kalaydo.de Anzeigen

Daniel Cohn-Bendit: Ich bin ein Held

Daniel Cohn-Bendit über die 68er, Götz Aly und die Eitelkeiten der Aufbegehrenden. Der Politiker gesteht: "Ich bin nicht nostalgisch." Er ist froh, dass die Zeit der Studentenrevolte Geschichte ist.

Die Franzosen haben über 200 Jahre gebraucht, um die Debatte über die Französische Revolution zu beenden. Ich habe mir vorgenommen, dass ich das in meiner Lebenszeit schaffe, die Debatte um 68 zu beenden.
"Die Franzosen haben über 200 Jahre gebraucht, um die Debatte über die Französische Revolution zu beenden. Ich habe mir vorgenommen, dass ich das in meiner Lebenszeit schaffe, die Debatte um 68 zu beenden."
Foto: Christoph Boeckheler

Herr Cohn-Bendit, was fällt Ihnen zuallererst zu 1968 ein?

Dass es vorbei ist.

Zur Person
Mehr zum Thema

Die Internationalität des Aufbegehrens 1968 verbindet sich bis heute mit Dany Cohn-Bendit. Er gehörte in Paris wie in Frankfurt am Main zu den Wortführern den Bewegung.

Als "Dany, le rouge" ist der 1945, wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in Frankreich Geborene in die Geschichte des Aufruhrs eingegangen: Ein wortgewandter Mann auf den Barrikaden in Paris und auf den Straßenbahn-Gleisen in Frankfurt - von der Polizei als unberechenbarer Anarchist gefürchtet, von den Stalinisten und Maoisten als Unorthodoxer verachtet, als Showman von den Situationisten verhöhnt, als Schwiegersohn von vielen bürgerlichen Müttern geliebt.

Eine politische Heimat fand der in Frankfurt lebende Cohn-Bendit schließlich bei den Grünen. Für diese Partei rückte er in einer rot-grünen Stadtregierung am Main als ehrenamtlicher Stadtrat an die Spitze des 1989 geschaffen Amtes für Multikulturelle Angelegenheit. Einer Behörde, wie sie es bis dahin nirgends gegeben hatte und deren Ruf er bis heute begründete.

Für die Grünen sitzt er im Europäischen Parlament. Seit Januar 2002 ist er Co-Vorsitzender der Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz. Er gehört dem Ausschuss für Wirtschaft und Währung sowie dem parlamentarischen Ausschuss für konstitutionelle Fragen an.

Das FR-Online-Spezial-1968: Aktuelle Artikel zum Thema und die Originalausgaben der FR von damals, Bilder aus Vietnam, Musik-Quiz, Lesergeschichten.

Macht Sie das glücklich?

Es macht mich völlig zufrieden und glücklich. Die Franzosen haben über 200 Jahre gebraucht, um die Debatte über die Französische Revolution zu beenden. Ich habe mir vorgenommen, dass ich das in meiner Lebenszeit schaffe, die Debatte um 68 zu beenden.

Straßenschlachten in Paris

Bildergalerie ( 29 Bilder )

Am Ende der Debatte über die Revolution hat der Historiker Francois Furet gesagt: Nach dem Fall der Mauer müssen wir zentrale Begriffe wie die Freiheit im Grunde wieder neu definieren.

Das gilt für 1968 genauso. Das Uninteressanteste ist, die Schlachten von gestern wieder zu schlagen. Dagegen hat Götz Aly einen starken Akzent gesetzt, wenn auch mit einer merkwürdigen These.

Einer absurden These?

Alys These ist unsinnig. Aly hätte schreiben sollen: ,Memoiren eines Arschlochs’. Und er hätte über sich selbst sagen sollen, er sei damals unmöglich gewesen, schäme sich heute dafür, und arbeite das deswegen auf. Mit der gleichen Radikalität von damals, aber jetzt gegen ihn selbst gerichtet. Dann wäre dieses Buch völlig in Ordnung. Die Geschichte mit den Kindern der Nazis greift aber zu kurz. Schließlich gab es totalitäre Elemente auch anderswo in Europa. Man kann nicht immer allein auf die Nazi-Zeit zurückgreifen.

Aber gab es 1968 auch in anderen europäischen Ländern eine vergleichbare Faszination von Gewalt?

Eine vergleichbare Faszination allerdings. Ich nenne ein Beispiel: In der Universität in Nanterre trat 1968 ein Mitglied der Kommunistischen Partei auf, wollte reden und dann kamen die Maoisten, um ihn zu verjagen. Da habe ich mich vor ihn gestellt und denen gesagt: Freunde, jeder Idiot darf das sagen, was er will. Wir können nicht sagen, wir sind für Freiheit und greifen dann zu solchen Mitteln, die wollten den verprügeln. Das waren nicht Hitlers Kinder - das waren Maos Kinder.

