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Die Urteile: "Schuldig des Mordes in 114 Fällen"

Der Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main stellte die Frage nach individueller Schuld - Vergangenheit bewältigte er nicht.

Prozess des Grauens: Im Plenarsaal des Frankfurter Römers dominiert der riesige Lageplan des Vernichtungslagers Auschwitz die Atmosphäre beim Prozess gegen einige der Täter.
Prozess des Grauens: Im Plenarsaal des Frankfurter Römers dominiert der riesige Lageplan des Vernichtungslagers Auschwitz die Atmosphäre beim Prozess gegen einige der Täter.
Foto: dpa

Als der Journalist Gerd Czechatz am 19. August 1965 nach 182 Verhandlungstagen zum letzten Mal mit der Straßenbahnlinie 22 ins Frankfurter Gallusviertel fährt, um die Verkündung der Urteile im großen Auschwitz-Prozess zu erleben, fragt er in die Runde: "Heute ist Urteilsverkündung im Auschwitz-Prozess. Wissen Sie das?" Die Bahn ist überfüllt, schreibt der Berichterstatter tags darauf in der Frankfurter Rundschau, doch eine Antwort bleibt aus. Dann tritt ein Mann hervor und ereifert sich: "Ich bin gespannt, was die Brüder kriegen!"

Ein letztes Mal werden die Angeklagten mit dem grünen Gefängniswagen morgens um acht Uhr zum neuen "Bürgergemeinschaftshaus Gallus" gefahren. Sofern sie nicht als Freigänger, die Hüte in die Stirn gezogen, die Aktentasche vor das Gesicht gedrückt, zu Fuß zum Termin in die Frankenallee hasten. Die Kameras sind an diesem Tag schon gegen sechs Uhr früh auf den Eingang gerichtet.

Vor allem die Angeklagten SS-Oberscharführer Wilhelm Boger - schuldig gesprochen "des Mordes in mindestens 114 Fällen und der gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens tausend Menschen" - und SS-Unterscharführer Oswald Kaduk - schuldig "des Mordes in zehn Fällen und des gemeinschaftlichen Mordes in mindestens zwei Fällen, begangen in einem Fall an mindestens tausend, im anderen Fall an mindestens zwei Menschen" - waren seit Beginn des Prozesses am 20. Dezember 1963 "zu Stars aufgebaut worden", wie der Wissenschaftler Marcel Atze festhält.

"Alle Angeklagten berichten sehr gern über ihre berufliche und militärische Vergangenheit", steht bereits nach dem ersten Prozesstag in der FR; "es scheint manchmal, als schwinge ein gewisser Stolz in ihren Worten." Ihr Selbstbewusstsein ist auch ein Jahr später nicht weniger ausgeprägt, als die Dichterin Marie Luise Kaschnitz auf dem Zuhörerstuhl auf das Erscheinen der Angeklagten wartet: "Die Angeklagten kamen eine kleine Holztreppe heruntergepoltert wie eine Schulklasse, stießen sich an und lachten."

Marcel Atze, Kenner der Rezeption des Prozesses in Literatur, Philosophie und Publizistik und einer der Kuratoren des Fritz-Bauer-Instituts für die Ausstellung zum Auschwitz-Prozess, erwähnt dicke Schlagzeilen und Personality-Gechichten über die Massenmörder Boger und Kaduk: "Das war damals auch nicht anders als heute."

"Zum Aufruf kommt die Strafsache gegen Mulka und andere." Bevor Landgerichtsdirektor Hans Hofmeyer als Senatspräsident mit diesen Worten den Prozess eröffnen kann, diskutiert die Stadt über den Raum "für den Monsterprozess mit 22 Angeklagten, einem großen Aufgebot an Zeugen und Sachverständigen sowie mehr als hundert erwarteteten in- und ausländischen Journalisten". Man sucht nach "einem würdigen Ort". Es ist kurz vor Weihnachten 1963, das von der Justiz eigentlich gemietete Bürgergemeinschaftshaus Gallus ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Dann die Entscheidung: "Die Stadtverordneten opfern ihren Sitzungssaal im Römer" (FR).

Seit Kriegsende sind 18 Jahre vergangenen, die zerstörte Stadt steht wieder halbwegs. Und jetzt gelangt Frankfurt am Main und mit ihr das ganze Land an einen Wendepunkt. Bewusst wird das wenigen und auch erst allmählich. "Alle Leute tragen in diesem Lande neue Sachen", beobachtet der Frankfurter Schriftsteller Horst Krüger, "50 Millionen Deutsche tragen neue Kleider und ich bin einer von ihnen." Auch die Stadt, das Frankfurt jener Tage, scheint ihm "nur aus Neuem zu bestehen: Banken und Kaufhäuser, Schaufenster und Autos. Eine neue Epoche hat begonnen: die Epoche der Weltzivilisation."

