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Ausstellung: Hosen, Hippie, Horkheimer

Die Macher der 68er-Ausstellung haben sehr viel Material und viel zu wenig Platz. Von Anita Strecker

Wie die heilige Familie der 68er: Zwischen Rudi und Lenin, Che und Rosa Luxemburg.
Wie die heilige Familie der 68er: Zwischen Rudi und Lenin, Che und Rosa Luxemburg.
Foto: FR/Alex Kraus

Da stehen sie, die Ikonen der Revolution, überlebensgroß und einträchtig versammelt wie die heilige Familie. Dutschke, Ho Chi Minh, Mao, Karl Liebknecht, Che Guevara, Marx und Engels, Clara Zetkin, Rosa Luxemburg - und so weiter - auf wandgroße, knallrote Lkw-Fahne gemalt. Überväter und Mütter, weil man den eigenen Eltern wegen deren Nazi-Vergangenheit misstraut.

Die Revolutionäre auf Planenplastik stellen die Kulisse für die "Ikonen" der 68er, die auf Leinwandstreifen gebeamt zur imaginären Gesprächsrunde über die alten Zeiten zusammengeschnitten sind. Daniel Cohn-Bendit erinnert, dass "damals" Frauen nur mit schriftlichem Einverständnis ihrer Männer Bankkonten eröffnen oder arbeiten gehen durften. Silvia Bovenschen erzählt, dass sie ihre Berufswahl noch von der Frage "darf ich da Hosen tragen?" abhängig gemacht hat. Martin Dannecker, bundesweit bekannter Protagonist der Schwulenbewegung, gibt preis, wie empört er war, dass seine WG-Bewohner beschlossen hatten, im Kollektiv Marmelade einzukochen. Empörender Rückfall in die spießige Bürgerlichkeit.

Annäherung an '68. Ein vielschichtiges Unterfangen, das die "nachgeborenen" jungen Kuratoren Andreas Schwab, Beate Schappach und Manuel Gogos aus Bern im Historischen Museum wagen. "Man sollte unbedingt…" ist der meist gehörte und am Ende meist gehasste Satz dreijährigen Recherche-Arbeit für ihr Ausstellungsprojekt. Klar, weil alle Bescheid wissen, die in der Zeit jung waren. Weil jeder seine eigene Facette zum Geschichtsbild beitragen kann. Deutscher Dogmatismus, sagt Andreas Schwab. Ihm ist er bei der rigorosen Gesellschafts- und Politikkritik der 68er begegnet - und jetzt wieder bei der Aufarbeitung der Zeit. Aber lückenlos dokumentieren, das geht nicht und ergibt auch keinen Sinn, sagt Schappach.

Beide haben für sich herausgefiltert, welche Strömungen, welche Ereignisse tatsächlich bis heute nachhallen. Und: Sie haben ihre Sicht auf Frankfurt fokussiert - dem neben Berlin wichtigsten Zentrum der Studentenbewegung.

Schief hängt das goldgerahmte Öl-Porträt eines Rektors der Münchner Uni - entstanden 1955 - an der Wand. Der Talar gleicht einem Königsmantel, die Rektorenkette einer Insignie monarchischer Macht, die aus den Fugen gerät. Unter den Talaren. . . Die alten und neuen Vordenker einer durchgelüfteten, bildungsreformierten Zeit stehen als Zeugen dabei: Herbert Marcuse, Rudi Dutschke, Max Horkheimer, Hans-Jürgen Krahl, Günter Amendt und natürlich Theodor W. Adorno - auch wenn der in gespaltenem Verhältnis zur Studentenschaft steht, nach dem berühmten "Busenattentat" keine Vorlesung mehr gehalten hat.

Bildung klar - der Wandel, den '68 angestoßen hat, ist revolutionär. Nicht erst in der Hochschule, sondern schon bei den Kleinsten: Schwarz-Weiß-Fotos von Kleinkindern, die auf Sofas hopsen, Wände bemalen, sich ausziehen - Auszüge von Erika Seiferts erster antiautoritärer Kinderschule in der Eschersheimer Landstraße.

Sie haben ausgesiebt, sich beschränkt, sagen die Ausstellungsmacher. Und doch werden sie von der Materialfülle überrollt, verstopfen das Erdgeschoss des Historischen Museums, das mit seinen niedrigen Räumen qua Architektur zwar selbst genau jenem Geist von '68 entspringt, für spektakuläre Präsentationen aber eine schlechte Kulisse abgibt.

Die 68er-Macher mühen sich redlich, verstricken sich doch unheilbar in der Falle von zu viel Material auf zu wenig Platz. Und so lotsen sie den Besucher letztlich durch eine Fülle einschlägig bekannter 60er Jahre Devotionalien, spektakulärer Bild- und Plakatdokumente und optischer Gegenüberstellungen der Konfliktfelder von damals. WG, Geschlechterrolle, Emanzipation der Frau, Schwulen- und Lesbenbewegung, Selbstverwaltung - bis heute gelebt in der Landwirtschaftskommune Longo Mai oder in der Frankfurter Karl-Marx-Buchhandlung. Alles Stichworte des Aufbruchs mit Langzeitwirkung, die die Ausstellungsmacher in Bilddokumenten und von Leihgebern überlassenen Accessoires spiegeln: Ein WG-Tisch von Tilman Schulz, Titelseiten von Konkret, Oswald Kolle. Überbordend. Und als Reizmittel mittendrin, auf Leinwand gebeamt: Mutter am Herd, Heile-Welt-Bilder aus den 50ern.

Aus dem Lautsprecher singt David Bowie "Major Tom" und Franz Josef Degenhardt die "Schmuddelkinder", während Besucher durch die vollgestellte Enge drängen. Das politische Weltgeschehen - korrespondierend zum Aufbruch in Deutschland - läuft in schlaglichtartigen Bild- und Texttafeln über grauem Umlaufband durch die Schau. Für mehr ist kein Platz. Auch nicht für Auseinandersetzung. Selbst das Ende der Betrachtung bleibt in einem schwarzen Krater Andeutung: Radikalisierung, RAF, heißer Herbst. Hier endet die Schau. Fast. Der 68er-Gast soll heiter gehen: noch ein bisschen Hippie-Mode und Haschpfeifchen - '68, das war's.

Autor:  ANITA STRECKER
Datum:  30 | 4 | 2008
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