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Diskussion über 1968: Kein Davies, nur Degenhardt

Der Frankfurter Kulturdezernent, Felix Semmelroth, und Jan Gerchow, Leiter des Historischen Museums bilanzieren im FR-Interview die Debatte über die Erbschaft von 1968.

Felix Semmelroth und Jan Gerchow diskutieren über das Erbe vo 1968.
Felix Semmelroth und Jan Gerchow diskutieren über das Erbe vo 1968.
Foto: Alex Kraus/FR

Herr Semmelroth, was ist für Sie der Höhepunkt der Retrospektive auf den kurzen Sommer mit langer Wirkung gewesen?

Felix Semmelroth: Einen Tag, ein konkretes Datum kann ich nicht festmachen. Jetzt aber ist aus meiner Sicht erst die kulturelle, die ästhetische Dimension von '68 richtig hervorgetreten. Deutschland unterscheidet sich von anderen europäischen Ländern und den USA gerade dadurch, dass die politische Ebene viel ausgeprägter gewesen ist. Wir hatten keinen Ginsberg, keinen Kerouac, keinen Ray Davies, sondern Franz-Josef Degenhardt. Das macht die Stärke der Ausstellung aus: Sie räumt der Popmusik einen breiten Raum ein und eröffnet damit auch die Dimension der Veränderung von Lebensstilen. Die Ausstellung schafft es, dass sich nicht allein die 68er mit '68 befassen, sondern auch Jüngere.

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Felix Semmelroth ist Kulturdezernent und hat sich für die 68er-Ausstellung "Kurzer Sommer, lange Wirkung" im Historischen Museum engagiert.

Jan Gerchow leitet das Museum und sorgt für das üppige Begleitprogramm.

Die Ausstellung ist bis zum 2. November verlängert worden und außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Herr Gerchow, welches Bild bleibt Ihnen von diesem Sommer in Erinnerung?

Jan Gerchow: Das Bild derer, die 1968 dabei gewesen sind, hat sich verhärtet. '68 hat die Gesellschaft damals gespalten und spaltet sie heute noch. Das ist kein Thema, das uns vereint, sondern ein Thema, das uns trennt.

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Haben Sie damit gerechnet?

Gerchow: Die Deutlichkeit und Vehemenz, mit der sich frühere 68er wie ihre einstigen Gegner bis heute zu dieser Zeit positionieren, habe ich nicht erwartet. Ganz anders ist das bei den Jungen, die sehr aufgeschlossen sind und sich für den Protest und seine Ausdrucksformen interessieren. Die verstehen, dass '68 viel mit der Popkultur zu tun hat, die sie heute selbst auch pflegen.

Also verändert sich die Rezeption von '68 bei denen, die nicht beteiligt gewesen sind?

Semmelroth: Den Eindruck kann man gewinnen. Ich kann das, was Herr Gerchow sagt, nur unterstreichen: Bei den 68ern gibt es einen starken Drang zur Dichotomisierung. Mit diesem ausgeprägten Hang zur Schärfe habe ich nicht gerechnet, weil ich glaubte, dass es mittlerweile mehr Differenzierung geben würde. Die Reaktionen auf Götz Aly sind dafür charakteristisch: Da hat man jemanden zum Verräter gemacht. Sicherlich kann man über seine Thesen streiten und hinterfragen, ob die Analogie zwischen '68ern und jungen Nationalsozialisten wirklich trägt, doch man kann ihm nicht vorhalten, dass er früher selbst in einer K-Gruppe gewesen sei und die damalige Zeit heute kritisch sieht. Interessanterweise können Jüngere das viel besser auseinanderhalten.

Also sind Alys Thesen für die Ausstellung ein Geschenk des Himmels gewesen?

Gerchow: Mit Aly sind die alten Fronten neu befestigt worden. Ich hatte anfangs noch die Illusion, dass man darüber noch mal ins Gespräch kommen könnte.

Warum sagen Sie, dass es es eine Illusion gewesen sei?

Gerchow: In jeder Diskussion ist Aly ein Totschlagargument gewesen. Das gilt für beide Seiten. Es ist in unseren Veranstaltungen den Zeitgenossen nicht möglich gewesen, dazu eine distanzierte Haltung zu gewinnen.

Am Anfang der Ausstellung stand die Frage: Was sagt die '68-Rezeption über den Zustand der Republik? Wo stehen wir?

Semmelroth: Stärker im Westen als jemals zuvor. Gerade für Jüngere ist das eine Selbstverständlichkeit: Die sehen sich als aufgeschlossene Deutsche in einem europäischen Kontext.

Gerchow: Die Debatte um die '68er steht im Zusammenhang mit dem, was uns im nächsten Jahr bevorsteht. Die Erinnerungen an '68 und die an 1949 beziehungsweise 1989 funktionieren unterschiedlich: '68 ist nicht gemeinschaftsstiftend gewesen, vielmehr ist es eine trennende, störende Erfahrung. Es ist aber dennoch eine Zäsur, die in der deutschen Gesellschaft dauerhafte Spuren hinterlassen hat, und auf diese Spuren weist unsere Ausstellung hin. Mit 1989 verbindet sich die Erfahrung eines einschneidenden nationalen, vielleicht auch europäischen Ereignisses, das weit überwiegend positiv bewertet wird.

Also gibt es zum 50. keine Ausstellung mehr?

Gerchow: Die stark generationell bestimmte Erinnerung wird sich verschoben haben. Es kann interessant sein, sich das in zehn Jahren wieder anzusehen.

Semmelroth: Es gibt eine erfreuliche Nüchternheit im Umgang mit historischen Ereignissen. 1949 ist wirklich eine Zäsur gewesen: Man blickt auf die deutsche Demokratie mit einer gewissen Zuversicht.

Interview: Matthias Arning

Datum:  19 | 8 | 2008
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