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Zeitgeschichte

14. Februar 2005

Die Bombennacht in der Erinnerung

 Von WALTRAUT ROHLOFF

Zeitzeugen berichten, wie sie den schweren Luftangriff auf Wiesbaden und das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebten In eindrucksvollen Berichten und Eingeständnissen haben acht Zeitzeugen im voll besetzten Sitzungssaal des Rathauses geschildert, wie sie die Bombardierung Wiesbadens vor 60 Jahren und das Kriegsende erlebt haben. Einer von ihnen war ein britische Bomber-Navigator.

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Wiesbaden · 13. Februar · Seit Samstag stehen in Erinnerung an einen der schlimmsten Bombenangriffe auf Wiesbaden, die Nacht vom 2. auf den 3. Februar, folgende Namen im Goldenen Buch des Landeshauptstadt: Eva Lauk-Benz, Hilde Kahlenberg, Emilie Momberger, Ernst Eugen Boldouan, Erich Diefenbacher, Alfred Friedl, Paul Kuhn und Harold Nash.

Im Sitzungssaal des Stadtparlaments ist kein Platz mehr frei. Es sind überwiegend Ältere, die sich die Erinnerungen der Zeitzeugen, unter ihnen der bekannte Musiker Paul Kuhn (76), anhören wollen. Kuhn ist in Wiesbaden geboren und im "Katzeloch" aufgewachsen. Politik, sagt er, hat ihn, den Sohn eines NSDAP-Mitläufers "nicht interessiert". Besessen war er von der Musik, von Jazz und Swing. Er musizierte im Krieg für deutsche Soldaten, spielte nach dem Krieg in amerikanischen Clubs. "Von Gräueltaten habe ich nichts gewusst", sagt Kuhn.

Die Nacht vom 2. zum 3. Februar 1945, in der 2000 Tonnen Bomben auf Wiesbaden niedergingen, hat "Paulchen" Kuhn in einem Keller am Philippsberg miterlebt. Auch Alfred Friedl saß mit seinen Eltern und nur wenigen Mitbewohnern der "Mietskaserne" in der Yorckstraße in einem teils überirdischen Keller, als das Wohnhaus einen Treffer abbekam und Stockwerk um Stockwerk ausbrannte.

"Hoch interessante Nächte" seien für ihn die Angriffe gewesen - das Zittern der Luft und der Gebäude, die blechernen Geräusche, verursacht von den kleinen Stabbomben. Dann das Getöse, 30 bis 40 Minuten lang. Friedl ist ein Erzähler, lässt nicht unerwähnt, dass Fliegeralarme auch angenehme Seiten für ihn hatten: "Am nächsten Tag fiel der Unterricht aus."

Emilie Momberger, Tochter aus sozialdemokratischem Hause, war dienstverpflichtet, lötete in einer Fabrik kleine Sicherungen für Flugzeuge. Die wiederverheiratete Witwe überlebte mit ihrem kleinen Kind in einem Luftschutzbunker in der Yorckstraße. Ihren ersten Sohn, vier Jahre alt, fand sie nach dem Bombardement auf einem Schutthaufen stehen. "Alle leben", rief der Bub, der bei ihrer Mutter wohnte, ihr zu.

Dienstverpflichtet in einem Kriegsbetrieb in Berlin war die Schiersteinerin Eva Lauk-Benz. Rebelliert hatte sie dagegen nicht. Sie fand es eher schön, als junge Frau von zu Hause weg zu sein. "Das war halt so", fasst sie heute zusammen. Als in der Nacht zum 3. Februar die Bomben auf Wiesbaden niedergingen, war sie in Schierstein. Viel mitbekommen hat sie davon nicht, "es ist ja der Berg dazwischen". Eva Lauk-Benz hellt die teils beklemmende Stimmung im Sitzungssaal auf. Moderator Claus Seibel kitzelt aus ihr heraus, dass die Amerikaner "so gut gerochen" haben. "Keine grüne Kriegsseife sondern Old Spice", erläutert sie.

"Es fing an zu scheppern", erinnert sich Hilde Kahlenberg an die Stunde, als sie in einer Fabrik in Bierstadt als Dienstverpflichtete Nachtschicht hatte. "Schwachsinnig" sei ihre Tätigkeit gewesen, deretwegen sie aus ihrem Beruf der Friseurin "herausgerissen" wurde. "Der Krieg war doch verloren".

Erich Diefenbacher (Jahrgang 1928) war Flak-Helfer. Es seien ihm auch einige Abschüsse von Amerikanern und Engländern "gelungen", sagt er. Diefenbacher war aber auch im Volkssturm - und wurde am 26. März 1945 zum Tode verurteilt.

Todesurteil kurz vor Kriegsende

Er hatte "sechs Alte und sechs Pimpfe" nach Hause geschickt, die als Volkssturm auf der Biebricher Allee Sperren aufgebaut hatten. "Das Schicksal war gnädig", schaut Diefenbacher zurück. In seinem Versteck wurde er nicht entdeckt, das Urteil nicht vollstreckt. Von seiner Wandlung vom Hitlerjungen zum Hitler-Gegner (forciert durch die Mutter und seinen Lehrer, den am Widerstand beteiligten Hermann Kaiser) berichtet Ernst Eugen Bolduan. Als Soldat, sagt der 86-Jährige, habe er sich "das Denken abgewöhnt".

Harold Nash, Bomber-Navigator und in dem schon seit 1942 formulierten Auftrag unterwegs, die deutsche Bevölkerung anzugreifen, auch Frauen und Kinder zu töten, versucht eine Erklärung: "Es war die reine Unsichtbarkeit, die uns erlaubt hat, das mitzumachen". Aus der Flughöhe der Bomber hätten sich die "Feuer wie Diamanten auf einem schwarzen Samtteppich" dargestellt. "Da waren keine Personen." An der Bombardierung Wiesbadens war Nash nicht beteiligt.

Nash selbst wurde bei Hannover abgeschossen. Bei einer Zugfahrt durchs Ruhrgebiet zu einem Verhör in Frankfurt sah er die zerbombten Orte und Leichen. Eine schwarz gekleidet Frau bot ihm ein Stück Brot an. Das war Nashs Schlüsselerlebnis: "Ich hatte versucht, die Frau zu töten, und sie bot mir ein Stück Brot." Nash: "Da wurde ich Pazifist."

Harold Nash ist als Botschafter des Friedens unterwegs. Dafür bekam der Gegner des Bomber-Harris-Denkmals in London das Bundesverdienstkreuz - und am Samstag viel Beifall von den Zuhörern.

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