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Die 68er: Revolte am Küchentisch

In Frankfurt wollten die WGs die Rollenmuster der Kleinbürger überwinden.

Küchentisch der WG Eppsteiner 47.
Küchentisch der WG Eppsteiner 47.
Foto: Christoph Boeckheler

Draußen hängen die Bilder der Kommune. Rainer Langhans streichelt Uschi Obermaiers nackte Brüste. Während sich in Berlin die Kommune 1 mit feinem Gespür für das Skandalöse über die Massenmedien selbst inszenierte, spielte sich die wahre Revolution drinnen - an ganz anderen Orten - ab. Etwa am Küchentisch der Frankfurter WG in der Eppsteiner Straße 47, dem ersten besetzten Haus in Frankfurt. Wie die Bilder aus Berlin steht der Küchentisch aus dem Westend heute im Historischen Museum. Wer an Langhans und Obermeier vorbeigeht, steht direkt vor ihm.

In Frankfurt ging es freilich ganz anders zu als in Berlin. "Als ich in die erste WG eingezogen bin, habe ich es zur Bedingung gemacht, dass ich nicht mit jedem vögeln muss", sagt Barbara Köster, "sondern dass ich mir das schon aussuchen darf." Die Vorurteile hatten selbst die 68er erfasst. In Berlin hatten sie ja sogar die Klotür ausgehängt.

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In Frankfurt hatte dagegen jedes Zimmer eine Tür. Die gemeinsame Küche war der Mittelpunkt der Wohngemeinschaft. "Alle WGs hatten ja das Ideal, dass man gemeinsam kocht und isst", sagt Sibylla Flügge. Und dazu setzte man sich eben an den Küchentisch, auf dem nach dem Essen bei endlosen Debatten der Aschenbecher meistens überquoll. Mittlerweile hat der Tisch ziemlich viele Kratzer, aber Botschaften hat niemand eingeritzt. So wirkt er doch recht ordentlich. An den kurzen Seiten lassen sich Platten ausziehen. So passen gut zehn Leute an den Tisch, auf dem das Kochbuch "Schlaraffenland" liegt.

Peter Fischer hat es in den 70er Jahren speziell für Wohngemeinschaften geschrieben. Schließlich gab es reichlich Bedarf an einfachen Rezepten. Gerade die Jungs hatten zu Hause ja nicht Kochen gelernt. In der WG mussten aber auch sie sich an den Herd stellen. Schließlich sollte die neue Lebensform auch dabei helfen, die alten Rollenmuster zu überwinden. Das Private war politisch geworden. Die passende Theorie lieferte Wilhelm Reich schon 1936. Die bürgerliche Familie, so Reichs These, erzeuge den "autoritätsfürchtigen und lebensängstlichen Untertan". Damit bestehe immer die Möglichkeit, dass "Massen durch eine Handvoll Machthaber beherrscht werden können". In den 30er Jahren wollte in Deutschland niemand die Thesen des amerikanischen Psychologen hören. In den 60er Jahren wurden sie aber unter dem Titel "Die sexuelle Revolution" massenweise gelesen.

Zoff um den Abwasch

Die ersten WG-Gründer mussten aber einige Widerstände überwinden. Schließlich gab es 1968 noch den Kuppelei-Paragraphen. Danach machten sich Vermieter strafbar, wenn sie Unverheiratete beiderlei Geschlecht beieinander übernachten ließen. Doch nicht nur mit dem Staat sondern auch innerhalb der Wohngemeinschaften gab es Konflikte. Etwa über den Abwasch. Da war "die Geschirrspülmaschine als Konfliktlösungsapparat" beliebt, wie es Hanjo Diekmann sagt. Die gleichen Probleme gibt es ja heute immer noch in zahllosen Wohngemeinschaften.

Autor:  ANDREAS KRAFT
Datum:  23 | 5 | 2008
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