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Elbe: Stiller Frust an beiden Ufern

Manche ihrer Jugendfreunde verloren bei Fluchtversuchen in den tückischen Strömungen der Elbe das Leben. Mit der Wende war Regina Zylka plötzlich Fährfrau über den einst als unüberwindbar geltenden Grenzfluss.

Ein ehemaliger Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen auf einer kleinen Insel  in der Nähe von Boizenburg (Mecklenburg-Vorpommern), umgeben  vom Elbhochwasser.
Ein ehemaliger Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen auf einer kleinen Insel in der Nähe von Boizenburg (Mecklenburg-Vorpommern), umgeben vom Elbhochwasser.
Foto: dpa

Regina Zylka hat die ersten Jahre nach dem Mauerfall an einem der wohl spannendsten Nadelöhre zwischen Ost und West erlebt. "Als 1990 in Bleckede eine Fähre über die Elbe aufgemacht hat, habe ich mich gleich beworben und angeheuert." Damals 20 Jahre alt, setzte die gelernte Schaufensterdekorateurin aus dem winzigen Elbdorf Stiepelse im Osten tagtäglich euphorische Deutsche zwischen Bleckede in Niedersachsen und Neu-Bleckede in Mecklenburg über den grauen Strom.

"Das war anfangs recht abenteuerlich. Früher hat man über das Westufer nur fantasiert und auf einmal war alles mühelos erreichbar." Zylka lebt in der Gemeinde Amt Neuhaus, die Jahrzehnte nicht allein durch die Elbe, sondern auch durch Stacheldraht und Minengürtel vom Westufer getrennt war. Bis Kriegsende ein Teil der preußischen Provinz Hannover, gehörte die Region nach 1945 mehr als 40 Jahre zur DDR, ehe sie 1993 wieder Niedersachsen zugeschlagen wurde.

Während manche aus Zylkas Teenagerclique ihren Traum bei Fluchtversuchen in den tückischen Strömungen der Elbe mit dem Leben bezahlt hatten, war sie mit der Wende plötzlich Fährfrau über den einst als unüberwindbar geltenden Grenzfluss. Der anfängliche Reiz des Fremden wich jedoch schnell der Enttäuschung über das andere Ufer. "Man bekam nie richtigen Kontakt zu den Leuten drüben. Die haben ihren Stiefel weiter gemacht, und das war's", sagt Zylka über ihre unerwiderte Neugierde. Irgendwann habe sie schließlich ihrerseits das Interesse verloren: "Das war dann nur noch ein Job mit drei Minuten Ost, drei Minuten West und abkassieren."

Dabei waren die Voraussetzungen für ein deutsch-deutsches Zusammenwachsen nirgendwo günstiger als in den Elbtalauen zwischen den Dörfern Bitter, Dachau, Stiepelse und Bleckede. Bis 1945 zur Provinz Hannover gehörend, verband den 20 Kilometer langen Uferabschnitt jahrhundertlang eine gemeinsame familiäre und vor allem kirchliche Geschichte. Die deutsche Teilung zerriss die Verbindung zwischen dem Ost- und Westufer der Elbe für Jahrzehnte. Dann kam der 30. Juni 1993, und mit ihm ein in der deutsch-deutschen Nachwendegeschichte einmaliger Vorgang: Per Staatsvertrag wurde Neuhaus mit seinen rund 5000 Einwohnern und sechs Gemeinden nach Niedersachsen, wie es im Amtsdeutsch heißt, "rückgegliedert".

Doch 16 Jahre nach diesem historischen Moment herrscht hinter den elbtaltypischen Backsteinfassaden stille Frustration über die jeweils andere Seite. "Dass wir im Krankenhaus und auf den Ämtern als zweite Wahl behandelt werden, daran hat man sich gewöhnt", sagt eine Frau beim Friseur in Neuhaus verkniffen. Und ein Mann aus dem gleichen Ort erzählt, wie er Politikerversprechungen auf dem Leim gegangen ist: "Als für den Beitritt geworben wurde, hieß es, wir Alten bekämen Westrente, und die Jungen hätten Arbeit. Da hat man gern zugehört", sagt der Mann. Dass er heute dennoch eine "mickrige Ostrente" bekommt und sein Enkel zum Geldverdienen "nach Hamburg gehen muss", hätte er sich aber eigentlich damals denken müssen, sagt er.

Am Westufer neidet man heute der anderen Seite die üppigen Förderquoten, die nach 1993 aus Hannover an die Hausbesitzer rechts der Elbe geflossen sind. "Bis zu 80 Prozent haben die für ihre Dächer, Fenster und Heizungen bekommen. Denen hat man in zehn Jahren das geschenkt, was wir uns in 50 Jahren selbst hart erarbeiten mussten", sagt ein Gastwirt in Bleckede.

Weshalb aus der einzigartigen Chance in den Elbtalauen keine Erfolgsgeschichte geworden ist, erklärt Horst-Friedrich Härke mit der nach 20 Jahren immer noch fehlenden Brücke zwischen den Dörfern. "Bis heute trennt die Elbe die Menschen hier. Es gibt nur zwei Fähren, und die nächste Brücke ist 20 Kilometer entfernt", sagt der Pfarrer der Kirchgemeinde im Amt Neuhaus. Bei Niedrigwasser oder irgendwelchen anderen Gründen, wenn die Fähre nicht fährt, führt der Weg auf die andere Seite über drei Bundesländer. "Das ist nicht nur absurd, sondern hat die Leute voneinander ferngehalten", sagt Protestant Härke.

Der Bau einer eigenen Brücke hingegen ist immer wieder gescheitert. Insbesondere, weil sich die westlichen Landkreise heftig dagegen wehrten, glaubt Härke. "Beim letzten Konzept hätte der Landkreis Lüchow-Dannenberg knapp 200 Meter Land für den Brückenkopf abgeben müssen. Die haben einfach Nein gesagt, und zwingen kann man sie nicht." Der Grund für diese Haltung liegt für ihn offen auf der Hand: "Den Landkreisen gehören die Fähren, und mit ihnen verdienen sie Geld", sagt Härke und rechnet mit gut 10 000 Euro, die allein er und seine Familie für Überfahrten bisher zahlen mussten. "So einen Goldesel würde niemand freiwillig hergeben", sagt Härke.

Überhaupt scheint es heute so, als hätte der Freiversuch in Neuhaus vor allem unter den Vorzeichen des Geldes gestanden. Und daran hat auch Pfarrer Härke, der nach der Wende aus Friesland nach Neuhaus kam, seinen Anteil. "Vor der Rückgliederung stand für die niedersächsische Landesregierung ganz klar die Überlegung im Vordergrund, mit einem ostdeutschen Gebiet selbst zum Beitrittsgebiet der EU zu werden und so an Fördergelder zu kommen", sagt Härke. Er selbst habe die "intelligente Idee mit den Fördergeldern" gehabt und die Niedersachsen davon überzeugt. Zweifel daran, ob das richtig war, hat der Pfarrer aber keine. Er betont: "Schade an der Sache ist nur, dass es nicht gelungen ist, die Gelder richtig auszuschöpfen." (ddp)

Datum:  23 | 6 | 2009
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