Ist Alys Buch denn mehr als eine Provokation?

Nein, das macht er in bester 68er Manier und es ist ihm gelungen. Das heißt: Er braucht sich gar nicht zu distanzieren, er ist ein 68er geblieben. Es gibt interessante Dinge in seinem Buch. Genauso ist es Peter Schneider gelungen, eine schöne, einfühlsame Geschichte zu erzählen. Dem muss man allerdings auch sagen: Peter, Du bist wie viele 68er unerträglich eitel. Ich einschließlich.

Also alles eine Überschätzung?

Es sind konkrete Menschen, die das gemacht haben. Mit allen ihren Emotionen. Beim Rudi oder bei mir. Uninteressant an der heutigen Debatte ist, dass sie in allen Ländern sehr national geführt wird. Als könnte man das so betrachten. Damit reduziert man sich aber auf einen Teilaspekt der Geschichte. So etwas finde ich langweilig. 1968 ist die Revolte der nach dem Krieg geborenen Generation gegen die Kriegsgeneration. Das stimmt für Polen, die Tschechoslowakei, Frankreich, Deutschland und für die USA.

Also international die Solidarität der Nachkriegsgeneration?

Im Mittelpunkt steht die antiautoritäre Revolte. Die Jungen haben gesagt: Die autoritäre gesellschaft, in der ihr euch eingerichtet habt, provoziert unseren Widerstand. Zum Teil durchaus wahnwitzig: Etwa die Parteinahme für die Kulturevolution Maos. Das ist doch Gaga gewesen. Ebenso die Sehnsucht nach Freiheit in Kuba oder Albanien orten zu wollen. Oder Nordkorea. Alles völliger Unsinn. Man muss trennen, was die Generation an emanzipativen Wünschen formuliert und wie verkrüppelt sie das politisch artikuliert hat. Das ist eine interessante Auseinandersetzung.

Lässt sich in Analogie zur heutigen Globalsierungskritik erwarten, dass sich daraus eine breitere Bewegung formt?

Die Strukturanalogie, die man machen muss, ist folgende: Die Globalisierungskritiker finden sich in dem gemeinsamen Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Deswegen ist ihr Spruch: Eine andere Welt ist möglich. Aber sie können nicht mehr sagen: Eine andere Welt ist möglich, Mao Tse Tung, das klappt eben nicht mehr. Dabei stecken die heutigen Globalisierungskritiker in den Begriffen der 80er Jahre. Weiter zu kommen, ist ihnen noch nicht gelungen. Wir Libertären waren immer fein raus, weil wir uns an den Loosern der Geschichte orientiert haben. Da gab es allerdings keine großen Perspektiven.

Die Doktrinären aber hatten blinde Flecken?

In Frankreich hatten die Studenten De Gaulle und die Kommunisten gegen sich. In Deutschland steckten sie in der Falle der Springer-Presse. Ich kann mich an eine der erste Demonstrationen in Frankfurt gegen den Vietnam-Krieg erinnern. Damals hielt man uns entgegen: Wenn ihr nicht zufrieden seid, dann geht doch nach drüben. Die haben ich zurück geschrieen: Wenn ihr nicht zufrieden seid, dass es hier Demonstrationen gibt, dann geht doch nach drüben, dort gibt es keine. Da haben mich alle mit großen Augen angeguckt. Für mich war völlig klar: Der bessere deutsche Staat ist die BRD, das andere ist ein totalitärer Staat. Das war für einen SDSler unerträglich.

Was ist der Unterschied zwischen Paris und Frankfurt im Jahr 1968?

Paris ist eine Hauptstadt, Frankfurt Provinz. Auf den hiesigen Versammlungen wurde viel über die Emanzipation der Arbeiterklasse und Adornos Dialektik der Aufklärung geredet, das war der Überbau. In den Wohngemeinschaften wurde über das Ich und das Du geredet, wie es mit den Eltern gewesen ist. Der Überbau ging manchmal über die emanzipativen Potenziale hinweg.

Was war das Spezifische an Frankfurt?

Frankfurt stand unter dem Einfluss der Kritischen Theorie. Und Frankfurt hatte einen ganz starken Überbau. Deswegen empfanden sich die Frankfurter stets auch als die eigentlichen Theoretiker der antiautoritären Bewegung. Dagegen waren die Berliner die durchgeknallten Aktionisten. Dazwischen stand Rudi Dutschke.

Vergleichen Sie doch bitte mal: Vor zehn Jahren trugen viele 68er noch heldenhafte Züge, heute hat man doch viele auf die Erde zurückgeholt.

