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Auschwitz-Prozess: Auf ein Wort des Bedauerns wartete Richter Perseke vergebens

Der Auschwitz-Prozess, vor 40 Jahren in Frankfurt am Main eröffnet, markiert eine Zäsur: Die Deutschen wurden erstmals mit den NS-Verbrechen konfrontiert.

Der frühere Richter Josef Perseke mit dem am 19. August 1965 in Frankfurt verkündeten Urteil des Auschwitz-Prozesses, in dem es um mehrere Funktionsträger des Konzentrationslagers ging. Perseke, im Jahr 200 80 Jahre alt geworden, hat immer noch ein Exemplar des 920 Seiten starken Urteils in seinem Schrank stehen. Er mag sich heute nicht mehr an die drei bedrückenden Jahre der Verhandlung erinnern.
Der frühere Richter Josef Perseke mit dem am 19. August 1965 in Frankfurt verkündeten Urteil des Auschwitz-Prozesses, in dem es um mehrere Funktionsträger des Konzentrationslagers ging. Perseke, im Jahr 200 80 Jahre alt geworden, hat immer noch ein Exemplar des 920 Seiten starken Urteils in seinem Schrank stehen. Er mag sich heute nicht mehr an die drei bedrückenden Jahre der Verhandlung erinnern.
Foto: dpa-Archiv

An den Herrn aus Berlin kann sich Christian Raabe noch gut erinnern. Den Sturmbannführer der SS, Jahrgang 1909, habe man damals in Berlin losgeschickt, um "die Vorgänge" in Auschwitz zu klären. Es ging um Unterschlagungen, weiß Rechtsanwalt Raabe über die Aussagen des Zeugen Konrad Morgen zu berichten, der bis Ende 1944 für die Untersuchung von Korruptionsfällen in Konzentrationslagern zuständig war.

Nach 1945 arbeitete Morgen in Frankfurt als Rechtsanwalt. Raabe lernte seinen Kollegen vor Gericht kennen. In einem Verfahren, das der junge Raabe als Vertreter der Nebenklage bestritt: Das Gericht vernahm Morgen als Zeugen im Frankfurter Auschwitz-Prozess.

Ein Verfahren, das zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tief in die deutsche Öffentlichkeit hineinwirkte. Der Auschwitz-Prozess, nach jahrelangen Vorbereitungen auf Betreiben des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zu Stande gekommen und am 20. Dezember 1963 eröffnet, markiert eine Zäsur. Denn eigentlich musste seit Mitte der 50er Jahre in Deutschland niemand mehr fürchten, im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Verbrechen belangt zu werden. Und das Interesse an Verfahren wie dem Prozess "Wollheim gegen IG Farben", den Rechtsanwalt Henry Ormond gegen den Konzern wegen Zwangsarbeit anstrengte, hielt sich in Grenzen.

In der Kanzlei Ormonds bereitete Raabe die Nebenklage für das "Verfahren gegen Mulka und andere", den Auschwitz-Prozess, mit vor. Damals "konnte die Öffentlichkeit zum ersten Mal zur Kenntnis nehmen, dass Millionen Menschen im Namen des Staates umgebracht worden sind". Sagt Raabe heute. In einer Gesprächsrunde, die das Fritz Bauer Institut mit Prozessbeteiligten zusammengebracht hat.

Damals lüftete sich für viele ein wenig der Eiserne Vorhang, hinter dem Auschwitz gleich nach 1945 verschwunden war. "Die Dinge, die mich erwarteten", berichtet Gerhard Wiese, "waren mir damals unbekannt." Wiese gehörte im Auschwitz-Prozess zu den Staatsanwälten. Im Herbst 1962, erzählt er, habe er, 34 Jahre alt, von Bauer die Aufgabe bekommen, "die Anklage zu erstellen". Auf der Basis dieser Unterlagen für das Verfahren mit 22 Angeklagten, 360 Zeugen und acht Sachverständigen "konnte man sich kaum vorstellen, wie das alles abgelaufen ist". Das aber habe sich schlagartig geändert - mit den Aussagen der ersten Zeugen.

Er persönlich, berichtet Josef Perseke, sei "erschüttert gewesen über das, was er im Prozess gehört hat". Perseke gehörte zu den Richtern in dem Verfahren, das nach 183 Verhandlungstagen in 20 Monaten zu Ende ging. In dieser Zeit, das beunruhigt Perseke noch heute, habe er von den Angeklagten "kein Wort des Bedauerns gehört".

Im Rückblick sei für ihn das Verfahren auch "ein Prozess der Selbstaufklärung", sagt Perseke. Dafür, setzt Micha Brumlik als Leiter des Fritz Bauer Instituts hinzu, "ist die Feststellung der Tatsachen, wie es denn gewesen ist, unerlässlich". Wie es denn mit Morgen, dem früheren SS-Mann im Zeugenstand, gewesen ist, fällt nach Stunden Ex-Verteidiger Eugen Gerhardt wieder ein. Morgen habe nicht irgendwelche "Vorgänge" untersuchen sollen. Vielmehr habe Berlin ihn nach Auschwitz geschickt, um Geschäfte zu unterbinden, die SS-Leute auf eigene Rechnung machten - mit dem Zahngold ermordeter Juden.

Autor:  Matthias Arning
Datum:  20 | 12 | 2003
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