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Die Kleinstadt Auschwitz: Der lange Schatten

Oswiecim trägt schwer an der Last seiner Vergangenheit - lediglich fünf Jahre lang hieß der südpolnische Ort Auschwitz.

Besuch im Vernichtungslager: Pro Jahr besichtigen eine halbe Million Menschen das Konzentrationslager Auschwitz - nur die wenigsten schauen sich das Städtchen Oswiecim an.
Besuch im Vernichtungslager: Pro Jahr besichtigen eine halbe Million Menschen das Konzentrationslager Auschwitz - nur die wenigsten schauen sich das Städtchen Oswiecim an.
Foto: laif

Einsam zieht eine Rollschuhläuferin in der lauen Abendluft um den leer gefegten Marktplatz ihre Runden. In der ganzen Welt sei Auschwitz bekannt, aber viel sei in Oswiecim nicht los, seufzt der Arbeitslose Marcin, der sich mit seinem Freund Pawel im "Pizza-Hit" eine Flasche Zywiec-Bier teilt. Sie sind die letzten Gäste. Zum Ausgehen hätten die Anwohner kein Geld. Und die Touristen, die das frühere Konzentrationslager auf dem anderen Ufer der Sola besuchten, würden selten den Weg in die Stadt finden, kaum über Nacht bleiben, erklärt der 26-Jährige die Kleinstadt-Stille.

Zwar gewann "Unia Oswiecim" erst kürzlich zum achten Mal Polens Eishockey-Meisterschaft, doch selbst seine Landsleute wüssten oft nicht, dass es außer dem Lager auch noch eine Stadt gebe, bedauert er: "Als ich in Posen einer Frau erzählte, dass ich aus Oswiecim komme, fragte sie mich, ob ich in einer Baracke wohne."

Die südpolnische Kleinstadt Oswiecim ist 800 Jahre alt. Fünf Jahre lange trug sie den Namen Auschwitz. Die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg nannten so auch das 1940 vor den Toren der Stadt errichtete Konzentrationslager. Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz und den Außenlagern Birkenau und Monowitz von den Nationalsozialisten getötet.

Als größtes NS-Vernichtungslager wurde Ausschwitz weltweit zum Symbol für den Völkermord an Europas Juden. Geblieben von der fünfjährigen Schreckenszeit ist Oswiecim das zum Nationalmuseum umgewandelte Lager und der Name Auschwitz als Kainsmal. Wie ein Fluch empfinden manche Bewohner das ungewollte Erbe. Die Tragödie von Auschwitz wirke sich noch immer auf die Menschen von Oswiecim aus, klagt Bürgermeister Janusz Marszalek in seiner Amtsstube. "Das KZ ist für uns ein klarer Nachteil." Die Geschichte des Lagers schrecke Investoren ab. Gleichzeitig erschwerten Auflagen und Einmischung "von außen" die Ansiedlung von Betrieben, sagt der frühere Geschäftsmann. Marszalek war es, der in den 90er Jahren mit dem Bau eines Geschäftszentrum unweit des Hauptlagers weltweite Proteststürme gegen den Betrieb eines "Supermarkts Auschwitz" entfacht hatte: "Die internationale Presse macht hier aus jeder Mücken einen Elefanten - ohne sich um die Realitäten zu kümmern." Auch in Oswiecim hätten die Menschen ein Recht, "normal" zu leben.

Der Bürgermeister kritisiert, dass die Steuerbefreiung für das Museum für Einnahme-Ausfälle in der Stadt sorge und die Gedenkstätte bisher nicht bereit sei, die Oswiecim an dem Touristenstrom wirtschaftlich zu beteiligen. Die Arbeitslosigkeit sei auf 17 Prozent geklettert, die auf 41 000 Einwohner geschrumpfte Stadt habe seit 1989 ein Fünftel ihrer Bevölkerung verloren. "Die Jungen kehren nach ihrem Studium nicht mehr nach Oswiecim zurück. Die Alten klagen, dass ihre Kinder hier keine Perspektiven haben."

Andere Kleinstädte der Region hätten ähnliche Probleme, relativiert indes Zbigniew Bartus, Redaktionsleiter der Lokalzeitung Dziennik Polski, die Klagen über Investitionsnachteile durch das KZ. Das Lager diene Kommunalpolitikern als beliebte Ausrede für das gescheiterte Buhlen um neue Firmen: "Nur der kleinste Teil von Unternehmen lässt sich von dem KZ abschrecken. Entscheidend ist für sie, welche Bedingungen ihnen hier geboten werden."

Der Stadt mache aber mehr das in manchen jüdischen Kreisen hartnäckig gepflegte Vorurteil zu schaffen, die Deutschen hätten das KZ in Auschwitz angesiedelt, weil sie dort besonders gute Bedingungen vorgefunden hätten - den Antisemitismus der Bewohner. Solche Unterstellungen seien völlig "absurd", so Bartus: "Juden und Katholiken lebten in Oswiecim Jahrhunderte lang ausgesprochen harmonisch zusammen." Die Nazis errichten die Vernichtungslager in Polen, weil dort vor allem Juden aus Osteuropa ermordet werden sollten: "Es war für sie einfacher, westeuropäische Juden nach Auschwitz zu schaffen - als Millionen aus dem Osten in den Westen zu karren."

