An einem Montag im November geht Franz Beckenbauer in ein Einkaufs-Paradies am Stadtrand und herzt einen Mister-Minit-Kunden. Dann eilt er zu seiner Frau, die heute an Kasse elf arbeitet, um sich den Schlüssel fürs gemeinsame Auto zu holen. Dann bestellt er sich vorne am Imbiss-Eck ein Schnitzel mit Fertigsoße für dreifünfundneunzig. Dann setzt er sich und sagt: "Geld ist nicht alles."
Und spätestens hier wird klar, dass an dieser Geschichte irgendetwas nicht stimmt.
Schauen wir uns den Mann, der da gerade lustvoll in seine Panade sticht, also noch mal genauer an. Er ist grau geworden mit den Jahren und etwas fülliger um die Knubbelnase.
Er hat eine helle, sanfte Stimme, die man so nicht erwartet hätte. Und wenn er läuft, dann wirkt er ein bisschen wie ein Revolverheld, dem das Pferd unterm Sattel davon galoppiert ist. Das kann aber auch an den nietenbesetzten Coloradostiefeln liegen, die keck über den Linoleumboden klackern.
Kurzum: Der ganze Mann ist so ziemlich das Gegenteil von Franz Beckenbauer. Das ist nicht der Kaiser - das ist nur der Peter, Nachname Ducke, 68 Jahre alt, und eine, wenn nicht die Legende des Ostfußballs.
Peter wer? Tja, da geht sie schon los, die etwas merkwürdige Geschichte des deutschen Stürmerstars Peter Ducke, dreifacher Meister, dreifacher Pokalsieger, 225-facher Torschütze, Sportler des Jahres, Träger des Vaterländischen Verdienstordens und in einem halben Deutschland bis heute ein Idol. In der anderen Hälfte ein Niemand. "Ach", sagt Ducke, wenn man ihn darauf anspricht - "was solls?"
Hier in Jena, wo er vor genau 50 Jahren aus dem nichts zu jemandem wurde, ist er doch bis heute so etwas wie ein ungekrönter König. Seine Fußabdrücke, Größe 42, hängen oben im Vereinsheim von Carl Zeiss. Er kriegt Fanpost von werweißwoher, erst kürzlich sogar aus China, von einem Herrn Yang oder Pang oder so.
Die Frauen, Mütter inzwischen, manchmal auch Omas, gestehen ihm, dem "schwarzen Peter", noch immer leicht errötend ihre Liebe. Die Männer tuscheln, Mensch, der Ducke, Mai ´63, das Einsnull gegen England, weeßte noch? Das ist doch nicht nichts. Dass die drüben ahnungslos sind. Ja mei, würde der Kaiser sagen. Man gewöhnt sich daran. Man gewöhnt sich an vieles in 20 Jahren.
Dabei hätte alles ja auch anders kommen können. Herbst ´45, die Flucht aus Bensen, Sudetenland, der kleine Peter vier Jahre alt. Drei Dampfer sind damals losgefahren über die Elbe, zwei schwammen nach Hamburg, einer hielt in Schönebeck, Thüringen, sowjetisch besetzte Zone. An Bord: Familie Ducke. "Mensch", sagt der Peter noch heute oft zur Schwester, "stell dir vor, der Vater fährt weiter..." Der Vater aber bleibt und findet eine Wohnung gleich neben dem Sportplatz. Stell dir vor.
Aber was heißt Sportplatz? Ein Schlackefeld war das, ein Steinacker, mit faustgroßen Hindernissen. Da musst du schnell sein und Haken schlagen und den Ball immer ganz dicht am Fuß führen. Da musst du einstecken können. Da darfst du nicht jammern. Dann wird vielleicht was aus dir. Und wenn du einen großen Bruder hast, der auch ein toller Fußballer ist und dir die Tür öffnet, dann kannst du es wirklich schaffen. Fußballer, Traumberuf, auch in der DDR.
Von 1959 an kicken sie zusammen beim SC Motor Jena, später Carl Zeiss: der Roland und der Peter - der große im Mittelfeld, Antreiber und Ballverteiler, der kleine ganz vorne, Sturmquirl und Schwindligspieler. Einer, der immer das macht, was er gerade nicht machen soll, stur, bockbeinig, jähzornig, aber meistens erfolgreich.
Im Kopf und mit den Beinen immer eine Spur schneller als die anderen. So wie heute der Messi, den er dafür bewundert, wie er Haken schlägt und den Ball immer ganz dicht am Fuß führt und nicht jammert. Unterordnen ist Duckes Sache nicht. Er ist Einzelkämpfer im DDR-Kollektiv. "Ich war schlecht zu überzeugen."
Ducke macht sich nicht nur Freunde damit. Während daheim in Jena sein Mentor und Trainer Georg Buschner die schützende Hand über ihn hält, streiken in der Nationalmannschaft, für die er 68 Mal spielen wird, einmal sogar die Mitspieler: Der Ducke gibt nicht ab, der Ducke macht alles allein.
Mitte der 60er wird seinetwegen eine Krisensitzung einberufen, in Kienbaum, Sportleistungszentrum, ganz nah an Berlin, sogar vom Politbüro reisen welche an. Man weiß sich nicht anders zu helfen, der Ducke wird vorübergehend gesperrt. Er verspricht Besserung. "Ich werd mir Mühe geben", sagt er. Dann macht er weiter wie bisher. Eigenwillig, aufmüpfig - auf dem Platz und jenseits davon. Man wird ihn dafür noch häufiger schikanieren.
Die Menschen aber lieben ihn, den Rebell in kurzen Hosen, der noch dazu unverschämt gut aussieht. Schwarze Haare, kesse Koteletten, blaue Augen, stell ihn dir im Anzug vor: Sein Name ist Ducke, Peter Ducke, er hat die Lizenz zum Schießen. Und er trifft, wo immer er hin kommt.
Verbissen kämpft er sich auch nach seinem komplizierten Schien- und Wadenbeinbruch 1966 in Mexiko zurück an die Spitze. Rackert und foppt seine Gegner, glänzt gegen Olympique Marseille, gegen Atletico Madrid, gegen AS Rom, es ist die große Zeit von Carl Zeiss Jena im geteilten Europa. Und es ist auch die große Zeit der DDR-Auswahlmannschaft.
1972, in München, holen sie Olympia-Bronze. Und 1974, in Hamburg, der Sieg gegen den Klassenfeind. 1:0 im deutsch-deutschen Duell. Ducke ist dabei - aber es wird trotzdem einer der dunkelsten Tage seiner Karriere.
Stell Dir vor es ist WM - und Du darfst nicht hin
Er sitzt auf der Ersatzbank, nur auf der Ersatzbank. Er, die Nummer eins im DDR-Sturm, ist mit verletztem Knie angereist. Er darf nur zuschauen an diesem 22. Juni. Es hätte sein Spiel werden sollen. Jetzt wird es das von Jürgen Sparwasser. Den kennt man heute sogar im Westen. Ducke heult nächtelang. Stell dir vor, es ist WM - und du darfst nicht hin.
Es hätte noch genügend andere Gelegenheiten gegeben, zum Weltstar zu werden. Viel später hat er es in seiner Stasi-Akte gelesen, unterarmdick. Werder Bremen, HSV, Hertha, sogar Barcelona waren interessiert damals. Es gab etliche offizielle Anfragen aus dem Westen, sie wurden allesamt abschlägig beschieden.
Ducke wurde nicht gefragt. Er hatte es geahnt, immer wieder war er ja mit der Nationalmannschaft im Ausland, fand Briefe auf seinem Hotelbett, wir können alles regeln, Sie müssen nur ja sagen. Einmal, 1962 in Malmö, zeigt ihm ein Anzugträger einen Koffer mit 80.000 Mark, West. Wenn Sie Interesse haben...
Das hört nicht auf, Chile, Argentinien, Herr Ducke, wenn Sie vielleicht eine Minute? Das hätte ihn gereizt, oh ja, gerade Südamerika, er war ja selbst so was wie der Pele des Ostblocks. Er fliegt dann doch zurück nach Schönefeld. Sogar 1975 machen sie ihm in Marseille noch ein Angebot. Da ist Peter Ducke 34 Jahre alt. Er lehnt ab.
Warum? Weil er Regimefreund war? "Ach", sagt da wieder Ducke, "Regimefreund. Ich war nie Regimefreund. Ich wäre aber auch in Holland oder der BRD kein Regimefreund gewesen." Sie hätten es ja versucht, immer wieder.
