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Die Mai-Unruhen: Bruder, zur Sonne

Bei den Mai-Unruhen 1968 in Paris hoffte auch der spätere FR-Redakteur Karl Grobe auf die große Freiheit - und geriet zwischen die Fronten: auf der einen Seite die Barrikaden der Studenten, auf der anderen die Stöcke der Polizei. Eine Erinnerung an eine Revolte - und ihre Zerschlagung. Von Karl Grobe

Ich hatte mir ausgemalt, eine Reportage über den Sieg der Arbeiter- und Bürgerbewegung gegen ein autokratisches System schreiben zu können..., erinnert sich FR-Redakteur Karl Grobe (Foto), der im Mai 1968 in Paris über die Unruhen recherchierte.
"Ich hatte mir ausgemalt, eine Reportage über den Sieg der Arbeiter- und Bürgerbewegung gegen ein autokratisches System schreiben zu können...", erinnert sich FR-Redakteur Karl Grobe (Foto), der im Mai 1968 in Paris über die Unruhen recherchierte.
Foto: Karl Grobe

Der junge Mann stellte sich auf die Kreuzung, stoppte die Fußgänger und winkte die Autos durch. Das war gut so, denn die Ampeln waren abgeschaltet oder ausgefallen. Doch dies war eine ungewöhnliche Pariser Mainacht. Die Autokolonne: Das waren schwarze Mannschaftswagen der CRS, der gefürchteten Bereitschaftspolizei. Die Fußgänger: Das waren Tausende Studenten, Zehntausende vielleicht, die gerade noch skandiert hatten: CRS = SS. Und der junge Mann zeigte alle Insignien der radikalen Studentengewerkschaft SNESup. Ein junger französischer Revolutionär als Verkehrspolizist - es sind doch sonst die Deutschen, die erst einmal Bahnsteigkarten lösen, bevor sie Bahnhöfe besetzen.

Der Konvoi stoppte einige hundert Meter weiter. Die Bereitschaftspolizisten nahmen die Verfolgung der Demonstranten auf. Tränengasbomben platzten. 200 Meter weiter machten sich Demonstranten daran, eine Barrikade zu bauen. Und wir standen zwischen den Fronten. Wir hätten gar nicht dort sein sollen, wäre es nach den Wünschen unseres Verlegers gegangen.

Walter Petersen, Verlagschef der SPD-Wochenzeitung Vorwärts, hatte um die Sicherheit des noch sehr neuen Verlagsgebäudes in Bad Godesberg gebangt. Gegen die Notstandsgesetze würde ja direkt vor der Haustür demonstriert werden. Falls die linken Staatsfeinde auf ihrem Zug nach Bonn den Bau stürmen wollten, war vorzusorgen.

Mein Redakteurskollege Nils und ich - wir sollten uns bitte mit schwerem Metall ausrüsten, Regletten aus der Setzerei, und den Angriff abwehren. Gerade wir; denn wir hatten laut gesagt, dass wir mit demonstrieren wollten. Für einen parteitreuen Geschäftsführer eine unerträgliche Vorstellung, auch wenn er den Ruf zu den Regletten vielleicht nicht ganz ernst gemeint haben sollte. Wir aber machten uns lieber davon. Nach Paris.

Straßenschlachten in Paris

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Frankreich hatte eine Revolution. Mindestens eine. Deshalb standen wir in jener 1968er "Nacht der Barrikaden" zwischen den Studenten und den Schwarzbehelmten im Niemandsland. Glücklicherweise gibt es in Paris Seitenstraßen. Auf einem kleinen Platz an unserem Fluchtweg harrten an die 100 Nordafrikaner aus, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

Gendarmen passten auf, dass sie nicht von dieser Körperhaltung abwichen. Die ganz gewöhnliche Polizei hatte die Gelegenheit wahrgenommen, dunkelhaarige Ausländer zusammenzutreiben und zu bewachen. Nun standen sie da, ratlos, eingeschüchtert und im Ungewissen darüber, warum man sie festhielt und was ihnen demnächst in dieser Nacht widerfahren werde.

Mit den Kundgebungen der jungen Leute aus den Universitäten hatten sie nichts zu tun. Im Vorort Nanterre hatte es im März und April begonnen, Studentinnen- und Studentenprotest gegen die Isolation in Wohnheimen, den Mangel an Freizeiteinrichtungen, gegen überholte Lehr-Inhalte und bald auch gegen die polizeiliche Überwachung, die zu polizeilicher Gewalt eskalierte.

Es folgten Proteste gegen den Vietnamkrieg, Solidaritätsadressen an die Prager Reformkommunisten, an die demonstrierenden Kommilitonen "von Berlin bis Tokio". Die Bewegung war bald hochpolitisch. Und am 3. Mai besetzten die Studenten die Sorbonne, die Universität im Quartier Latin. Befreites Gebiet mitten in der französischen Hauptstadt, unter den Augen von Staatschef Charles de Gaulle.

Die Staatsgewalt machte einen jungen Deutschen als Rädelsführer aus, Daniel Cohn-Bendit. Just an unserem Anreisetag verweigerte sie ihm die Wieder-Einreise.

Er kam natürlich trotzdem. Doch eine solche Bewegung hat keine Rädelsführer. Sie ist spontan und einfallsreich. Kreative Geister widmeten dem deutsch-jüdischen Rebellen ein Chanson mit dem Kehrreim: "Nous sommes tous des juifs allemands" (Wir alle sind deutsche Juden), mit satirischen Anspielungen auf de Gaulles erlesene Beleidigungen der Studenten ("Bettscheißer, Diebsbanden, Gesindel"). Ein Lied im Dreivierteltakt der alten Musette-Walzer. Deutsche Kampflieder klingen energischer; die Pariser Studenten waren energisch.

Die rund 80 Barrikaden im Quartier Latin wurden von ihnen aus Pflastersteinen, Eisengittern und brennenden Autos gebaut. Symbole der Revolution, ein Bürgerkrieg war es nicht.

Die CRS taten in diesen Maitagen einiges, das sie in die Nähe jener anderen Schwarzhemden zu rücken schien. Über ihre Tränen- und anderen Kampfgase schwiegen sie sich aus; über ihre Bereitschaft, Schlagstöcke einzusetzen und Gefangene wider alle (Genfer) Konvention zu behandeln, berichteten viele, Studenten wie Arbeiter. Der Spiegel schrieb Wochen später: "Die CRS quälten Gefangene, schlugen sie auf Köpfe und Hände, vergewaltigten gefangene Studentinnen, sperrten im Gefängnis Beaujon bis zu 80 Gefangene in 15 Quadratmeter große Zellen."

Das Stadtviertel um die Sorbonne, die medizinische Fakultät und das Odéon war tabu für die so genannten Ordnungskräfte. Es war eine Zone freier Rede, hier entstanden Schlagworte wie: "Seid Realisten, verlangt das Unmögliche." Hier verband sich spielerische Lust an den Worten mit radikaler politischer Debatte. Viele Wände waren mit Plakaten und Sprüchen vollgeklebt. Die studentische Revolution erfand ihre eigene Plakat-Ästhetik im befreiten Territorium. Die Fantasie an die Macht!

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Autor:  Karl Grobe
Datum:  3 | 5 | 2008
Seiten:  1 2
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