Sie gehören einer der deutschesten Familien überhaupt an. Wären Sie lieber in eine andere Wiege geboren geworden?
Keineswegs. Ich bin in ein kulturgeschichtlich interessantes und zugleich höchst pittoreskes Nest gefallen. Außerdem empfinde ich meine Geburt nicht als besonders deutsche, sondern als europäische. Meine Familie besteht aus Ungarn, Franzosen, Engländern - und Deutschen.
Nike Wagner, 64, ist Publizistin und Dramaturgin. Die Urenkelin von Richard Wagner studierte Musik-, Theater- und Literaturwissenschaft in Deutschland und den USA und promovierte über Karl Kraus. Sie war Mitglied in der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Bundestags. Seit 2004 hat sie die künstlerische Gesamtleitung des Kunstfestes Weimar inne.
Mehrmals hat sich Nike Wagner um die Leitung der Bayreuther Festspiele beworben, zuletzt 2008. Der Bayreuther Stiftungsrat entschied sich nach einem lang und heftig ausgetragenen Wahlkampf für ihre beiden Kusinen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier.
Alles, was diese Familie tut, scheint mit dem nationalen Schicksal eng verknüpft zu sein.
Bei Wagner gings von der Völkerschlacht bei Leipzig über die 48er-Revolution bis in die Reichsgründung. Insofern verkörperte er durchaus ein "nationales Schicksal". Auch hat ihn das nationale Fieber nie verlassen. Mit dem Nibelungenring wollte er den zersplitterten Deutschen endlich ihre "Nationaloper" geben, aus seinen Erlösergestalten - Lohengrin, Parsifal - kann man immer auch politische Sehnsüchte herauslesen, in den "Meistersingern" grenzt er die deutsche Kunst von Überfremdung ab.
Und welche Rolle spielte die Familie, in der auch Sie groß geworden sind?
Sie machte Bayreuth zu einer Institution und in dieser spiegelt sich tatsächlich das Auf und Ab der Konjunkturen - erst deutschnational, dann nationalsozialistisch, dann neodemokratisch, dann pseudodemokratisch, schließlich wirtschaftsstrategisch. Unsere Gesellschaft hat beschlossen, Bayreuth zu einem Nationalsymbol zu erheben, sich hier feiern zu wollen. Für Politiker ist Bayreuth ein ideales Forum für die "politikferne" Selbstdarstellung.
Wie bestimmt die Verbundenheit mit der Bayreuther Familie Ihr Leben?
Natürlich prägt ein Aufwachsen in Wahnfried und Festspielhaus. Da liegt die Latte hoch, es gibt den Leistungsanspruch. Sich drunter wegzuducken ist ebenso schwierig wie sich der Sache zu stellen, den eigenen Weg zu finden. Ein langer Prozess. Die Vorteile sind aber evident. Der Name macht neugierig, öffnet Türen, verschafft kleine soziale Freuden. Platt gesagt, man kann mich in jede Gesellschaft mitnehmen und "vorzeigen", ohne zusätzliche Legitimation, weder durch einen Mann noch durch einen Posten.
Sie haben in den USA studiert, viel im Ausland gearbeitet, leben seit 30 Jahren in Österreich. Das sieht wie eine Abwendung von Deutschland aus.
Ich glaube das so nicht, aber unbewusste Motive gibt es immer. Nach Amerika bin ich gegangen, weil man Studium und Geldverdienen dort besser verbinden konnte. Nach Österreich ich wegen meiner Dissertation über Karl Kraus. Dort bin ich - nach einem Intermezzo in Frankreich - hängengeblieben. Erst durch andere Länder und Kulturen versteht man ja, was "deutsch" an einem selber ist. Scham über die jüngste deutsche Geschichte oder die familiären Nazi-Belastungen waren es nicht, die mich "hinausgetrieben" hätten wie so viele meiner Generation. Bei uns schienen ja einige Auseinandersetzungen schon gelaufen, zum Beispiel durch meinen Vater und seine ästhetische Arbeit an Wagner.
Gibt es anti-jüdische Elemente im Werk Richard Wagners, wie seine Kritiker behaupten?
Mit dieser Frage haben sich schon viele internationale Wissenschaftler herumgeschlagen. In Wagners Schriften sind solche Elemente überdeutlich. Aber im Werk? Wahr ist, dass seine Libretti keine antisemitischen Passagen aufweisen. Aber es gibt die suggestive Bild- und auch Laut-Ebene. Wenn der keifende Zwerg Mime neben den schwertschwingenden blonden Siegfried tritt, können wir uns der mitgelieferten Botschaft kaum entziehen. Solche Subtexte lassen sich bei Wagner immer mal finden, und wir können, mit dem Wissen der Schriften, zu interpretieren anfangen. Das Werk selber bleibt aber vielschichtig. Wer Wagners Animositäten und Anspielungen nicht kennt, nimmt den Zwerg einfach nur als Figur aus Grimms Märchen und Siegfried als einen rüpelhaften Youngster.
