kalaydo.de Anzeigen

Antwort auf Götz Aly: Tunnelblick aufs Totalitäre

Gegen den Drang zur denunzierenden Verallgemeinerung - eine Antwort auf Götz Alys Thesen über die 68er.

Parallelen zu 1933? Polizeieinsatz gegen Hausbesetzer und deren Unterstützer in Frankfurt am Main, 1973.
Parallelen zu 1933? Polizeieinsatz gegen Hausbesetzer und deren Unterstützer in Frankfurt am Main, 1973.
Foto: ap

Das derzeit lauteste Geschütz der Anti-68er ist Götz Aly mit seinem Pamphlet "Unser Kampf". Die 68er seien, so Götz Aly, in Wahrheit die Wiedergänger der "33er" gewesen, jener nationalsozialistischen Studenten, die Hitler und den Vordenkern der Vernichtung den Weg geebnet hatten. (Sein Buch wurde denn auch von allen Zeitungen spätestens am Tag nach der Veröffentlichung mit einer wenn auch in der Regel kritischen Rezension gewürdigt.)

Freilich musste Aly, um seine Anklage zu stützen, gleich mehrere verunstaltende Operationen an seinem Objekt vornehmen. Zunächst einmal schneidet er die deutschen 68er aus dem Zusammenhang des weltweiten Aufbruchs heraus. Die Tatsache, dass sie praktisch all ihre Protestformen aus Amerika übernahmen, kommt in Alys "Analyse" gar nicht vor. Wer Aly liest, gewinnt den Eindruck, der Protest gegen den Vietnamkrieg sei eine antiamerikanische Marotte gewesen. Hatten die deutschen 68er nicht gerufen: USA-SA-SS, fragt er.

Aly untersucht nicht, wie repräsentativ dieser widerliche - aus einem Film von Godard übernommene - Spruch für die APO war, die damals den weitaus amerikanisiertesten Teil der deutschen Bevölkerung ausmachte. Er erklärt auch nicht, wie und warum dieselben Studenten, denen er in den ersten Kapiteln seines Buches noch bescheinigt, sie wären weit demokratischer, europa- und amerikafreundlicher gewesen als der Rest der Bevölkerung, ein paar Seiten später plötzlich antisemitisch, antiamerikanisch und totalitär geworden sein sollen. Tatsächlich hat unter rund 30 000 Rebellen ein solcher Prozess stattgefunden, aber nicht als uniformer Wandel der 68er, sondern jenes Teils, zu dem Aly sich gesellte. (Bei der Bundestagswahl 1976 erzielten der KBW 21 000, die KPD 8000 und die trotzkistische GIM 2000 Stimmen.)

Es wäre die Aufgabe eines Historikers gewesen, diesen Prozess der Manipulation und Selbstmanipulation darzustellen und zu fragen, warum ein erheblich größerer Teil der Rebellen der totalitären Verführung nicht erlag und sich jenseits der selbst ernannten maoistischen Eliten und der RAF mit politisch bescheideneren Projekten abgab: mit der Organisierung von Kinderläden, mit der Emanzipation der Frauen, mit der Gründung von Bürgerinitiativen, die Ende der 70er Jahre mehr Mitglieder zählten als die Parteien.

Die zweite Operation betrifft die Einengung der 68er-Bewegung auf die Phase ihrer maoistischen Verirrung. Vergeblich sucht man in Alys Buch nach Spuren der voran- und nachgehenden antiautoritären Empörung und Ausgelassenheit. Es ist, als hätte er nie ein Lied von Bob Dylan oder Joan Baez gehört, nie eine Haschischzigarette inhaliert, nie die neuen sexuellen Freiheiten genossen, die sich die 68er eroberten.

Das entscheidende Problem von Alys "Analyse" ist jedoch, dass er seine Rolle als ehemaliger Aktivist und die Rolle des nachträglich urteilenden und einordnenden Historikers unentwegt vermischt.

An einer Stelle seines Buches bekennt Aly sich als einer der Anführer der sogenannten "Schweinejagd" im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Die Idee der "Schweinejagd" bestand darin, missliebige Professoren (nach einer Institutsbesetzung am 24. Juni 1971) zu den Fenstern des Seminarraums zu tragen und sie symbolisch aus dem Fenster zu stürzen. In Alys Buch liest man darüber: "Der Raum lag im Erdgeschoss. Die Fenster blieben zu. Hinausgeworfen wurde niemand, allerdings wurden einige der Eingeschlossenen auf ihren Stühlen hin und her getragen und Parolen an die Wände gesprüht. Am Ende kam es irgendwo im Treppenhaus noch zu einer kleinen Schlägerei."

Und Götz Aly? Das Ich des Anstifters verschwindet alsbald im unpersönlichen Plural. Er schreibt: "Einige der Eingeschlossenen wurden auf ihren Stühlen hin- und her getragen… Es kam zu einer kleinen Schlägerei…" Kein Wort darüber, ob Aly selbst einen der Stühle getragen hat oder in die "kleine Schlägerei" im Treppenhaus verwickelt war.

In einem Flugblatt der Reformsozialisten im Sommer 1971 lese ich: "Anfang dieser Woche wurde im OSI ein Steckbrief gegen Schwan und verschiedene Reformsozialisten verteilt, in dem die GSO (Grundsemester-Organisation) unverhüllt proklamierte: ,Jagt die Schweine raus!'… Sako-Oberaktionist Aly (Sako - Sozialistisches Arbeitskollektiv) forderte … dazu auf, gewaltsam in Schwans Büro einzudringen und sich die dortigen Gegenstände anzueignen."

Statt seiner eigenen Verrennung und ihren Motiven nachzugehen, begibt Aly sich allzu rasch in den Schutz der Verallgemeinerung: "Eine solche gewalttätige Aktion war seinerzeit an deutschen Universitäten nicht ungewöhnlich…" Das ist nicht falsch. Aber wie viele von den weit über hunderttausend Aktivisten der APO haben damals Professoren mit Gewalt in einen symbolischen Fenstersturz verwickelt?

Am triftigsten ist Alys Kapitel über antisemitische Töne und Aktionen in der Studentenbewegung ausgefallen. Aus Fairness hätte er auf seinen Vorgänger Henryk Broder hinweisen können, der einen entsprechenden Nachweis bereits in den siebziger Jahren geführt hat. Aber auch in dieser Sache schwächt Aly seine Argumentation durch seinen Drang zur vorschnellen denunzierenden Verallgemeinerung. So zitiert er eine wirre, nicht ganz falsche Erklärung von Ulrike Meinhof, der Antisemitismus sei seinem Wesen nach antikapitalistisch gewesen, und schließt: "Damit war die Flucht aus der historischen Verantwortung vollzogen." Und eine Zeile weiter: "Da sich die neue Linke auf diese Weise von den nationalsozialistischen Verbrechen abwandte, hatte sie es nicht weit…"

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  PETER SCHNEIDER
Datum:  10 | 4 | 2008
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken