Schwedt. An Details erinnert sich Heinz Streblow noch genau: stundenlanges Stehen auf dem Appellplatz, Exerzieren am Wochenende, Radiobeschallung in den Holzbaracken. Der 57-Jährige aus Bernburg in Sachsen-Anhalt war während seiner Armeezeit in der DDR 1973/74 neun Monate im gefürchteten Militärgefängnis der Nationalen Volksarmee (NVA) in Schwedt.
"Das war schärfer als bei der Armee, um uns richtig stumpf zu machen", sagt er über den auch als "Mythos Schwedt" bekanntgewordenen Ort. Wenig drang damals nach draußen.
Wer nach Schwedt im heutigen Brandenburg kam, saß Strafen von bis zu zwei Jahren ab. Mitte der 1960er Jahre war das einzige Militärgefängnis der DDR eingerichtet worden. 1982 kam noch eine sogenannte Disziplinareinheit hinzu. 1990 wurde der Komplex aufgelöst, die Baracken abgerissen. Auf dem jetzt privaten Gelände sind noch zwei Wachtürme und eine Mauer zu sehen.
In Schwedt sei er gelandet, da er bei Vorgesetzten als "renitent" galt, sagt Streblow. Schon das "unerlaubte Entfernen von der Truppe" habe als Delikt für den Militärknast gereicht. Verurteilt werden konnte man auch wegen angeblicher Verleumdung von Vorgesetzten oder Befehlsverweigerung. Vor allem Unteroffiziere, Berufs- und Grenzsoldaten saßen ein. Sie hätten in der benachbarten Raffinerie oder im Leuchtenbau gearbeitet. Streblow musste ins Betonwerk.
Die Urteile gegen NVA-Angehörige verhängte ein Militärgericht, sagt Rüdiger Wenzke. Er befasst sich im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam seit Jahren mit dem Thema. "Die Forschungen deuten darauf hin, dass in der DDR-Militärjustiz in hohem Maße Recht und Gesetz missachtet wurden." Schwedt sei der Inbegriff für den "Armeeknast" in der DDR gewesen, berichtet der Militärhistoriker.
Freiheitsentzug ohne Gerichtsurteil
Schätzungen gehen von mindestens 800 Gefangenen aus, die seit 1982 zu Freiheitsstrafen verurteilt oder mit Arrest belegt wurden. Eine besondere Disziplinarstrafe von bis zu drei Monaten Freiheitsentzug ohne Gerichtsurteil verbüßten im gleichen Zeitraum 1982 bis 1990 in Schwedt etwa 2500 NVA-Angehörige. "Die Strafzeiten wurden an die Wehrdienstzeit verlängernd angehängt", sagt Arno Polzin, der in der Berliner Stasiunterlagen- Behörde in einem Projekt zu dem Militärgefängnis forscht. Die Aktenlagen sei nicht eben üppig. "Das Innenleben von Schwedt, die Strukturen, die alltäglichen Abläufe bleiben kaum erkennbar." Bisherige Veröffentlichungen von Zeitzeugen seien rar.
Erst seit 2008 tauschen sich Ex-Inhaftierte in einem Internet- Forum aus. Rund 200 Menschen, darunter aber auch frühere Gefängnis-Mitarbeiter, seien angemeldet, berichtet Webmaster Steffen Grundmann. Sie wollten erörtern, was damals passiert sei. "Aufgabe ist nicht herauszufinden, ob die Insassen unschuldig oder schuldig dort saßen", sagt Grundmann, der selbst nicht in Schwedt war.
Heinz Streblow hielt die Haft und Schikanen nur aus, weil er eine Nische fand. "Wir bauten eine Kulturgruppe auf und machten Programme. Dadurch wurde das triste Lagerleben erträglicher", sagt er heute. In Schwedt sei er nach dem Mauerfall nicht wieder gewesen. Andere ehemalige Insassen und Bewacher kamen Mitte Juni erstmals das Gelände am Stadtrand zurück. "Die Atmosphäre war relativ entspannt", meint Bürgermeister Jürgen Polzehl (SPD), der die Besucher traf.
Noch sei nicht entschieden, wie künftig an das Militärgefängnis erinnert wird, sagt Stadtsprecherin Corina Müller knapp 20 Jahre nach dem Mauerfall. "Wir möchten, dass das Kapitel aufgearbeitet wird." Denkbar sei eine Ausstellung im Städtischen Museum. Ein Antrag auf Förderung sei gestellt. (dpa)
Das Militärgefängnis Schwedt im Internet: www.militaergefaengnis-schwedt.de