Zeitgeschichte

02. November 2009

Ästhetik der Berliner Mauer: Die Banalität des Bauwerks

Die Berliner Mauer als Bauwerk umfasste ein ganzes Sperrsystem mit insgesamt zehn Elementen. Foto: dpa

Der Kulturwissenschaftler Olaf Briese im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Berliner Mauer als Bauwerk: sachlich und kitschig, erhaben und ruinös.

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Sie arbeiten an einem Buch über die Berliner Mauer, für das Sie ungewöhnliche Aspekte untersuchen: Ästhetik und Architektur. Wollen Sie den innerdeutschen Grenzwall etwa als Kunstwerk darstellen?

Nein, ich will ihn als Bauwerk analysieren. Wie alle Bauwerke weist auch die Berliner Mauer spezifische architektonische Merkmale und eine ihr eigene Ästhetik auf - wobei der Begriff Ästhetik in der Forschung längst nicht mehr nur die Wissenschaft des Schönen bezeichnet, sondern auch des Hässlichen, des Gewaltigen und so weiter. Im politisch dominierten Mauerdiskurs sind diese Gesichtspunkte bisher vernachlässigt worden. Deshalb habe ich versucht, die Baugeschichte der Mauer aufzuarbeiten, indem ich bislang unerschlossene Bau- und Militärakten der DDR-Grenztruppen erforscht habe.

Wie war die Berliner Mauer baulich genau beschaffen?

Wenn wir über die "Mauer" reden, dann reden wir von einem ganzen Sperrsystem. Die Mauer selbst war nur ein Bestandteil von rund zehn Elementen. Zunächst gab es die Vorderlandmauer, die nach West-Berlin zeigte, und von der an der Bernauer Straße noch Überreste stehen. Dann gab es Kfz-Gräben, Stacheldrahtrollen, spanische Reiter, es gab den Kolonnenweg, Signalzäune mit schwachem Strom, Stolperdrähte und so weiter. Abgeschlossen wurde dieses System durch die Hinterlandmauer gen Ost-Berlin, die man an der East Side Gallery sehen kann. Zwischen beiden Mauern befand sich der so genannte Todesstreifen. Und: Vor der Hinterlandmauer war wiederum ein System von Sperren: die Sperrzone.

Was Sie beschreiben, ist die "Grenzmauer 75", die seit 1976 erbaut wurde?

Das ist die Mauer, die sich dem kulturellen Gedächtnis eingeprägt hat: Weiß, glatt, verfugt. Betonästhetik. Zu der Zeit wurde, anders als bei der zusammengestoppelten Rumpelmauer der Anfangszeit, industriell gebaut, mit Betonplatten, die senkrecht standen. Die hatten schon durch ihre Ordnungshaftigkeit eine Ästhetik von Geometrie, von Normung, von Serialität. Ich nenne das Ästhetik des Einheitlichen und des Sachlichen. Die Bauweise ist schnörkellos, und das ist eine moderne architektonische Idee. Bauhausästhetik, kann man sagen.

Wurde von den Erbauern auf eine Ästhetisierung wert gelegt?

Sie war nicht das vorrangige Ziel, auch wenn in den Akten ein "ansehnliches und niveauvolles" Aussehen immer mehr angemahnt wurde. Aber das ging Hand in Hand mit ökonomischen und ordnungspolitischen Kriterien. Ein Militär denkt ja erst mal pragmatisch. Der braucht freie Sicht, freies Schussfeld, Helle, um Flüchtende zu sehen. Deswegen gab es das Interesse, die Mauer möglichst einheitlich zu gestalten.

Einheitlichkeit zugunsten einer Herrschaftsarchitektur?

Ja, die Mauer war ebenso Herrschaftsarchitektur wie Todesarchitektur. Sie diente auch dem Ausdruck von Macht, weshalb ich in Anlehnung an Kant von einer Ästhetik des Erhabenen spreche: Eine Machtarchitektur, die anziehend und abstoßend gleichermaßen ist. Sie löst einen bestimmten Sogeffekt aus, weil sie mit dem Wechsel von Kleinheit und Größe operiert: Große Architektur, kleiner Betrachter, machtvolle Architektur, machtloser Betrachter. Und wie es im politischen eine Unterwerfungslust gibt, gibt es in der Ästhetik auch die Lust, sich solch machtvoller Architektur ästhetisch zu unterwerfen. Gleichzeitig motiviert sie zu Widerstand. Allerdings drücken die bisher genannten ästhetischen Merkmale nur die Wirkung der Mauer Richtung Westen aus.

Wie war die ästhetische Wirkung gen Osten?

Da war die Mauer ästhetisch gewissermaßen nicht existent. Der Trick war, sie möglichst einzusenken hinter Sperrzonen. Diese waren außerhalb des Stadtzentrums oft bis zu einem Kilometer breit oder noch breiter, da konnte man die Mauer überhaupt nicht sehen. Natürlich waren die Sperrzonen auch Fluchtpuffer, aber der weitere Grund war: Das Bild des Grenzwalls sollte nicht präsent sein. Aus Scham. Deshalb gab es keinen öffentlichen Diskurs über die Berliner Mauer, sondern eine Ästhetik der Absenz.

Aber im Zentrum Berlins konnte man die Mauer doch sehen?

Ja, weil die Sperrzonen hier relativ klein gehalten werden mussten: 100 Meter, 50 Meter. Die Hinterlandmauer konnte man sehen. Vom Fernsehturm aus konnte man auch mal das Ganze überblicken. Trotzdem war die Mauer im Osten als Gegenstand tabuisiert. Sie wurde auch anders genannt: antifaschistischer Schutzwall. Abgesehen davon, dass der 13. August gefeiert wurde, als der Tag, an dem den imperialistischen Machthabern das Handwerk gelegt wurde, war das Thema nicht existent. Bis auf Fotos von diesem Tag, die lediglich eine männliche Menschenmauer zeigen, wurden auch keine Bilder der Mauer publiziert.

Es gab doch dieses eine Bild vom Brandenburger Tor...

...mit Blumenkästen und Gartenzäunen davor, hergestellt in Marke Eigenbau: Schmiedeeisern, Kunst! Es sollte eine Zaunidylle entstehen - eine Ästhetik des Kitschigen. Von dieser Verklärung abgesehen, war die Ästhetik der Berliner Mauer auf den Westen ausgerichtet. Die Ironie dabei ist: Sie kam übers Fernsehen wieder in den Osten zurück, so dass der Osten eigentlich die gleichen Bilder wie der Westen hatte.

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