Wer sind denn die 68er? Wer ist geerdet ...

Kommen wir mit den 68ern in der Frage der Freiheit und der Partizipation heute noch voran?

Das sind alles große Sätze, aber wer sind die Helden? Journalisten kommen heute wie vor zehn Jahren mit der gleichen Masche: Ihr seid doch nostalgisch, ihr kommt aus eurer Zeit nicht raus. Ich bin nicht nostalgisch.

Hat doch keiner gesagt. Wir haben Sie doch gar nicht als Held bezeichnet.

Weiß ich, aber ich bin immer noch ein Held. Ich hätte zu 68 nichts mehr gesagt. Verlage wollten das schon vor zwei Jahren von mir. Dann aber hat Sarkozy in der letzten Phase seines Präsidentschafts-Wahlkampfs eine Rede gehalten und gesagt: Wir müssen das Erbe von 68 liquidieren. Da habe ich gesagt: Das kann ich nicht akzeptieren. Deswegen meldete ich mich zu Wort. Aber klar ist: 1968 ist vorbei, wir haben eine andere Welt und andere Probleme. Das, was sich geändert hat, nehmen wir heute für selbstverständlich. 1965 konnte eine Frau ohne die schriftliche Erlaubnis ihres Ehemanns noch kein Bankkonto eröffnen.

Das ist vorbei.

Das heißt aber nicht: 68 habe nicht gewirkt. Es hat so gut gewirkt, dass es jetzt vorbei ist. Heute leben wir in einer anderen Zeit, die Autonomie der Anderen, ihr Selbstverständnis, das ist doch jetzt etwas ganz anderes. Neulich haben wir, meine Freunde und ich, hier in Frankfurt zusammen gesessen, über 68 geredet und da fing jeder an zu erzählen, wie er damals zuhause verprügelt worden ist. Völlig unverstellbar heute. Das muss man aber im Kopf haben. Heute haben wir andere Probleme. Ich will nicht sagen, wir leben in einer freien Gesellschaft.

Wie hätten Sie es denn gern, dass man über 1968 redet?

Überlasst das den Historikern. Und wünschen wir uns, dass die Schriftsteller oder die Filmemacher, also die großen Erzähler, sich 1968 annehmen. Weil sich doch vieles gar nicht findet in den Unterlagen. Ich meine die Emotion. Das kann nur die Literatur. Es gibt zu wenig Kunst, die uns das vermitteln will.

Es ist Ihr Geheimnis bis heute, dass Sie anders als mancher Maoist oder Leninist stets voller Leidenschaft erscheinen?

Weiß ich nicht. Vorige Woche habe ich eines der bewegendsten Momente meiner Verarbeitung von 1968 erlebt. Das war unglaublich. Ich habe mich mit dem ehemaligen Polizeipräsidenten von Paris getroffen, Monsieur Grimaud, heute 94 Jahre alt. Ich kam in seine Wohnung und er umarmte mich und sagt: Dany, endlich. Er sagt zu mir: Mein großes Problem war es, Nachfolger von Papin zu sein, des Kollaborateurs, den man später wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt hat. Wie sollte ich als Linker euch klar machen, sagte Grimaud, dass Polizeipräsident nicht gleich Polizeipräsident ist. Das können wir erst heute verstehen.

Konnten Sie denn damals diese Differenzierung überhaupt nachvollziehen?

Nein, das ist die Verarbeitung. Heute finde ich nervig, dass man ständig sagen muss: Bist du dafür oder dagegen gewesen. Das ist völlig uninteressant.

Aber brauchte es nicht damals eine gewisse Rigorosität? Man kann rigoros sein, ohne totalitär zu sein.

In einem Glossar der Situationisten werden Sie Anfang Juni 1969 so charakterisiert: "Es ist wahr, dass Bruder Daniel Momente von Intelligenz hatte, aber das natürlich im Kontrast zu den bürokratischen Schweinen, in deren Begleitung er dauernd auftritt. Er ist ein guter Showman, der immer lebendiger, smarter und liebenswürdiger als seine Streitgenossen erscheint. Aber die Intelligenz des Showman ist die Dummheit des Revolutionärs".

Die Situationisten sind unheimlich spannend zu lesen, aber unerträgliche Menschen. Die haben sich permanent gegenseitig ausgeschlossen.

Aber stimmt diese Charakterisierung Ihrer Person?

Eine wunderbare Beschreibung. Aber die kapieren nicht, dass sie selbst in ihrem Handeln die gesamte Langeweile des Revolutionärs widergespiegelt haben.

Interview: Anita Strecker und Matthias Arning

Datum:  29 | 4 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken