"Meine Ortschaft" bezeichnet nicht Weiss reale, dafür aber seine poetologische Heimat sehr genau. Zwar habe er selbst nichts in dieser Ortschaft erfahren, doch sei es "eine Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam". Dieser Ort war Auschwitz, Weiss Text beschreibt das erhaltene Lager minutiös - besucht hatte er Auschwitz damals allerdings noch nicht. Aber die Identifikation mit dem jüdischen Schicksal wurde für ihn ein Angelpunkt seiner Poetik und Moral.
Weiss war 1916 in der Nähe von Berlin geboren worden, getauft und konfirmiert, erst kurz vor der Emigration 1934 erfuhr er, dass er väterlicherseits jüdischer Herkunft war. Über London, Böhmen und die Schweiz emigrierte er 1939 nach Schweden, wo er bis zu seinem Tod 1982 lebte. Weiss war nie Deutscher gewesen, aber er wurde, nach vielen erfolglosen Versuchen erst in schwedischer und dann in deutscher Sprache, ab 1960 ein berühmter deutscher Schriftsteller.
Verklausuliert biografisch, pathetisch-existenziell, überbordend und surrealistisch, ohne Interesse für gesellschaftliche oder politische Realitäten hatte Weiss zu schreiben begonnen. Nur ein paar Jahre später hatte er dann wesentlichen Anteil an der kurzen Blüte des Dokumentartheaters. Am Auschwitz-Prozess nahm er ab 1964 einige Male als Beobachter teil. Seine wesentliche Quelle für "Die Ermittlung" wurden aber die Prozessberichte von Bernd Naumann. Das Lagerleben wird in der "Ermittlung" sehr detailliert vergegenwärtigt, das Stück ist eine genaue Bestandsaufnahme, "wie die Menschen sich damals verhalten haben".
Weiss übernahm dazu fast wörtlich die Zeugenaussagen des Prozesses, neun namenlose Personen stellten die etwa 300 Zeugen dar. Die elf Gesänge des Stücks, der erste kam "von der Rampe", der letzte "von den Feueröfen", die Deutlichkeit, mit der die Tötungsmaschinerie beschrieben wurde, waren damals unerhört.
Für einen kurzen Moment, von dem das Theater bis in die achtziger Jahre zehrte, war es mit solchen Stücken Leitmedium der gesellschaftlichen Aufklärung. Die Uraufführung fand am 19. Oktober 1965 an 15 west- wie ostdeutschen Bühnen statt, unter anderem wurde "Die Ermittlung" von Erwin Piscator an der Freien Volksbühne in Berlin aufgeführt, in London gelesen und im deutschen Fernsehen übertragen.
Schnell geriet es zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Die eine Seite warf Weiss, dem "Dramen schreibenden Partisan", vor, er "verspritze die Propaganda eines unmenschlichen Regimes", nämlich des Kommunismus, auf der anderen Seite wurden militärische Manöver als Konsequenz aus seinem Theaterstück dargestellt. Für Weiss selbst war das Drama der erste Anstoß zur Aufarbeitung einer kollektiven traumatischen Erfahrung. alz