"Verstand und Gefühl wehren sich zu glauben, was zwischen 1940 und 1945 in dem von Deutschen angelegten Konzentrationslager unweit des polnischen Landstädtchens Oswiecim (Auschwitz) geschah", leitet die Frankfurter Neue Presse im Dezember 1963 ihren Prozess-Vorbericht ein. Man hatte eine lange Debatte über die Verjährung von Mordtaten hinter sich, jetzt ist Abwehr zu spüren. "Die Informationen zum Holocaust", gibt Marcel Atze zu bedenken, "waren in der Öffentlichkeit gleich Null".

Da beschäftigt der Eindruck der Übersichtstafel des Vernichtungslagers an einer der holzgetäfelten Wände des Plenarsaals die Berichterstatter, eine bildliche Darstellung der Mordmaschinerie aus der Vogelperspektive. "Sehen sich diese Angeklagten wohl selbst dort auf den Straßen des Lagers, in dem sie Dienst taten (…), denken sie vielleicht in dieser Stunde an die Erhängten und Erschossenen, an die Erschlagenen und Erwürgten - an die unzähligen Toten, die sie doch nicht leugnen können?", fragt sich die FR.

Die Besucherplätze im Römer sind jeden Tag besetzt. Schulklassen und Seminargruppen werden durchgeschleust. "Man hofft, damit die demokratische Erziehung der Jugend intensivieren zu können", verbreitet die "Katholische Nachrichtenagentur". Doch als im Februar 1964 Fastnacht im Kalender steht, wird der Prozess für zehn Tage ausgesetzt - zum Feiern. "Am Römer regieren die Fastnachtsnarren, die bunten Garden ziehen auf, das Prinzenpaar lächelt, " notiert der Schriftsteller Dolf Sternberger; "wir brauchen nichts mehr zu hören und zu lesen von den Selektionen an der Rampe, nichts von Zyklon B, nichts von tödlichen Herzinjektionen".

Zum Verhandlungstag am 3. April 1964 wird das Geschehen in das Haus Gallus verlegt, nun werden immer wieder die "harten Sitzplätze" beklagt, da bleiben auch Stühle frei. Am Ende, nach 18 Monaten, wird man rund 20 000 Besucherkarten ausgegeben haben. Doch es seien ja "fast immer dieselben" da gewesen, sagt ein Wachmann. Der frühere Auschwitz-Häftling Hermann Langbein sitzt stets dabei, er verfasst einen "Prozess-Kalender" dieser endlosen Befragungen über an der Wand zerschmetterte Kinder, tot getrampelte Männer und lebendig begrabene Familien. Als zweiter akribischer Chronist des Strafprozesses, für den ein Wort-Protokoll nicht angeordnet wurde, geht der FAZ-Journalist Bernd Naumann in die Rezeptionsgeschichte ein.

Der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dessen Beharrlichkeit das Verfahren über die Taten weit weg in Polen nach Frankfurt am Main brachte, hat seit Verhandlungsbeginn mit "anonymen Drohbriefen" zu tun. "Die KZ-Prozesse sind eine bittere Medizin, die wir schlucken müssen", hält er Anfang Februar 1964 in der Universität den Frankfurtern vor. "Sollen wir noch in 50 Jahren solche Prozesse führen?", fragt ein Mann im gleichen Monat in einer Prozesspause den FR-Reporter. "In Olmütz haben sie uns Deutsche auch mit Knüppeln erschlagen."

In jenen Tagen, am 27. Februar 1964, hört sich auch Horst Krüger die Vernehmungen an. Die Worte des Schriftstellers zum " Labyrinth der Schuld", die Beschreibung, "wie Angst und Schrecken in mir aufsteigen", haben die Ausstellungsmacher des Bauer-Instituts jetzt "hinter rostigen Fahrrädern aus einem Keller geborgen".

"Ich bin als ein Fremder, als ein deutscher Journalist gekommen," schreibt Krüger über seinen Auschwitz-Prozesstag; "Ich wollte nur Zuschauer sein, aber während ich jetzt wieder der Stimme folge, spüre ich, dass hier niemand Zuschauer bleiben kann. Die Zeitschranken sind verschoben, Vergangenheit ist Gegenwart geworden, der Film des Lebens ist zurückgespult und läuft noch einmal ruckartig an."

Bis der große Frankfurter Auschwitz-Prozess am 20. August 1965 zu Ende ist, gehen im dortigen Volksbildungsheim noch mehrere Diskussionsabende über die Bühne, mit unterschiedlicher Beteiligung, mit manchmal banalen Fragen: "Soll man Herr Kaduk, Herr Boger sagen - sagt man zu Mördern ,Herr‘?" Im Winter 1964 läuft eine von Oberbürgermeister Willi Brundert eröffnete Auschwitz-Ausstellung, die mancher als "Schreckenskabinett in der Wiege der Demokratie" missbilligt, die aber von 88 000 Menschen besucht wird.

Bevor er die Akten schließt und nach der Befragung von mehr als 300 Zeugen das Urteil spricht, gesteht Senatspräsident Hans Hofmeyer ein, man habe "nicht die Vergangenheit bewältigen können: Es ging nur um die Frage individueller Schuld."

Am Wochenende drauf ist wieder Tanz im Haus Gallus an der Frankenallee.

Autor:  Claudia Michels
Datum:  24 | 3 | 2004
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