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Bundestagspräsident Norbert Lammert: "Parlamente produzieren zu viele Gesetze"

Was ist deutsch? Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht im FR-Interview über Politiker im TV-Studio und die Fußball-WM bei Matthöfers.


Foto: dpa/ddp

Sie kommen aus Bochum, sind in einer Großfamilie mit sieben Kindern aufgewachsen: Warum sind Sie eigentlich nicht zur SPD gegangen?

Ich hätte durchaus in die SPD geraten können, jedenfalls mit Blick auf die Region, denn das Ruhrgebiet ist traditionell sozialdemokratisch orientiert. Mein familiärer Hintergrund war aber ein anderer. Wer aus einer selbst- ständigen Handwerkerfamilie kommt, für den ist der Weg zur CDU jedenfalls nicht länger als zur SPD. Natürlich, ich kann mich gut an meine Studienzeiten erinnern: Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum, in der unmittelbaren Nachfolge von -68. Dort war ich als Nichtlinker ein Exot.

Schon 1968 politisch aktiv, aber kein 68er: Norbert Lammert.
Schon 1968 politisch aktiv, aber kein 68er: Norbert Lammert.
Foto: dpa

Wann sind Sie zum ersten Mal mit Deutsch-Sein konfrontiert worden?

Erst mit über 20 Jahren. Die Frage nach der eigenen nationalen Identität stellt sich ja häufig erst im Ausland. Allerdings hatte ich schon in meiner Schule das Rüstzeug erlernt, mich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich hatte einen beeindruckenden Politiklehrer, der mein Verständnis von Demokratie sehr geprägt hat.

Warum hat er Sie so beeindruckt?

Der war ein klassischer Wechselwähler und damit eine damals seltene Ausnahme, politisch engagiert und trotzdem mit Distanz zu den Parteien. Heute gibt es sehr viele Wechselwähler, die sich aber nicht notwendigerweise als politische Menschen verstehen.

War dieser Lehrer Kriegsteilnehmer?

Von Lebensalter her sicher. Die traumatische Erfahrung der Nazizeit hat ihm eingeschärft, Politik nicht einfach der Obrigkeit zu überlassen, sondern kritisch hinzuschauen, sich auch selbst zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen.

War der Krieg Thema in der Schule?

Nicht seine persönlichen Kriegserlebnisse. Aber ich hatte das Glück, in seinem Unterricht auch die jüngere deutsche Geschichte kennenzulernen. Viele meiner Generation bekamen solche Chancen nicht. Denn damals wurde über die nationalsozialistische Herrschaft noch meist geschwiegen.

Auch in der Familie Lammert?

Nein, diese Zeit war kein Tabuthema. Meine Großeltern und meine Eltern stammen aus einem stark kirchlich geprägten Milieu, in dem es ohnehin keine Begeisterung für den Nationalsozialismus gab, sondern eine mehr oder weniger offene, behutsame Distanz. Das hat es vielleicht leichter gemacht, mit den Ereignissen und den eigenen biografischen Erfahrungen umzugehen.

War 1954 für Sie ein Schlüsseljahr, die Fußball-Weltmeisterschaft in Bern?

Nein, damals war ich noch keine sechs Jahre alt. Aber bei der WM 1958 hockten wir alle wie gebannt vor dem Fernseher. Wir selbst besaßen keinen, wohl aber die Matthöfers im gleichen Haus. Das war übrigens die Familie des späteren SPD-Bundesfinanzministers. Witzigerweise sind wir uns dort nie über den Weg gelaufen. Erst später, als wir beide im Bundestag waren. Hans Matthöfer war rund 15 Jahre älter als ich. Das erste Fernsehgerät der Lammerts kam dann zum Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 ins Haus. Da war dann der Patriotismus auch in unserer Familie etabliert.

1964 treten Sie in die Junge Union ein. Ein Akt, der damals nicht wahnsinnig populär war.

Das ist er heute immer noch nicht.

Muss man sich ein kleines Häuflein von Christdemokraten wie Sie vorstellen, die sich zusammengerottet hatten gegen den Mainstream von Sit-Ins und Teach-Ins und Smoke-Ins?

Nein, ich habe damals nicht den Ehrgeiz gehabt, gegenüber den linken Politritualen eine alternative Mode zu etablieren.

Wurden Sie angefeindet?

Natürlich gab es heftige Auseinandersetzungen. Minderheiten haben es nie leicht - diese Erfahrung von damals habe ich mir bis heute zu Herzen genommen. Typisch deutsch ist wohl die Neigung von Mehrheiten, das Vorhandensein dieser Mehrheit für den Nachweis der Richtigkeit ihrer Meinung zu halten. Das ist schon logisch Unsinn. Aber das war damals beispielsweise bei den Linken extrem ausgeprägt und ist übrigens auch in rechten Kreisen verbreitet. In einer demokratischen Ordnung entscheiden Mehrheiten, was gilt, und eben nicht über Wahrheitsansprüche.

Ist in der Berliner Republik von heute eigentlich noch ein vertrauensvoller Diskurs zwischen Politikern und Journalisten möglich?

Doch, es gibt solche Gespräche zwischen Menschen auf beiden Seiten, die sich kennen und gegenseitig vertrauen. Nur sind solche Gespräche selten öffentlich. Anders ist die Sache bei Interviews, da sehe ich viel Vorsicht am Werk, oft auch Misstrauen. Die Atmosphäre wird durch einen Megatrend in allen Medien belastet: eine immer stärkere Dominanz der Bilder gegenüber den Texten, der Überschriften gegenüber den Informationen, der Personalisierung gegenüber den Sachverhalten, der Schnelligkeit gegenüber der Sorgfalt.

Geht das auf Kosten der journalistischen Qualität?

Zweifellos. Auch viele Journalisten empfinden diesen Missstand ähnlich. Er ist die Folge eines immer härteren Wettbewerbs. Allein die Zahl der in Berlin akkreditierten Journalisten dürfte etwa dreimal so hoch sein, als das in Bonner Zeiten der Fall war. Die müssen mit ihren Nachrichten schneller auf dem Markt sein als der Kollege von der Konkurrenz. Das ändert sicher das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten.

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Datum:  25 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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