Im "Schwarzen Bär", seinerzeit so etwas wie die Stammkneipe der Jenaer Stasi, hätten regelmäßig so genannte Anwerbegespräche stattgefunden, ob er vielleicht mal etwas genauer hinhören könne, wenn man im Kollegenkreis im Ausland kicke? "Politik!", ruft Ducke, immer unruhig, immer in Bewegung, "das geht mir alles hier vorbei!"
Viel später ist zwar eine Akte aufgetaucht über IM "Jens Bensen" - aber ein Stasi-Major beteuerte öffentlich, man habe sie ohne das Wissen des Fußballers angelegt.
Nein, sagt Ducke, "ich wollte Fußball spielen, sonst nichts". Er steht jetzt wieder auf dem Rasen, den er 18 Jahre lang beackert hat. Jena, das Ernst-Abbe-Sportfeld, es tröpfelt. Es ist ein schöner, satter Rasen, er war es immer, der Boden, die nahe Saale, man hat sie beneidet darum im Osten.
Duckes Cowboystiefel sinken tief ein ins Gras, er federt, er tänzelt. Er wird wohl gleich losrennen mit seinen 68 Jahren. Und man wird nicht hinterher kommen. Die 100 Meter hat er früher in 11,4 Sekunden geschafft. "Hier hatte ich doch alles", sagt Ducke. Die ganzen Privilegien als Spitzensportler. Ein Skoda S100, Telefon, ´ne schöne Wohnung und als einer der ersten Farbfernseher.
Mit dem Overath kabbelt er sich noch heute manchmal. "Sag mal, Peter, du hättest doch viel mehr Kohle machen können" - "Mensch Wolfgang, ich hatte doch 1000 Mark im Monat" - "Das ist alles?" - "Das reicht doch!"
Und dann seine Familie. Er war ja damals schon verheiratet, hatte einen Sohn. Und die Freunde. Und die Fans. Nee, nee, sagt Ducke. "Ich hab mir das zwar immer angehört, ich wusste aber schon im Inneren, das kommt für dich nicht in Frage."
Wenn er heute zwischen Kap Arkona und Fichtelgebirge seine Fußballcamps für die Kleinen gibt, die von den Großen gebracht werden mit leuchtenden Augen, dann denkt er: "Mensch Peter, hast alles richtig gemacht."
Er hat nach der Wende noch eine Weile als Lehrer gearbeitet und lebt heute mit seiner dritten Frau auf dem Land, in einer bescheidenen Wohnung, auf deren Dachbalken sich Fußball- und Indianerfundstücke - sein zweites großes Hobby - abwechseln. Mehr, findet Ducke, muss man nicht wollen.
Und dass ihn drüben im Westen niemand kennt, das stimmt so ja nun auch nicht mehr. Schon vor zehn Jahren immerhin ist er von deutschen Sportjournalisten als einziger Ossi unter die zehn besten Spieler des Jahrhunderts gewählt worden. Platz neun, zusammen mit Jürgen Klinsmann. Ganz vorne? Natürlich Beckenbauer.
Sie haben sich seit der Wende immer mal wieder getroffen, der Kaiser aus dem Westen und der Ost-Rebell. Eine wunderbare Freundschaft ist nicht daraus geworden. "Die Beckenbauers oder Hoeneß hatten nach dem Mauerfall ja nie wirklich Interesse daran, ´nen Ossi neben sich zu dulden", sagt Ducke.
Man hat ein bisschen gekickt in Promi-Teams, man hat ein bisschen geplaudert, man war freundlich zueinander. Aber Ducke ist sich bis heute nicht sicher, ob der Bayer auf dem Fußball-Thron überhaupt weiß, wer er ist.
Es war im Jahr 2004, das legendäre deutsch-deutsche Duell lag 30 Jahre zurück, da kamen die Kontrahenten von damals noch einmal zu einem Bankett in München zusammen. Man feierte, hüben die Wessis, drüben die Ossis. Am Ende ging Ducke zusammen mit Erich Hamann und Lothar Kurbjuweit noch einmal ins Olympia-Stadion, wo die kleine DDR mit der Bronzemedaille einen ihrer größten Triumphe erlebt hat.
Kurz darauf stieß von irgendwo auch Franz Beckenbauer dazu. An die Begrüßung kann sich Peter Ducke noch gut erinnern: "Na, habts ihr hier schon ma gespuit?"