Lautlos zoomen die Videokameras der Touristen auf die Ruinen der gesprengten Gaskammern. Israel-Flaggen auf den Schultern legen Jugendliche an der einstigen Rampe im KZ Auschwitz-Birkenau schweigend einen Kranz nieder. Frische Beize prangt auf dem Holz der Häftlingsbaracken, eine verwelkte Rose hängt im Stacheldraht. 500 000 Besucher suchen jährlich die Gedenkstätte auf. Sechs Jahrzehnte nach dem Völkermord lasse das Interesse nicht nach, wachse stetig, berichtet der pädagogische Leiter der Internationalen Jugendbegegnungsstätte, Hartmut Ziesing. Auschwitz als Symbol spiele für viele Länder eine Rolle. Genau daraus entstünden auch manche Interessenskonflikte: "Hinter ihnen steht die Frage, wem hier gedacht wird und wessen Ort dies eigentlich ist."

Ob beim Streit um die Verlegung eines auf dem KZ-Gelände angesiedelten Karmelitenklosters, der Diskussion um die von polnischen Nationalkatholiken errichteten Kreuze, die Debatte um das Einkaufszentrum oder die inzwischen geschlossene Disco in der früheren Gerberei, wo einst die Habe ermordeter Juden sortiert wurde: Stets entzündeten sich an der Frage des Umgangs mit dem Erbe von Auschwitz heftige Kontroversen. Die vehementen Reaktionen aus dem Ausland verursachen in Oswiecim das unbehagliche Gefühl, eher Spielball als Beteiligter der Debatten zu sein.

Er habe keine Probleme, in der Stadt des KZ zu wohnen, versichert der 26-jährige Pawel: "Aber hier reden zu viele rein, was in der Stadt passieren soll." Je weiter die Betrachter von Oswiecim entfernt seien, desto mehr rückten Stadt und Lager zusammen, sagt Ziesing. Viele der Konflikte würden von außen in die Stadt getragen, doch die Stille der Gedenktstätte sei für die Bewohner der Stadt "heilig", versichert Alicja Bartus, Journalistin bei Dziennik Polski. Auschwitz sei nicht nur der größte jüdische, sondern auch größte polnische Friedhof: "Auch viele Anwohner von Oswiecim haben im KZ ihre Angehörigen verloren."

Aus den Lautsprechern in der rötlich getünchten Kellerbar des "Mephisto" dröhnen Rocksongs der 60er Jahre, als Wojtek Pacer über den "schwierigen Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft" seiner Stadt sinniert. "Oswiecim veraltet und stirbt", sagt der 27-Jährige. Niemand wolle "Wurst aus Auschwitz" kaufen oder dort große Partys feiern, erzählt der studierte Soziologe. Die Stadt nutze kaum das Potenzial der Besucher, die in Reisebussen meist aus dem nahen Krakau anreisen und nach der Besichtigung sofort wieder die Gegend verlassen. "Viele kommen, doch keiner bleibt. Aber wo gibt es einen besseren Ort, wo man über die wichtigen Dinge dieser Welt reden könnte als in Oswiecim?"

Lange habe es in der Stadt eine "psychologische Blockade" gegeben, an eine "wirtschaftlich nützliche" Lösung beim Umgang mit dem KZ zu denken, erzählt Zbiegniew Bartus. Erst seit eine US-Stiftung die letzte Synagoge von Oswiecim restauriert und in ein Informationszentrum über das einstige jüdische Leben der Stadt gewandelt hat, würde zumindest ein Teil der Lagerbesucher auch das andere Ufer der Sola und das schmucke Zentrum der Stadt aufsuchen: "Auschwitz und Oswiecim werden nun etwas diffenzierter wahr genommen."

Andächtig betrachten Besucher des Jüdischen Zentrums am Plac Jana Skarba die vergilbten Fotos, die von einem Oswiecim der Vorkriegszeit künden, als die Hälfte der Einwohner noch Juden waren. Vergangenheit ist seit kurzem auch die einst jüdische Likörfabrik Haberfeld. Obwohl eines der letzten Zeugnisse des jüdischen Oswiecim ließ die Stadt das vom Einsturz bedrohte Gebäude im vorigen Jahr abreißen.

Mit dem Projekt eines Europäischen Versöhnungsparks und dem Bau neuer Hotels hofft Bürgermeister Marszalek, dennoch mehr Besucher des KZ in das Stadtzentrum zu ziehen. Er setze auf eine Veränderung der "kleinen Schritte", sagt Zbiegniew Bartus: "Die Zukunft von Oswiecim wird davon abhängen, ob man das Lager nur als Fluch oder auch als Chance für die Stadt begreift."

Autor:  Thomas Roser
Datum:  24 | 3 | 2004
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