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Antwort auf Götz Aly: Tunnelblick aufs Totalitäre

Man reibt sich die Augen: Weil sich Ulrike Meinhof, die damals bereits auf dem Weg in den bewaffneten Kampf war, von den nationalsozialistischen Verbrechen abwandte, hat sich mit ihr die gesamte neue Linke davon abgewandt? Dürfen Historiker so arbeiten?

Nicht weniger kurzschlüssig verhält es sich mit der Anklage Alys, die 68er hätten die Aufklärung des Holocaust eher behindert als befördert. Das Projekt der 68er in aller Welt war nicht die wissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit, sondern die Gestaltung einer freieren Gegenwart und Zukunft. Hatten die deutschen 68er kein Recht dazu, weil sie "Täter-Kinder" waren? Im Übrigen war der Protest gegen den Vietnamkrieg durchaus von einem antifaschistischen Impuls getragen. Wie kann es sein, fragten sich die deutschen 68er, dass unsere einstigen Befreier ein Volk der Dritten Welt mit Napalm und Agent Orange bombardieren - und der Nachfolgestaat des Dritten Reichs ihnen logistisch dabei hilft?

Von den emanzipatorischen Impulsen der Rebellen, von ihrer Glückssuche und ihrem Weltbeglückungswahn ("make love not war") ist bei Aly kaum die Rede. Mit Tunnelblick bleibt er auf das Segment der Totalitären fixiert, zu dem er selbst gehörte, und versucht sich zu exkulpieren, indem er die 68er insgesamt als Wiedergänger "der 33er" denunziert. In seinem Findungsstolz über die von ihm entdeckten Parallelen verpasst er die einfachsten Fragen: Wie viele 68er stammten eigentlich von Nazi-Tätern ab? Waren solche Kinder dazu verdammt, unbewusst die Botschaften und Verhaltensmuster ihrer Täter-Väter zu reproduzieren? Gab es nicht auch Kinder von Nazigegnern und jüdischen Verfolgten in den Reihen der 68er? Und schließlich: Stimmen die Agendas der beiden "Bewegungen" und ihre politischen Ausgangsbedingungen in einem einzigen relevanten Punkt tatsächlich überein?

Es fällt nicht leicht, eine Erklärung für diese Missachtung der wissenschaftlichen Regeln anzugeben. Vielleicht steckt sie in einer Szene, die Aly gegen Ende seines Buches rekonstruiert. Bei der Besetzung der staatlichen Kunstschule in Berlin durch die SA-Studentenschaft wurde eine Prüfung "gewaltsam unterbrochen", die Professoren wurden "aus den Prüfungsräumen entfernt", die mit den Professoren sympathisierenden Studenten "gewaltsam zurückgedrängt" und eine vier Meter hohe Hakenkreuzfahne aufgerichtet. Als Aly diese Szene rekonstruierte, muss ihn die Frage heimgesucht haben: Hatte er als einer der Anführer der "Schweinejagd" im OSI nicht das Gleiche getan? Das Gleiche oder dasselbe? Und war auf dem vom "Wiedergänger" Aly mitverfassten Aufruf zur "Schweinejagd" nicht eine Karikatur zu sehen, auf der ein besonders großes Schwein namens Richard Löwenthal zu sehen war - eines jüdischen Professors, der in die USA geflohen und nach Deutschland zurückgekehrt war, um den jungen Deutschen die Demokratie beizubringen?

Womöglich, so spekuliere ich, sind es der Schock und die Scham über diese frappante Ähnlichkeit seiner eigenen Schandtat mit der der SA-Studenten gewesen, die dem erfahrenen Rechercheur Götz Aly und Holocaust-Experten die Handwerkszeuge des Historikers aus den Händen geschlagen haben. Statt seinem höchst angebrachten Schuldgefühl nachzugehen, flüchtet er sich in ein General-Verdikt der ganzen Generation und setzt alles mit allem gleich: die Bücherverbrennung mit der Verbrennung von Bildzeitungen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, Rudi Dutschke mit Joseph Goebbels und den Dichter F. C. Delius mit Baldur von Schirach.

Wäre Götz Aly in seiner Untersuchung länger bei sich und seiner Scham geblieben, hätte er vielleicht gefunden, dass er ein von Ehrgeiz und Selbstüberschätzung verblendeter junger Mann, aber kein Jungnazi war - und dass nicht alle 68er sich so verrannt hatten wie er selber.

Götz Alys Buch "Unser Kampf - 1968" ist im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, erschienen.

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Autor:  PETER SCHNEIDER
Datum:  10 | 4 | 2008
Seiten:  1 2
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