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Buchautor Uwe Soukop im Interview: Warum schoss Kurras?

"Der Polizei-Skandal soll elegant über die Mauer in den Osten entsorgt werden": Autor Uwe Soukup über den Tod Benno Ohnesorgs, die Stasi-Tätigkeit des Schützen Kurras und Versuche der Springer-Presse, die Geschichte umzuschreiben.

Uwe Soukup  ist freier Journalist und Autor des 2007 erschienenen Buches Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2. Juni 1967 (Verlag 1900).
Uwe Soukup ist freier Journalist und Autor des 2007 erschienenen Buches "Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2. Juni 1967" (Verlag 1900).
Foto: privat

Muss die Geschichte des 2. Juni 1967 und der 68er-Bewegung nach den Stasi-Enthüllungen über Karl-Heinz Kurras umgeschrieben werden?

Wenn überhaupt, dann nur am Rande. Denn das, was die Studenten, die sich damals radikalisierten, wahrnehmen konnten, war Folgendes: Der West-Berliner Polizist Kurras hatte geschossen und einen der ihren getötet. Der Polizist wurde von der West-Berliner Polizei und Justiz geschützt, auch die Politik und Teile der Presse ergriffen für ihn Partei. Und schließlich wurde Kurras auch nicht verurteilt. Für die Studenten war das ein erschreckendes und eindeutiges Bild. Wenn jetzt die Stasi-Tätigkeit des Polizisten bekannt wird, könnte der Schluss naheliegen, dass die Stasi die Eskalation ausgelöst hat - doch es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Stasi das gewollt hat.

Warum?

Das wäre unsinnig gewesen. Man muss sich doch fragen, warum die Stasi ausgerechnet ihrem besten Agenten im West-Berliner Sicherheitsapparat einen solchen Tötungsauftrag geben sollte - denn es war ja klar, dass der Mann nach einer solchen spektakulären Tat als Spion verbrannt sein würde. Man müsste ihn abschalten, was ja dann tatsächlich auch geschah.

Gibt es denn in den Stasi-Akten einen Hinweis auf einen Tötungsauftrag?

Nein. Im Gegenteil: Wenige Tage nach der Tat vermerkte die Stasi in einem internen Bericht, dass es ein Verbrechen war, später war auch vom "Mörder" die Rede. Und auch eine zweite Frage muss man sich stellen: Wenn Kurras einen Tötungsauftrag hatte, warum setzte er sich nach der Tat nicht nach Ost-Berlin ab, um einem Gerichtsverfahren zu entgehen?

Haben Sie denn eine Erklärung, warum Kurras schoss, wenn er es weder im Auftrag des Westens noch im Auftrag des Ostens tat?

Die große Frage steht weiter im Raum. Vielleicht liegt die Antwort in seiner Persönlichkeit - zumindest muss man die Schieß-Sucht dieses Mannes mit in Betracht ziehen. Waffen und Uniformen waren das Faible des Menschen Kurras, sein Waffentick ging soweit, dass er seinem Sohn zu dessen zehnten Geburtstag eine Waffe geschenkt hat, damit sie gemeinsam schießen konnten.

Konservative Historiker wie Arnulf Baring fragen, ob die Stasi Kurras zu den Schüssen "ermuntert" habe, auch um propagandistisch von der "Entlarvung des faschistischen West-Berliner Polizeiapparats" zu profitieren. Dann wäre die Studentenbewegung quasi ferngelenkt entstanden.

Da steckt wohl das Interesse dahinter, den West-Berliner Polizeiskandal von 1967 elegant über die Mauer in den Osten zu entsorgen. Auch die Springer-Presse, die immer Verständnis für den Polizisten Kurras hatte, schreibt nun alles Negative über diesen Mann auf. Denn jetzt ist Kurras ja der Schurke des Ostens. Doch nicht die Stasi hat die 68er-Bewegung ausgelöst, sondern vermutlich ein durchgeknallter Waffennarr in den Reihen der West-Berliner Polizei, der auch beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR im Sold stand.

Interview: Hans-Hermann Kotte

Datum:  26 | 5 | 2009
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