In die Fremde gehen, um sich selbst kennenzulernen: War das ein Motiv für Sie?
In der Fremde ist nicht nur der Fremde fremd, man wird sich auch selbst fremd. Das ist das Gute, das stachelt die Selbstsuche an. Der klassische Bildungsroman erzählt davon, und was früher Kavaliersreise und Grand Tour war, übernehmen heute Interrail und Billigflug. Im Inland denke ich entweder nicht über Identität nach, oder ich fühle irgendwie europäisch. Erst im Ausland habe ich intellektuell und emotional erfahren, was es heißen kann, deutsch zu sein.
War der Blick in den Spiegel immer angenehm für Sie?
Manchmal war er auch mit einem Schock verbunden. In Amerika wollte mich Erich Heller, mein Germanistikprofessor, einmal zu einer Abendgesellschaft mitbringen. Gastgeber war eine jüdische Familie. Als sie hörte, dass ich aus "der" Wagnerfamilie sei, wurde ich wieder ausgeladen. Mich hat das damals sehr verwirrt. Ich hatte viele deutsch-jüdische Freunde, wieso sperrten mich die amerikanischen Juden aus?
Dabei spiegeln die Bayreuther Festspiele, die Richard Wagner begründete, immer den Zeitgeist wider, der gerade in Deutschland herrscht.
Da könnte man schon einige Parallelen ziehen. Im Kaiserreich zeigte sich der Grüne Hügel von seiner konservativen Seite, die glücklose Weimarer Republik wurde nur beschimpft und hinterließ künstlerisch keine Spuren. In der Hitler-Ära fühlte man sich ganz oben und der gewählte Kanzler half sowohl finanziell wie organisatorisch. Nach dem Krieg, als Deutschland in Trümmern lag, blieb in Bayreuth die Bühne leer, herrschte ideologiefreie Abstraktion. Erst langsam änderte sich das. Allmählich kamen die Besucher aus dem Ausland wieder, die Festspiele wurden vom Wirtschaftswunder erfasst und die Bühnenkunst wurde aggressiver.
Hat sich die Revolution der 68er auch auf die Festspiele ausgewirkt?
Mein Vater reagierte sehr genau auf die Studentenunruhen, und der Aspekt der Gewalt kam in seinen Interpretationen immer stärker zum Tragen. Das war kein Zufall. Verkrustete Strukturen brachen auf, in der Abrechnung mit der Vergangenheit und im Verständnis für die Jungen. Wieland Wagner starb aber zu früh, 1966. Den Nerv der Zeit traf dann so richtig erst Götz Friedrichs "sozialistischer" Tannhäuser von 1972. Immerhin konnte Wieland Wagner aber noch zeigen, dass er ausländische Dirigenten bevorzugte. Er erhoffte sich von ihnen den entfetteten, "nicht-deutschen" Klang. Denken Sie an Pierre Boulez, der 1966 kam.
Wie wichtig ist Hochkultur denn noch in einer Wissensgesellschaft, wo man jungen Menschen einschärft, sie müssten vor allem den Umgang mit neuen Medien lernen?
Das eine schließt das andere nicht aus. Die neuen Technologien sind zunächst nichts anderes als Mittel zum Zweck, um unser Leben reibungsloser, schneller und bequemer zu machen. Wie hoch die Kosten dafür auch sind. Daneben gibt es die neuen Medien als Kunst. Als eigene Kunst, die unsere Wahrnehmungen von Zeit und Raum und uns selber produktiv stimuliert und verändert. Wahrscheinlich ist diese neue Kunst nur bedingt anwendbar auf die alten Kunstformen wie die Oper. Aspekte des erträumten Gesamtkunstwerks sind aber in den neuen Medien-Künsten auf jeden Fall enthalten.
Was ist für Sie das wichtigste Element Ihrer Identität als Deutsche?
Die Sprache.
Und die Musik?
Man sagt, die deutsche Identität verdichte sich in der Musik. Von dieser Ideologie her sind wir schnell wieder bei Wagner. Selbstverständlich ist er ein europäischer Künstler. Aber es gibt eine Facette, die ihn sehr deutsch macht. Er hat seine Libretti nicht nur selber gedichtet, sondern mit dem Musikdrama ein neues Genre geschaffen, das besonders abhängig vom Sprachlichen ist. Wagner auf Englisch oder Französisch wirkt immer komisch. Insofern ist er tatsächlich auch ein sehr deutscher Komponist.
Interview: Michael Gleich, Hajo Schumacher