Marke Eigenbau: Schmiedeeisern, Kunst! Es sollte eine Zaunidylle entstehen - eine Ästhetik des Kitschigen. Von dieser Verklärung abgesehen, war die Ästhetik der Berliner Mauer auf den Westen ausgerichtet. Die Ironie dabei ist: Sie kam übers Fernsehen wieder in den Osten zurück, so dass der Osten eigentlich die gleichen Bilder wie der Westen hatte.