Üblicherweise wird betont, was für eine "wunderbare" Fügung die Ereignisse vor zwei Jahrzehnten waren: Ein Traum war in Erfüllung gegangen, das Unvorstellbare war endlich eingetreten, Dinge, die einige Monate zuvor noch undenkbar erschienen - freie Wahlen, der Untergang der kommunistischen Regime, die zusammenfielen wie Kartenhäuser. Wer hätte in Polen mit freien Wahlen gerechnet und mit Lech Walesa als Präsident?
Allerdings ist noch viel verwunderlicher, was einige Jahre später passierte: Die Rückkehr der Alt-Kommunisten an die Macht durch freie demokratische Wahlen, in denen Walesa an Popularität zurückstand hinter General Wojciech Jaruzelski, der 15 Jahre zuvor die Gewerkschaft Solidarität durch Ausrufung des Kriegsrechts in den Untergrund verbannte.
Als Erklärung für diesen zweiten Gesinnungswandel wird stets die "unreife" Erwartungshaltung des Volkes herangezogen, das einfach keine realistische Vorstellung vom Kapitalismus gehabt habe. Die Menschen wollten kapitalistisch-demokratische Freiheit und materiellen Wohlstand, waren aber nicht bereit, dafür in einer "Risikogesellschaft" zu leben, also auf die Sicherheit und Stabilität zu verzichten, die von den kommunistischen Regierungen (mehr oder weniger) garantiert worden waren.
Wie von den westlichen Kommentatoren bissig bemerkt wurde, blieb vom hehren Kampf für die Freiheit am Ende vor allem ein brennendes Interesse für Bananen und Pornographie zurück. Als die trunkenen Nächte des Sieges vorbei waren, mussten sich die Leute der ernüchternden Realität stellen und feststellen, dass politische und wirtschaftliche Freiheit ihren Preis haben.
Als sich die Enttäuschung unweigerlich breit machte, waren vor allem drei Arten von Reaktionen zu beobachten: Erstens: Sehnsucht nach den "guten alten" Zeiten des Kommunismus. Zweitens: Rechtsnationaler Populismus. Drittens: Eine neu entflammte "verspätete" anti-kommunistische Paranoia. Die ersten beiden Reaktionen sind leicht nachvollziehbar. Die Kommunismus-Nostalgie sollte man nicht allzu ernst nehmen. Hierbei handelt es sich weniger um einen ernsthaften Wunsch nach der Wiederherstellung der grauen Realität des Sozialismus als vielmehr um eine Art von Trauerarbeit, die dazu dient, sich sanft von der Vergangenheit zu lösen.
Das Aufkommen von rechtspopulistischen Bewegungen ist keine Spezialität von Osteuropa, sondern ein häufig zu beobachtendes Phänomen in Ländern, die vom Strudel der Globalisierung erfasst werden. Interessant ist allerdings die Wiederbelebung des Antikommunismus fast zwanzig Jahre nach der Wende; sie erlaubt die einfache Beantwortung der Frage: "Wenn der Kapitalismus so viel besser ist als der Sozialismus, wieso geht es uns dann immer noch so schlecht?" Der Grund liegt darin, dass wir gar keinen richtigen Kapitalismus haben, weil die Kommunisten immer noch am Ruder sitzen, maskiert als Firmenbesitzer und Manager.
Die meisten Menschen, die in Osteuropa gegen das kommunistische Regime protestierten, wollten deswegen noch lange keinen Kapitalismus. Sie wollten Solidarität und ein Minimum an Rechtsstaatlichkeit; sie wollten die Freiheit, ihr Leben außerhalb der staatlichen Kontrolle zu führen, sich zusammenzufinden und frei zu reden; sie wollten einfach ein aufrichtiges Dasein führen, frei von der primitiven ideologischen Indoktrinierung und der herrschenden zynischen Heuchelei. Wie viele Beobachter bemerkten, waren die meisten Ideale, die sich die Demonstranten auf die Fahnen schrieben, direkt der herrschenden sozialistischen Ideologie selbst entlehnt. Die Menschen wollten etwas, das man vielleicht am besten als "menschlichen Sozialismus" beschreibt.
Ist denn der Kapitalismus wirklich die einzige Antwort auf die sozialistische Utopie? War das, was auf den Fall der Mauer folgte, wirklich die Ära eines gereiften Kapitalismus, der alle Utopien getrost hinter sich lassen durfte? Und wenn diese Ära selbst auf einer Utopie beruhte? Der 9. November 1989 läutete die "glücklichen 90er" ein, Francis Fukuyamas Utopie vom "Ende der Geschichte", die Überzeugung, die liberale Demokratie habe alles in allem gesiegt, die Suche sei beendet, eine globale, liberale Weltgemeinschaft stehe unmittelbar bevor und einem drehbuchgerechten Happyend so gut wie nichts im Wege (außer vielleicht hier und da etwas Widerstand von den alten Führern, denen nicht klar ist, dass ihre Zeit abgelaufen ist).
Im Gegensatz dazu symbolisiert der 11. September das Ende von Clintons glücklichen 90ern und den Anfang einer neuen Ära von neuen Mauern, die allerorten gebaut werden: zwischen Israel und dem Westjordanland, im Umfeld der EU, an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, aber auch innerhalb einzelner Staaten.
Scheinbar musste Fukuyamas Utopie der 1990er zweimal sterben: Der Zusammenbruch der liberal-demokratischen politischen Utopie am 11. September hatte keine Auswirkung auf die kapitalistische Utopie einer globalen Marktwirtschaft - und wenn der Finanzkrise von 2008 irgendeine historische Bedeutung zukommt, dann die, dass der ökonomische Aspekt von Fukuyamas Utopie von nun an keine Relevanz mehr hat. Der Liberalismus versteht sich als Anti-Utopie schlechthin und der heutige Neoliberalismus als ein Zeichen dafür, dass eine neue Ära der Humanität die utopischen Experimente, denen man die totalitären Gräuel des 20. Jahrhunderts verdankt, eingetreten sei.
Doch jetzt wird uns klar, dass die wahrhaft utopische Zeit die 1990er Jahre waren, in denen der Glaube herrschte, die Menschheit habe endlich die Formel für eine optimale sozio-ökonomische Ordnung entdeckt. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte lehren uns jedoch, dass der Markt keine wohlmeinende Maschinerie ist, die man am besten sich selbst überlässt - es bedarf einer gehörigen Portion von äußerer Gewaltanwendung, damit sie funktioniert.
Die Reaktion der Marktfundamentalisten auf die katastrophalen Auswirkungen ihrer Vorgehensweise ist typisch für "Utopie-Totalitaristen": Sie beklagen sich darüber, dass ihre Vision nicht korrekt umgesetzt wurde (der Staat immer noch zu stark sei usw.) und verlangen eine noch radikalere Anwendung ihrer Doktrin.