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Denkanstoß von Slavoj Zizek: Die Mauer, 20 Jahre später

Und wo stehen wir heute? Erwähnt sei hier das Schicksal von Wiktor Krawtschenko, dem sowjetischen Diplomaten, der 1944 während eines Aufenthaltes in New York überlief und dann seine berühmte Autobiographie "Ich wählte die Freiheit" schrieb. Dieses Buch war der erste ernstzunehmende autobiographische Bericht über die Gräuel des Stalinismus, angefangen mit einer sehr genauen Schilderung der Zwangskollektivierung und der Hungersnöte in der Ukraine, wo Krawtschenko, in den 1930ern noch ein treuer Diener des Systems, selbst an der Durchführung der Kollektivierung beteiligt war.

Die breite Öffentlichkeit ist über seinen Werdegang nur bis zum Jahr 1949 informiert, als er in Paris den großen Prozess gegen seine sowjetischen Ankläger glorreich gewinnen konnte, obwohl man sogar seine Ex-Frau vor Gericht geladen hatte, damit sie aussagen konnte, dass Krawtschenko korrupt und dem Alkohol verfallen sei und seine Frau und Kinder geschlagen habe. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass Krawtschenko unmittelbar nach dem Prozess, als man ihn weltweit als Helden des Kalten Krieges feierte, sich intensiv mit McCarthys Hexenjagd in den USA befasste und öffentlich erklärte, dass McCarthys Art, den Stalinismus zu bekämpfen, sich nicht sehr von den Methoden seiner verhassten Gegner unterscheide.

Zu jener Zeit fielen ihm auch immer mehr die sozialen Missstände in der westlichen Welt auf, und er machte es sich zur Aufgabe, nun auch die demokratischen Gesellschaften des Westens entscheidend zu verändern. Zunächst schrieb er eine kaum bekannte Fortsetzung zu seinem ersten Buch, die den bedeutsamen Titel "Ich wählte die Gerechtigkeit" trug.

Dann machte er sich daran, eine neue, weniger ausbeuterische Form der Produktion zu entwickeln. So verschlug es ihn nach Bolivien, wo er sein Geld investierte (und verlor), um verarmte Bauern in neuen Kollektiven zu organisieren. Das Scheitern seiner Unternehmung verkraftete er nicht, und so zog er sich nach New York ins Privatleben zurück und beging schließlich Selbstmord.

Heute tauchen überall neue Krawtschenkos auf - in den USA, in Indien, China und Japan, in Lateinamerika und Afrika, im Nahen Osten sowie in West- und Osteuropa. Sie sind ganz verschieden und sprechen unterschiedliche Sprachen, aber es sind mehr, als man denkt, und die größte Angst der momentan Herrschenden besteht darin, dass ihre Stimmen sich erheben und gegenseitig verstärken und sich solidarisch zusammenschließen werden.

Es ist ihnen bewusst, dass wir womöglich auf eine Katastrophe zusteuern, und sie sind bereit, allen Widrigkeiten zum Trotz zu handeln. Enttäuscht vom Kommunismus des 20. Jahrhunderts, sind sie bereit, von vorn anzufangen und den Kampf für Gerechtigkeit von einem neuen Standpunkt aus wieder aufzunehmen.

Von den Feinden als gefährliche Utopisten in Verruf gebracht, sind sie die einzigen, die wahrlich aufgewacht sind aus dem Traum von einer Utopie, den die meisten von uns noch träumen. Sie (und nicht diejenigen, die dem "real existierenden Sozialismus" des 20. Jahrhunderts nachtrauern) sind die wahre Hoffnung der Linken.

Übersetzung: Andrian Widmann

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Autor:  Slavoj Zizek
Datum:  5 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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