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Begrifflichkeiten: "Neue Bundesländer"?

Der Ausdruck "Neue Bundesländer" ist immer noch in aller Munde, wenn es um die Bundesländer geht, die die DDR gebildet haben. Doch ist er 20 Jahre nach dem Mauerfall noch zeitgemäß?

Viel Streit gibt es um den Begriff Neue Bundesländer. Ist der Ausdruck noch zeitgemäß?
Viel Streit gibt es um den Begriff "Neue Bundesländer". Ist der Ausdruck noch zeitgemäß?
Foto: Foto: dpa

Berlin. "Neue Bundesländer" - 20 Jahre nach dem Mauerfall sollte man meinen, die Bezeichnung sei überflüssig. Stattdessen herrscht Überfluss: Der angestaubte Begriff ist nicht tot zu kriegen, obwohl ihn kaum einer mehr mag, wie eine Umfrage der Deutschen Presse- Agentur dpa zeigt.

"Neue Bundesländer" huscht noch immer über die Lippen von Politikern, Lobbyisten, Journalisten, selbst Geistlichen - ob Ossi oder Wessi.

"Neue Bundesländer",

wohin man hört, wenn es um Sachsen, Sachsen- Anhalt, Brandenburg, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und bei manchen auch um den früheren Ostteil Berlins geht. Es gibt einen Förderverein der Gehörlosen der neuen Bundesländer, eine Hochschulinitiative Neue Bundesländer und Pferdeliebhaber kennen den Zuchtbezirk Neue Bundesländer/Berlin des Trakehner-Verbands Deutschland.

Der Ausdruck huscht vielen immer noch über die Lippen. Eine Auswahl:

"Der wiedergewählte Bundespräsident nimmt erkennbaren Anteil am Aufbau der neuen Bundesländer." (Wolfgang Böhmer, 24.5.09)

"Der Deutsche Hausärzteverband begrüßt, dass das anhaltende Honorardefizit für die Neuen Bundesländer endlich ausgeglichen werden konnte." (11.3.09)

"Es ist denkbar, dass der Papst dann auch eines der neuen Bundesländer besuchen wird." (Erzbischof Robert Zollitsch, 16.3.09)

"Die CDU ist interessiert daran, dass die neuen Bundesländer den noch bestehenden Rückstand aufholen und dass die alten Bundesländer von den Stärken der neuen Länder erfahren." (Angela Merkel, 30.6.08)

Tiefensee: Spreche lieber von Ostdeutschland

Es gibt sogar einen Beauftragten der Bundesregierung für - was wohl? - die neuen Bundesländer. Er heißt Wolfgang Tiefensee, ist auch Bundesverkehrsminister, und hält eigentlich nicht viel von diesem Wort für das Gebiet der zusammengebrochenen DDR. "Ich spreche lieber von Ostdeutschland", sagt der SPD-Politiker. "Irgendwann hat sich das Jahr 1989 auch in sofern überholt, als da nicht neue Länder hinzugekommen sind, sondern Deutschland ist vereinigt mit Teilen, die alle eine hundert-, eine tausendjährige Geschichte haben."

Ähnliche Stimmen gibt es viele: "Wir sind nicht mehr so neu. Wenn Sie zwanzig sind, sind Sie keine zwei mehr", meint etwa Wolfgang Böhmer (CDU), Sachsen-Anhalts Landesvater, dem das Wort auch manchmal rausrutscht. Sein Schweriner Amtskollege Erwin Sellering (SPD) hält den Begriff ebenfalls für überholt, bekennt aber: "In der Wahrnehmung haben wir aber zwei Bereiche, die neuen und die alten Bundesländer - egal wie man sie nennt. Da gibt es immer noch massive Unterschiede."

Es gibt aber Menschen, die auf eine Ost-West-Unterscheidung angewiesen sind, Statistiker zum Beispiel. "Auf unseren statistischen Karten kann man oft ganz genau erkennen, wo einmal die Mauer gestanden hat", sagt Klaus Pötzsch, Sprecher des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden. So erreiche bei Löhnen und Arbeitslosigkeit der Westen mit Abstand bessere Werte, bei der Kinderbetreuung habe klar der Osten die Nase vorn. Das sei nur durch die lange Teilung zu erklären. Allerdings: Das überholte Wort "neue Bundesländer" sei nicht nötig, um das festzustellen, sagt Pötzsch. "Wir haben das in den 90er Jahre noch sehr strikt benutzt, aber wir sind laxer geworden, schreiben viel mehr von Ost- und Westdeutschland."

"Neue Bundesländer" verbieten?

Was also tun mit dem überholten Wort "neue Bundesländer"? Verbieten, selbst wenn man das könnte, wollte Tiefensee das nicht. "Wir brauchen niemandem vorzuschreiben, was er sagt." Eine nicht ganz ernstzunehmende Lösung hat der Satiriker Martin Sonneborn parat, der mit seiner PARTEI bei der letzten Bundestagswahl antrat; dahinter steht das Satire-Magazin "Titanic", dessen Redakteure die Mauer wieder aufbauen wollen. Er meint: "Wir brauchen den Begriff nicht. Wir werden uns von dem Begriff wie von den neuen Bundesländern selbst trennen."

Doch so leicht ist das Wort nicht unterzukriegen. Sein Erfolg habe damit zu tun, dass es einigermaßen politisch korrekt sei, meint der Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser, der durch die Wahl des "Unworts des Jahres" bekanntgeworden ist. Deshalb sei der Begriff in Parteien, Verbänden und Medien so beliebt, während auf der Straße einfach "Osten" oder "drüben" zu hören sei.

Hauptgrund für die Zähigkeit des Wortes sei aber unsere Bequemlichkeit. Schlosser ist deshalb sicher, dass wir noch lange "neue Bundesländer" sagen werden. "Das ist wie mit dem Sonnenaufgang. Den nennen wir immer noch so, obwohl seit langem klar ist, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht." (dpa)

Autor:  Burkhard Fraune, dpa
Datum:  4 | 8 | 2009
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