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Aschaffenburger Gespräche: Psychogruppe 68

Eine wilde Debatte zur Revolte von 1968 bei den Aschaffenburger Gesprächen.

Manchmal schrieen sie einfach herum. So waren sie. So sind manche immer noch, manchmal.
Manchmal schrieen sie einfach herum. So waren sie. So sind manche immer noch, manchmal.
Foto: Archiv

Bevor es um "Die 68er - Fluch oder Segen" geht, ein kurzer Film über die vergangenen 30 Jahre Aschaffenburger Gespräche. Er ist auch eine Hommage an Guido Knopp, der sie 30 Jahre lang leitete und der am Ende des Abends zur Überraschung der Versammelten bekannt machen wird, dass die 68er Debatte seine letzte Moderation dieser Gespräche war. Der Saal wird sich gerührt applaudierend erheben.

Jetzt aber, da wir das noch nicht wissen, macht der Film uns vor allem klar, wie leicht wir auch in den großen Fragen irren. Helmut Sonnenfeldt, Berater Henry Kissingers, ist zum Beispiel der einzige, der mit einer Äußerung zitiert werden kann, die belegt, dass er schon vor 1989 davon ausging, das Ende der deutschen Teilung noch zu erleben.

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So mit Skepsis gerade den eigenen Überzeugungen gegenüber imprägniert, kann man den Abend sehr genießen. Nach wenigen Minuten rastet der Zeithistoriker Arnulf Baring aus: "Sie lügen! Sie lügen! Das haben Sie schon immer getan!" herrscht er die neben ihm sitzende Ulrike-Meinhof-Biographin Jutta Ditfurth an, weil sie ihm vorgeworfen hatte, in der Zeitschrift Junge Freiheit zu schreiben.

Die Sympathie des Saals lenkt er so für einen Moment auf Jutta Ditfuhrt. Als sich aber herausstellt, dass sie einfach nachgesprochen, was sie irgendwo gelesen hatte, dass sie sich also nicht die Mühe gemacht hatte, selbst einmal in der Jungen Freiheit nachzusehen, ob dort Arnulf Baring geschrieben hatte, da kippt die Stimmung im Saal.

Der Historiker Götz Aly erklärt die 68er aus dem Versuch der ersten Nachkriegsgeneration, sich von der nationalsozialistischen Vergangenheit zu lösen. Ein Versuch, der ihm freilich verhängnisvoll verstrickt blieb in die antiparlamentarische, anti-westliche, gewaltfrohe NS-Geschichte.

Der Grünen-Parlamentarier Christian Ströbele erklärt, die 68er seien eine internationale Bewegung gewesen, man könne sie nicht mit der deutschen Vergangenheit erklären, und schon gar nicht sei ihm verständlich, wie man auf Grund einiger - möglicherweise für jede Jugendbewegung geltende - Parallelen dazu kommen könnte, die Studentenbewegung von 1968 und die Aktionen der Nazis vor 1933 gleichzusetzen.

Jutta Ditfurth sieht in Götz Alys Versuch, die Studentenbewegung in die Nähe der Nazis zu rücken, Teile eines gesellschaftlichen Rechtsrucks, der jede Fundamentalopposition diskreditieren möchte, um umso besser Lohndumping und soziale Verunsicherung durchzusetzen.

Moderator und ZDF-Historiker Guido Knopp greift kaum ein. Auf die heftigsten Ausfälle, auf die energischsten Unterbrechungen reagiert er mit einem Heben der Augenbraue oder allenfalls ein paar abwehrenden Handbewegungen, aber sonst lässt er die Kampfhähne kämpfen. Sehr zum Vergnügen des Publikums. Man kennt dergleichen ja kaum noch. Fernsehdebatten sind ja so weit zivilisiert, dass man sie kaum noch menschlich nennen kann. Hier sitzen Menschen aus Fleisch und Blut auf dem Podium, die einander anschreien, wie alte Ehepaare es nicht besser könnten.

"Ich habe Ihren Artikel gelesen über den Werteverlust durch die 68er. Woher nehmen Sie die Unverschämtheit zu behaupten, ich würde meiner Kinder schlechter erziehen als Sie die Ihren?" brüllt Götz Aly den Generalleutnant a.D. und brandenburgischen Innenminister Jörg Schönbohm an. Als der versucht gegenzuhalten, brüllt Götz Aly weiter, als Guido Knopp einmal zu intervenieren versucht, wird auch der von Götz Aly überbrüllt.

Der Saal, der Aly zunächst beklatscht hat, hat die Seiten gewechselt. Schönbohm lächelt ganz ruhig, zeigt mit dem Finger auf Aly, und als der Luft holt, sagt er, nahe ans Mikrofon heranrückend, aber ohne die Stimme zu heben: "Da haben sie einen leibhaftigen Achtundsechziger. So waren sie. So sind sie." Brausender Beifall.

Christian Ströbele erklärt, er habe 1968 nicht an Reformen geglaubt, nicht an Willy Brandts Ostpolitik. Er habe dessen Berufsverbote erlebt und die Polizeieinsätze. Er habe die Bundesrepublik revolutionär verändern wollen und nicht gewusst, was nach der Revolution kommen werde. Das habe niemand gewusst, es sei auch nicht ihre Sache gewesen. Die 68er wollten der Gesellschaft nicht vorschreiben, wie sie sein sollte, sie wollten nur klarmachen, dass revolutionäre Veränderungen nicht nur nötig und wünschenswert, sondern auch möglich seien. Dafür sei man damals auf die Straße gegangen.

Arnulf Baring erwidert: "Für einen jungen Sozialdemokraten, wie ich damals einer war, waren Ho Tschi Minh und Che Guevara keine Vorbilder, dass Ditfurth und Ströbele das bis heute nicht kapieren, zeigt nur, wie vernagelt sie noch immer sind."

"Wir waren intolerant. Ein RCDS-Sprecher hatte keine Chance auf einem Teach-in", räumt Christian Ströbele ein, "aber ich bin froh, dass die Werte, deren Niedergang Sie so bedauern, in Frage gestellt wurden. Als Fritz Teufel, langsam-lässig nach der dritten Aufforderung, sich zur Begrüßung des Gerichts zu erheben, aufstand und leise, aber deutlich sagte: "Wenn es der Wahrheitsfindung dient", da hat er nicht nur mir die Augen geöffnet. Wir mussten alles in Frage stellen. Autoritäten sollten sich endlich legitimieren. Anordnungen sollten nicht einfach befolgt, sondern sie sollten überprüft werden. Sinn sollten sie machen."

Wenn das das ganze 68 gewesen wäre, wäre 68 sicher nichts als ein Segen gewesen. Andere denken an Götz Alys Entsetzen über das, was er und andere taten und dachten und erinnern sich an Bertolt Brechts Zeilen: " Ach, wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein."

Warum eigentlich nicht?

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  7 | 4 | 2008
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